Bevor der NSU-Prozess am Oberlandesgericht München begann, hieß es häufig, man solle von dem Verfahren nicht zu viel erwarten. Viele wiesen darauf hin, die Aufgabe der Richter sei es, zu prüfen, ob die Schuld von Beate Zschäpe und ihrer vier Mitangeklagten zu belegen sei. Es sei nicht ihre Aufgabe, das Versagen von Polizei und Verfassungsschutzämtern zu prüfen. Dafür gebe es den parlamentarischen Untersuchungsausschuss. So argumentierte in dieser Woche nicht zum ersten Mal auch die Staatsanwaltschaft.

Das Interesse der Nebenkläger und ihrer Vertreter aber war von Anfang an, auch die Rolle der staatlichen Stellen im Prozess zu thematisieren. Sobald es nun im Gerichtssaal genau darum ging, sobald das Verfahren den Charakter eines Untersuchungsausschusses angenommen hat und nicht eindeutig auf die mutmaßlichen Taten der Angeklagten abzielte, lud sich die sonst sehr sachliche Atmosphäre schnell auf.

In der vergangenen Prozesswoche etwa wurde ein ehemaliger Münchner Ermittler immer wieder gefragt, warum er nach dem Mord 2001 an dem Gemüsehändler Habil Kiliç bei seinen Ermittlungen nicht darauf gekommen sei, dass ein ausländerfeindliches Motiv der Grund sein könnte. Man habe, so der Polizist, die Verbindung zu den vorherigen Morden in Nürnberg und Hamburg durchaus gesehen, es sei schließlich dieselbe Waffe gewesen, doch sei man heute schlauer: "Versuchen Sie sich mal in unsere Lage zu versetzen!", entfuhr es dem Ermittler – worauf ein Vertreter der Nebenkläger ihn anherrschte: "Warum haben Sie nicht ermittelt?"

Von den Bundesanwälten hörte man in solchen Momenten häufig den Einwurf: "Das hat mit der Schuld- und Straffrage der Angeklagten nichts zu tun."

Den Nebenklägern gehe es um vollständige Aufklärung

Es ist verständlich, dass die Bundesanwaltschaft den Prozess vorantreiben will – ein Prozess, dem 1.000 Aktenordner zugrunde liegen. Bei dem 600 Zeugen erwartet werden. Der mindestens bis Januar 2014 dauern wird. Man dürfe, so argumentieren die Bundesanwälte, nicht vergessen, dass die Angeklagten Zschäpe und Ralf Wohlleben in U-Haft sitzen, seit bald zwei Jahren. Eine Verschleppung berge das Risiko, dass der Bundesgerichtshof die Untersuchungshaft sogar aufheben könnte (ein wohl eher theoretisches Risiko).

Die erste Aufgabe eines Strafprozesses ist es, die individuelle Schuld der Angeklagten aufzuklären. Sie müssen im Fokus stehen, denn es ist ihre Freiheit, die der Staat während des Prozesses mit dem heftigsten Mittel beschneidet, das er hat: Der Haft. Sie sind es, die die ganze Welt als Mörder ansieht. Es gilt die Unschuldsvermutung, bis die Schuld bewiesen ist, und sie gilt auch im NSU-Prozess. Das wissen auch die Vertreter der Nebenkläger, die meisten von ihnen sind ausgewiesene Strafverteidiger. Es ist das Recht aller Verfahrensbeteiligten, dass der Prozess so gründlich, aber auch so schnell wie möglich abläuft.

Und dennoch: Die "Untersuchungsausschuss-Fragen" sollten so viel Raum wie möglich bekommen. Eine politisch überaus bedeutsame Erklärung der Anwältin Doris Dierbach, die die Familie des Kasseler Opfers Halit Yozgat verritt, hat dargelegt, warum das so sein muss. Darin heißt es, dass ein Strafprozess eben nicht nur dazu diene, Beschuldigte zu überführen. "Ziel des Strafprozesses ist vielmehr die Schaffung von Rechtsfrieden 'auf dem Weg des gewissenhaften Strebens nach Gerechtigkeit'".

Den Nebenklägern gehe es nicht um Rache, sondern um vollständige Aufklärung, heißt es in der Erklärung, "wozu zwangsläufig auch die Aufklärung der Frage gehört, inwiefern bestimmte Geschehnisse durch Versagen der Ermittlungsbehörden begünstigt oder gar ermöglicht wurden". Und weil in NSU-Ausschüssen die Hinterbliebenen und Verletzten gar nicht gehört würden, bleibe nur der Prozess als Raum dafür.