NSU-Prozess : Enver Şimşeks Frau will Danke sagen

Im NSU-Prozess sagt ein Mann aus, der dem sterbenden Enver Şimşek geholfen hat. Ein Lichtblick im Mammutprozess, dessen Planung irritiert.

Adile Şimşek hat das nicht gewollt. Nach dem Gerichtstermin pressen sich draußen vorm Strafjustizzentrum die Journalisten um sie herum und fragen, wie es ihr nun gehe. Eigentlich war sie nur gekommen, um Danke zu sagen – sie wollte den Rettungsassistenten sehen, der ihrem Mann Enver vor fast 13 Jahren womöglich noch zwei Tage Leben schenkte. Dem, der vor Ort war und handelte, nachdem kurz zuvor zwei Täter ihren Mann mit acht Schüssen niedergestreckt hatten.

Am 21. Tag des NSU-Prozesses verhandelt das Münchner Oberlandesgericht weiter über den Mord am hessischen Blumenhändler Şimşek, der am 9. September 2000 in Nürnberg von zwei Schützen an seinem mobilen Stand überrascht wurde. Zwei Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. 

Für die Beobachter ist der Tag eine einzige Überraschung: eine Zeugenvernehmung im Schnelldurchlauf. Sechs Menschen sagen aus, zum Teil sind die Einlassungen nach fünf Minuten vorbei. Bundesanwalt Herbert Diemer spricht danach von einem "Verhandlungstag wie aus dem Bilderbuch".

André E. muss dem Prozess weiter folgen

Auch Adile Şimşek dürfte sich gewundert haben: Sie hatte als Nebenklägerin bislang nur am ersten Prozesstag im Gerichtssaal gesessen und die länglichen Befangenheitsanträge der Verteidiger von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben gehört. Damals kam es nicht einmal zur Feststellung der Personalien. Nun sitzt sie wieder neben ihrer Anwältin Seda Basay.

Sie verfolgt, wie zwei Kriminalhauptkommissare aus Nürnberg vernommen werden, die mit dem Fall befasst waren, außerdem ein Vater und dessen Sohn, die am Tattag vom Auto aus zwei Männer an Şimşeks Lieferwagen gesehen haben wollen. Dann sagt Andreas H. aus, der Nürnberger Rettungsassistent. Gegen Ende der Sitzung geht es schließlich erneut um den Mord an Abdurrahim Özüdogru, dem zweiten der Serie. Auch über den Antrag auf Beurlaubung vom Prozess, den der Mitangeklagte André E. am Vortag von seinen Verteidigern hatte stellen lassen, entscheidet Richter Manfred Götzl – E. muss weiter jeden Tag erscheinen. Für Donnerstag steht der Fall Habil Kilic auf der Tagesordnung. Er starb als viertes NSU-Opfer.

Stringenz sieht anders aus. Die Justiz tastet sich vom Vagen sehr langsam zum Konkreten. Bislang hat die Anklage sowohl im Fall Şimşek als auch im Fall Özüdogru zunächst bewiesen, dass die Morde überhaupt passiert sind. Bis zur Zuordnung zu den mutmaßlichen Tätern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wird es wohl noch lange dauern. Das muss nichts Schlechtes sein. Schließlich wünschen sich gerade die Überlebenden und Angehörigen der Opfer der NSU-Taten eine möglichst gründliche Aufklärung – auch Adile Şimşek, wie sie nach der Verhandlung sagt. Um die Verhängung der Höchststrafe gehe es ihr nicht.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren