"Gleichberechtigt", "keine, die sich unterordnet", genauso gewaltbereit wie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt – mit diesen Attributen hat der langjährige NSU-Helfer Holger G. die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe in seinem Geständnis beschrieben. Eine gefährliche Aussage ist dies für die Hauptangeklagte und kann somit ihren Anwälte gar nicht gefallen. Schließlich wolle sie den Vorwurf widerlegen, dass Zschäpe von den Morden ihrer beiden Kameraden wusste, sie gar als Mittäterin unterstützte.

An diesem 24. Verhandlungstag im NSU-Prozess hatte die Verteidigung nun Gelegenheit, einen BKA-Beamten zu befragen, der den Hauptbelastungszeugen G. insgesamt fünfmal befragt und darüber Protokoll geführt hat. Die meisten der Zschäpe belastenden Aussagen finden sich in diesen Abschriften, denn G. selbst hat vor Gericht nur eine Erklärung verlesen und dazu keine Fragen zugelassen. Zschäpes Anwälte hatten sich fest vorgenommen, die Glaubwürdigkeit der Protokolle zu zerpflücken, die um den Jahreswechsel 2011/2012, also kurz nach Bekanntwerden des NSU, angefertigt wurden. Damal saß G. in Untersuchungshaft, weil man seine Ausweisdokumente im ausgebrannten Wohnmobil von Mundlos und Böhnhardt gefunden hatte. Inzwischen ist er auf freiem Fuß und im Zeugenschutzprogramm.

"Allgemein wundern wir uns etwas. Die Vernehmungen erscheinen zeitlich relativ lang, die Protokollierung ist relativ kurz", konfrontiert Zschäpes Anwalt Wolfgang Heer den Ermittler, der G. damals befragte und dies im Anschluss schriftlich zusammenfasste. Heer führt ein Beispiel an: Über eine 45 Minuten lange Vernehmung von G. am 13. März sei nur eine Seite Protokoll abgetippt worden.

Der Beamte gerät ins Schwimmen

Der Kriminalbeamte im Zeugenstand reagiert irritiert und fühlt sich angegriffen. Offenbar werde ihm unterstellt, die Protokolle nicht richtig geführt zu haben, erwidert er. Zschäpes Anwalt widerspricht: Die Verteidigung habe nur "viele Fragen". Doch das Ziel ist bereits erreicht. Der bisher vor Gericht so sicher aufgetretene Beamte gerät ins Schwimmen: Es gebe nun mal belanglose Vorgespräche und Nachgespräche bei einer Vernehmung, außerdem eine rechtliche Belehrung. Nicht jede Frage, die ins Leere führe, werde aufgeschrieben, rechtfertigt er sich: "Es war ja die Verteidigung des Herrn G. dabei. Da werden wir schon nichts Böses mit Herrn G. gemacht haben", fügt er hinzu.

Doch Zschäpes Anwälten geht es naturgemäß nicht um das Schicksal von G., sondern um ihre Mandantin. Mit ihren detaillieren Kleinstfragen versuchen Heer und seine Kollegin Anja Sturm herauszufinden, ob vielleicht informelle Absprachen getroffen wurden. Ob G. bei den Vernehmungen vielleicht Wissen preisgab, das nicht im Protokoll stand, ob ihm Angebote von Seiten der Bundesanwaltschaft gemacht wurden. Schließlich strebt G., der wegen dreifacher Unterstützung einer kriminellen Vereinigung angeklagt ist, für sich die Kronzeugenregelung an – und damit eine milde Strafe.

Der BKA-Beamte beteuert, die mögliche Kronzeugenregelung sei in den Befragungen nie Thema gewesen. Auch habe er nie außerhalb der offiziellen Vernehmungstreffen mit G.s Anwalt über mögliche "Inhalte" der Aussage gesprochen.

Irgendwann reicht es dem Polizisten, er hat es satt, sich für seinen Vernehmungsstil und seine Protokolle zu rechtfertigen. "Das Ergebnis gibt uns schon recht", rutscht es ihm heraus. "Was meinen Sie damit?", fragt Anwalt Heer scharf. Der Beamte fühlt sich offensichtlich ertappt, antwortet in unvollständigen Sätzen, die keinen Sinn machen, er verhaspelt sich. Meine er mit "Ergebnis", dass es nun zu einem Gerichtsverfahren gekommen sei, fragt Heer. "Nein", sagt der Beamte schnell. An anderer Stelle betont er noch: G. habe seine Aussage immer freiwillig gemacht, auch die, mit denen er sich selbst als möglicher Unterstützer der Terrorgruppe belastete.