Woher kamen die Waffen, die der NSU besaß und durch die zehn Menschen starben? Die Frage bestimmt den 19. Tag im Münchner NSU-Prozess. Zwar hatte der Mitangeklagte Carsten S. bereits eingeräumt, dem Trio eine Waffe überbracht zu haben – dass es sich dabei jedoch um die Tatwaffe Ceska 83 handelte, benutzt bei neun Morden an Migranten, konnte er nicht versichern. Also ließen ihn die Ermittler bei zwei Vernehmungen aus mehreren Alternativen die Waffe identifizieren, die er überbracht haben soll. Eine Methode, die alle Zweifel ausräumen kann? Das muss das Gericht an diesem Tag klären.

S. erzählt, wie die Ermittler mit ihm arbeiteten: Die erste Befragung fand in Karlsruhe statt. Was er zu sehen bekam, waren nach seiner Aussage allerdings extrem schlecht kopierte Fotos, auf denen die Waffen kaum zu erkennen waren. "Ganz gruslige Kopien" hätten vor ihm gelegen. Die Bilder zeigten Stücke aus der sogenannten Waffenvergleichssammlung des Bundeskriminalamts. Die geborgenen Stücke aus der Zwickauer Brandruine, wo das NSU-Trio zuletzt gelebt hatte, sind teilweise zerstört.

Richter Manfred Götzl zeigt S. schließlich Farbfotos. Der Angeklagte sagt, solche Bilder habe er noch nie gesehen. Bei einem weiteren Verhör in Köln habe er die Waffenmuster schließlich direkt in Augenschein nehmen können. Etwa zehn Stück hätten auf dem Tisch gelegen, drei davon mit Schalldämpfer. Er sei sich zwar nicht absolut sicher gewesen, habe aber aus der Länge des aufgeschraubten Schalldämpfers auf das Exemplar geschlossen, das er überbracht haben könnte. Damit zeigte er auf eine Ceska 83.

Waffenvorlagen dieser Art sind ähnlich wie Gegenüberstellungen juristisch heikel. Im Wesen entsprechen sie einer Suggestivfrage, also einer Frage, die bereits die Antwort beinhaltet. Schließlich legt die Auswahl einer Handvoll Pistolen nahe, eine darunter sei die Tatwaffe. Wer wie die Angeklagten S. und G. kein ausgewiesener Waffenexperte ist, dürfte Schwierigkeiten haben, wenn er entscheiden muss: Welche der Pistolen könnte ich in der Hand gehabt haben – oder war es gar keine davon?

S. erinnert sich an weitere Details wie besondere Kanten an der Waffe und das Gewinde für den Schalldämpfer am Lauf – ansonsten scheint er nicht sehr sicher: "Die Waffengröße hat so hingehauen", beschreibt er den Auswahlprozess.

Noch unsicherer war sich Holger G., als er zur Identifizierung gebeten wurde. G. ist der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Er hat bereits eingeräumt, dem NSU-Trio mehrere Ausweise auf seinen Namen überlassen zu haben. Zudem gab er zu, ihnen im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben eine weitere Pistole überbracht zu haben. Mit dieser wurde jedoch offenbar niemand getötet. Der Waffentransport ist verjährt, dient der Bundesanwaltschaft jedoch zur Beweisführung.

Der BKA-Kommissar Andreas V. legte G. neun Modelle vor. Sie entsprachen denen, die Polizisten aus der abgebrannten Wohnung geholt hatten. Das Gericht hat den Ermittler als Zeugen geladen, um sich ein Bild von der Verhörsituation zu machen. Schnell wird klar, dass kein ausgewiesener Ballistiker G. die Waffen zeigte. V. sagt, dass er nicht weiß, wie die präsentierten Exemplare heißen, er ließ sie sich damals ebenfalls aus der Vergleichswaffensammlung liefern.