NSU-ProzessDie heikle Suche nach der NSU-Mordwaffe

Das Bundeskriminalamt hat die Angeklagten im NSU-Prozess Waffen identifizieren lassen. Dabei könnten die Ermittler Fehler gemacht haben. von 

Die Pistole Ceska 83, 7,65 Browning mit Schalldämpfer war in neun der zehn NSU-Morde die Tatwaffe (Archiv).

Die Pistole Ceska 83, 7,65 Browning mit Schalldämpfer war in neun der zehn NSU-Morde die Tatwaffe (Archiv).  |  © Alex Grimm/Getty Images

Woher kamen die Waffen, die der NSU besaß und durch die zehn Menschen starben? Die Frage bestimmt den 19. Tag im Münchner NSU-Prozess. Zwar hatte der Mitangeklagte Carsten S. bereits eingeräumt, dem Trio eine Waffe überbracht zu haben – dass es sich dabei jedoch um die Tatwaffe Ceska 83 handelte, benutzt bei neun Morden an Migranten, konnte er nicht versichern. Also ließen ihn die Ermittler bei zwei Vernehmungen aus mehreren Alternativen die Waffe identifizieren, die er überbracht haben soll. Eine Methode, die alle Zweifel ausräumen kann? Das muss das Gericht an diesem Tag klären.

S. erzählt, wie die Ermittler mit ihm arbeiteten: Die erste Befragung fand in Karlsruhe statt. Was er zu sehen bekam, waren nach seiner Aussage allerdings extrem schlecht kopierte Fotos, auf denen die Waffen kaum zu erkennen waren. "Ganz gruslige Kopien" hätten vor ihm gelegen. Die Bilder zeigten Stücke aus der sogenannten Waffenvergleichssammlung des Bundeskriminalamts. Die geborgenen Stücke aus der Zwickauer Brandruine, wo das NSU-Trio zuletzt gelebt hatte, sind teilweise zerstört.

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Richter Manfred Götzl zeigt S. schließlich Farbfotos. Der Angeklagte sagt, solche Bilder habe er noch nie gesehen. Bei einem weiteren Verhör in Köln habe er die Waffenmuster schließlich direkt in Augenschein nehmen können. Etwa zehn Stück hätten auf dem Tisch gelegen, drei davon mit Schalldämpfer. Er sei sich zwar nicht absolut sicher gewesen, habe aber aus der Länge des aufgeschraubten Schalldämpfers auf das Exemplar geschlossen, das er überbracht haben könnte. Damit zeigte er auf eine Ceska 83.

Waffenvorlagen dieser Art sind ähnlich wie Gegenüberstellungen juristisch heikel. Im Wesen entsprechen sie einer Suggestivfrage, also einer Frage, die bereits die Antwort beinhaltet. Schließlich legt die Auswahl einer Handvoll Pistolen nahe, eine darunter sei die Tatwaffe. Wer wie die Angeklagten S. und G. kein ausgewiesener Waffenexperte ist, dürfte Schwierigkeiten haben, wenn er entscheiden muss: Welche der Pistolen könnte ich in der Hand gehabt haben – oder war es gar keine davon?

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S. erinnert sich an weitere Details wie besondere Kanten an der Waffe und das Gewinde für den Schalldämpfer am Lauf – ansonsten scheint er nicht sehr sicher: "Die Waffengröße hat so hingehauen", beschreibt er den Auswahlprozess.

Noch unsicherer war sich Holger G., als er zur Identifizierung gebeten wurde. G. ist der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Er hat bereits eingeräumt, dem NSU-Trio mehrere Ausweise auf seinen Namen überlassen zu haben. Zudem gab er zu, ihnen im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben eine weitere Pistole überbracht zu haben. Mit dieser wurde jedoch offenbar niemand getötet. Der Waffentransport ist verjährt, dient der Bundesanwaltschaft jedoch zur Beweisführung.

Der BKA-Kommissar Andreas V. legte G. neun Modelle vor. Sie entsprachen denen, die Polizisten aus der abgebrannten Wohnung geholt hatten. Das Gericht hat den Ermittler als Zeugen geladen, um sich ein Bild von der Verhörsituation zu machen. Schnell wird klar, dass kein ausgewiesener Ballistiker G. die Waffen zeigte. V. sagt, dass er nicht weiß, wie die präsentierten Exemplare heißen, er ließ sie sich damals ebenfalls aus der Vergleichswaffensammlung liefern.

Leserkommentare
  1. Ungläubiges Erstaunen und dann Bestürzung macht sich bei mir breit, ob solchem Dilettantismus. Auf wirklich hohem Niveau.

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  2. "Informant aus der mafiösen Organisation türkischer Nationalisten" venrommen, mit dem die Soko Nürnberg im August 2011 über die Überführung der Mordwaffe aus der Schweiz verhandelt hat?
    http://www.spiegel.de/pan...

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    Mehmet spielt keine Rolle! Die Beweise sprechen für sich, die Mörder waren deutsche Neonazis die aus rassistischen Motiven acht türkischstämmige und einen griechischer Kleinunternehmer ermordeten, der Tod der deutschen Polizistin spielt,wenn überhaupt, eine beiläufige Rolle, denn weder die Kanzlerin,noch der Bundespräsident hat sich bei deren Angehörigen entschuldigt.

    Dem Bericht des Spiegels, hängen doch heute nur noch Verschwörungstheoretiker an, denn wie sich herausgestellt hat,haben türkische Nationalisten mit den Morden nichts zu tun.

  3. 3. Mehmet

    Mehmet spielt keine Rolle! Die Beweise sprechen für sich, die Mörder waren deutsche Neonazis die aus rassistischen Motiven acht türkischstämmige und einen griechischer Kleinunternehmer ermordeten, der Tod der deutschen Polizistin spielt,wenn überhaupt, eine beiläufige Rolle, denn weder die Kanzlerin,noch der Bundespräsident hat sich bei deren Angehörigen entschuldigt.

    Dem Bericht des Spiegels, hängen doch heute nur noch Verschwörungstheoretiker an, denn wie sich herausgestellt hat,haben türkische Nationalisten mit den Morden nichts zu tun.

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    Die Kanzlerin und der Bundspräsident haben sich vor den Angehörigen der türkischen Opfer entschuldigt, weil sie deutsche Nationalisten sind? Deutsche Nationalisten sind sie nicht. Von Logik wäre es deswegen so wahrscheinlicher: sie haben sich entschuldigt, weil sie Staatsleute sind, und der Staat hat ermordet. Die Polizistin gehört auch zu den Staatsleute (auf viel niedrigerem Niveau, aber trotzdem), deswegen sahen die oberste Staatsleute es nicht nötig, sich vor ihren Angehörigen zu entschuldigen.

    "Dem Bericht des Spiegels, hängen doch heute nur noch Verschwörungstheoretiker an, denn wie sich herausgestellt hat,haben türkische Nationalisten mit den Morden nichts zu tun."

    ...

    Ganz konkret lautet die Frage, wer hat gemordet, wer die zu Last der NSU begangenen Taten ausgeübt hatte.

    Welche Hintergründen, Motiven, Netze, ihre wechselwirkende lose Einflussnahme, Zwecke verfolgt werden, ist die Frage die dieses Verfahren beim besten Willen allen Teilnehmer, der Angeklagten, der Staatsanwaltschaft, der Richter und Öffentlichkeit nicht beantworten kann.

    Das alles ist aber auf gar keinen Fall der ganzen Geschichte und allen Hintergründen, Motiven und Zielen die hinter NSU verschleiert werden.

    Und es ist keine Verschwörung. Zwischen den Teilen der Geheimdienste, nicht transparenten Teilen der exekutiven macht und Teilen der organisierten Kriminalität bestanden, bestehen und werden in der Zukunft besondere Verbindungen bestehen.

    Die Zweckmäßigkeit, Zielsetzung, die Weise des Missbrauchs, unterschiedliche private Vorteilsannahmen sind sehr wohl berechtigt im Interesse der Öffentlichkeit vorgedrungen.

    Das alles ändert nichts auf der Tatsache, dass die deutsche Nationalisten die türkische Mitbürger gezielt getötet haben. Warum sie es aus eigenen Motiven und Trieben getan haben ist die wichtigste Frage des Prozesses. Ob u. wer auf die Verkettung der Bedingungen die zu solchen tragischen Fällen beigetragen hatte, ändert nicht auf ihrer nachweisbarer Existenz

  4. Mit der angeblichen Tatwaffe konnte kein Beschuss mehr durchgeführt werden. Es ist also keineswegs sicher, dass eine der vorgelegten Waffen die Tatwaffe ist.

    Es ist doch dummerhaftig Zeug, ein Sammelsurium auf dem Tisch auszubreiten und dann zu einem plauderfreudigen Zeugen zu sagen: "Nun, welche Waffe haben sie denn geliefert". Nach 10 Jahren. "Und bitte ohne jeden Zweifel". Und dann soll das die Tatwaffe in 9 Mordfällen sein. Sind wir in der Klippschule?

    Selbst wenn er eine Waffe an den 9 Kerben erkennen sollte, reicht das noch nicht, um eindeutig festzustellen, dass das die Tatwaffe ist. Denn "der Unbekannte", der die Zeugen aus dem Haus zu einem langen Cafe-Frühstück geschickt hat (ich habe noch nie einen Handwerker kennengelernt, der die Frühstückspause in einem Café verbringt) hat die Waffe, die man in der Wohnung platzierte, mit besonders viel Benzin übergossen, damit sie auf keinen Fall zu identifizieren sei. Wenn Zschäpe die Wohnung angezündet hätte, hätte sie die besonders belastenden Beweisstücke wohl eher aus der Wohnung gebracht und in die Mulde geschmissen.

    Wie hier vom Gericht vorgegangen wird, kann man jede beliebige Cheska 83 mit Schalldämpfer als Beweisstück bestimmen. In den Asservatenkammern und Laboren der Kriminaltechnischenuntersuchungsstellen sollen davon 50 alleine in Deutschland lagern. Jetzt 49.

    Ich glaube den Brüdern vom Verfassungsschutz und vom BKA doch kein Wort mehr.

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    "...Mit der angeblichen Tatwaffe konnte kein Beschuss mehr durchgeführt werden. Es ist also keineswegs sicher, dass eine der vorgelegten Waffen die Tatwaffe ist...."

    Ich lese das immer wieder, bislang hat mir niemand eine seriöse Quelle für die angebliche Unbrauchbarkeit und die daraus abgeleiteten Zweifel an der Identifikation als Tatwaffe nennen können. Dass die Waffe und vieles an anderen Materialien auch nach dem Brand intakt geborgen werden konnten, wird übrigens GERADE auf die (ja unbeabsichtigte) Verpuffung zurückgeführt.

    • cafbad
    • 05. Juli 2013 7:12 Uhr

    Das Problem ist doch bei jedem Prozess, dass Vorgängen aus dem Leben Absichtlichkeit und Wohlüberlegtheit unterstellt werden.

    Das beinhaltet aber ein Problem: Sämtliche einschlägige Forschung (vgl. beispielsweise die Forschungen von D. Kahneman oder L. Festinger) zeigt , dass die meisten Handlungen - auch bedeutsamere, wie Autokauf oder Entscheidungen über Gesuche Gefangener - eben keinesfalls wohlüberlegt und rational erfolgen, sondern auf der Basis sehr einfacher, grober Verhaltens- und Handlungsmaximen (z.B. der Verkäufer hat so eine sonore Stimme) oder äußerlicher Umstände (z.B. Blutzuckerkonzentration, Müdigkeit etc.). Sie werden allenfalls im Nachhinein vom Handelnden mit Überlegungen rationalisiert, die er vor der Handlung gar nicht angestellt hat.

    In Prozessen werden Handlungen, die so zustande gekommen sind, nun unter der Prämisse der Absichtlichkeit und Überlegtheit betrachtet und es wird nach dem Nutzen einer Handlung gefragt ("cui bono?"), was aber dann häufig völlig an dem vorbeigeht, was eigentlich für die Handlung verantwortlich war.

    Stellt man dann fest, dass etwas nicht so geschah, wie es hätte geschehen sollen, wird gerne eine von drei "Erklärungen" herangezogen. Die Handlung geschah aus ...
    * böser Absicht
    * Dummheit oder
    * weil der Handelnde verrückt ist.

    Nicht, dass Menschen nicht manchmal Dummes tun, verrückt oder böswillig handeln - nur eben bei weitem nicht so häufig, wie wir gerne annehmen. So kommen dann schnell Verschwörungstheorien zustande.

    2 Leserempfehlungen
  5. eine Zusammenfassung von der NSA beantragen,
    wenn man einen Zeugen nicht (gewollt) verunsichern möchte.

    Eine Leserempfehlung
  6. "...Mit der angeblichen Tatwaffe konnte kein Beschuss mehr durchgeführt werden. Es ist also keineswegs sicher, dass eine der vorgelegten Waffen die Tatwaffe ist...."

    Ich lese das immer wieder, bislang hat mir niemand eine seriöse Quelle für die angebliche Unbrauchbarkeit und die daraus abgeleiteten Zweifel an der Identifikation als Tatwaffe nennen können. Dass die Waffe und vieles an anderen Materialien auch nach dem Brand intakt geborgen werden konnten, wird übrigens GERADE auf die (ja unbeabsichtigte) Verpuffung zurückgeführt.

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    tatsächlich ließt man das ohne Quellenangabe häufig.
    In meiner Erinnerung sind etwa 550-600°C für eine plastische Veränderung an "Rohrstählen" mindestens erforderlich.
    Selbst wenn eine 2-3 mal heißere Flammenfront darüber läuft dürfte dies kaum zur nötigen Aufheizung ausreichen.
    Nun zeigen die BKA-Bilder einen montierten, erheblich angegriffenen Schalldämpfer dessen Hülle einer längeren Wärmeeinwirkung ausgesetzt gewesen ist, denn dessen Aluminiumhülle erscheint stark oxidiert. Ein Vorgang der nicht durch kurzfristigen Kontakt mit einer Stichflamme verursacht sein kann? Da Alu-Legierungen sich ab etwa 680 °C entfestigen und eine Oxidation stattfindet müssten im Bereichd es Schalldämpfers doch auch entsprechende Mindesttemperaturen erreicht, und eine Zeit lang gehalten, worden sein?
    Schon wegen der bekannten Werkstoffe sollte das erreichte, und in dne Zersetzungserscheinungen dokumentierte, Temperaturspektrum doch rekonstruierbar sein?

    Das ausgerechnet bei diesem Fall kein Waffensachverständiger bemüht wurde, bleibt mir unverständlich.

    Peter

    2Das wissen Sie woher?"

    Aus der Anklageschrift. Es ist kein Beschussprotokoll beigelegt, weil es nicht existiert.

  7. Soll das ein Scherz sein? Die Maschinenpistolen sollen der Vollständigkeit halber vorgelegt worden sein? Wenn jemand nach einer Fahrerflucht von einem Kleinwagen redet, würde man ihm also auch Bilder eines Gelände- oder Sportwagens vorlegen? Und wenn jemand einen Täter als weiß, blond, blauäugig beschreibt, wären bei der Gegenüberstellung dann auch dunkelhäutige Menschen mit dabei?

    Ist das noch Dilletantismus oder schon Vorsatz?

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    • shtok
    • 05. Juli 2013 9:28 Uhr

    oder als Alternative bei Indizienprozessen kann die Anklage schon mal gegen die Wand fahren, wenn nicht alle Räder ausreichend geölt wurden und diese dann nicht auch schlüssig ineinandergreifen.

    @Thema
    Carsten Schultze kann sich nicht dran erinnern, wann er Wohlleben und die beiden Uwes getroffen hat, kann aber die Waffe zweifelsfrei identifizieren. Da führen wohl Blinde einen Blinden. Wenn es so weitergeht kann, man allen Beteiligten nur Glück wünschen und - Coram iudice et in alto mari sumus in manu Dei. - bestätigt sich wieder.

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  • Schlagworte Manfred Götzl | Bundesanwaltschaft | Bundeskriminalamt | Gericht | NSU
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