NSU-Prozess : Ein Schwätzchen mit Zschäpe unterm Hitlerbild

Ein Nachbar erzählt vom Alltag mit der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe. "Lieb und gut" sei sie gewesen. Geplauscht wurde vor Nazi-Insignien. Von T. Sundermann
Beate Zschäpe Mitte Juni im NSU-Prozess © Christof Stache/Reuters

Irgendwann stand diese Susann Dienelt vor der Tür. 2009 war das, da wohnte Olaf B. schon ein Jahr in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau. "Hallo, ich bin die neue Nachbarin", so ungefähr habe sie sich vorgestellt. Frau Dienelt war mit ihren Mitbewohnern nebenan eingezogen. Die Namen der beiden verriet sie nie. Der eine sei ihr Freund, der andere dessen Bruder – das stellte sie gleich mal klar, damit es "kein Gerede" gebe, erzählt Olaf B. Dass die drei von nebenan mutmaßlich für den Tod von zehn Menschen verantwortlich sind, wusste B. nicht. Susann Dienelt war ein Tarnname. Die neue Nachbarin war Beate Zschäpe.

Im NSU-Prozess nähert sich der Strafsenat langsam der Hauptangeklagten Zschäpe. Erste Einblicke gaben Polizisten und Ermittler von LKA und BKA, die kurz mit Zschäpe gesprochen hatten. Doch die Persönlichkeit der mutmaßlichen Terroristin bleibt ein Rätsel: Wie verhielt sie sich im Alltag, als die Fassade eines normalen Lebens mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt noch intakt war? Das sollen die Nachbarn in diesen Tagen als Zeugen klären.

Neben Olaf B. sagen an diesem Mittwoch ein Zwickauer Ermittler und ein Brandgutachter des LKA aus, die sich mit der mutmaßlich von Zschäpe angezündeten Wohnung beschäftigt haben; außerdem eine Passantin, die Zschäpe am Brandort traf.

Wie die Angeklagte sich gab, was sie sagte – das spielt eine erhebliche Rolle bei der Urteilsfindung. Denn ihre Aufgabe war es der Anklage zufolge, die Dreiergruppe "in ihrem sozialen Umfeld zu legendieren und abzutarnen". Also ein geregeltes, bürgerliches Leben vorzutäuschen, damit Mundlos und Böhnhardt ungestört hätten töten können. Sollte Zschäpe diese Rolle nachgewiesen werden, kann sie wegen Mittäterschaft an den Morden verurteilt werden.

Die Ankläger sehen sie als eine Art Leitfigur der rechtsextremen Terrorgruppe – zumindest war sie eine Art Außenministerin, wie die Aussage des Nachbarn Olaf B. nahelegt. Mit Frau Dienelt habe er öfters "Schwätzchen über Gott und die Welt" gehalten. Den namenlosen Männern, die er später bei der Polizei auf Fotos als Mundlos und Böhnhardt identifizierte, habe er lediglich "mal Guten Tag und Guten Weg" gesagt. Manchmal habe er sie gesehen, wie sie ihre Mountainbikes in den Keller stellten. Dabei hätten sie häufig Radlerkleidung getragen. Ein interessantes Detail: An den Tatorten, an denen Enver Şimşek und Habil Kiliç aufgefunden wurden, wollen Zeugen Männer in Radfahrerkleidung gesehen haben.

Kein Kontakt zu den Uwes

Die Uwes, habe Zschäpe dem selbstständigen Handwerker erzählt, überführten beruflich Autos, deshalb würden öfters unterschiedliche Fahrzeuge hinterm Haus stehen. Das sei ihm plausibel vorgekommen, sagt der heute 44-jährige Olaf B. Es ist sein Lieblingswort: Dass Zschäpe so oft zu Hause war, weil sie vom heimischen Computer aus arbeitete, dass die Urlaube der drei auf Fehmarn gerne mal sechs Wochen dauerten – alles "plausibel".

Am 4. November 2011, als Zschäpe der Anklage zufolge das Haus in Brand steckte, verlor B. seine Wohnung. Als er im Fernsehen das Wohnmobil sah, in dem sich Mundlos und Böhnhardt erschossen hatten und bemerkte, dass genau dieses Modell zuvor neben dem Haus gestanden hatte, da muss ihm das Verhalten der drei erstmals unplausibel erschienen sein.

Zuvor pflegte Olaf B. offenbar ein herzliches Verhältnis zu der scheinbaren Frau Dienelt. "Sie war eine liebe, gute Nachbarin." Selbst einen Spitznamen habe sie gehabt: Dienelt-Maus, wegen ihrer Ähnlichkeit zur Plüschfigur Diddl-Maus. Als B. einmal draußen mit Freunden ein Fußballspiel im Fernsehen anschaute, brachte sie der Runde eine Familienpizza runter. Von da an kam sie öfters am Abend und trank ein Bier oder einen Prosecco mit der Clique. Eine freundliche Nachbarschaft, in der man rasch in Kontakt kam. "So ist das im Osten", sagt B.

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Kommentare

80 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Urteilsfindung

Zitat"'Zitat: "Wie die Angeklagte sich gab, was sie sagte –das spielt eine erhebliche Rolle bei der Urteilsfindung.'

Und genau deshalb haben wir es mit einem Schauprozess zu tun. Ansonsten würden Fakten und Beweise eine Rolle spielen und nicht "wie sich die Angeklagte gab und was sie sagte."

Zur Urteilsfindung gehört auch die Strafzumessung. Bei der Strafzumessung spielt die Schuld des Täters eine tragende Rolle und dabei ist gem. § 46 StGB insbesondere abzuwägen:
- die Beweggründe und die Ziele des Täters,
- die Gesinnung, die aus der Tat spricht, und der bei der Tat aufgewendete Wille,
- das Maß der Pflichtwidrigkeit,
- die Art der Ausführung und die verschuldeten Auswirkungen der Tat,
- das Vorleben des Täters, seine persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse

Offensichtlich wurde der Nachbar hier zu den persönlichen Verhältnissen befragt.

Dies sieht unser Rechtssystem so vor und hat mit einem Schauprozess so gar nichts zu tun.