Sie erscheint oft betont schick. Mal kommt Beate Zschäpe in schwarzem Damensakko und schwarzer Jeans, dann folgt ein silbriger Hosenanzug. Demonstrativ stellt sich die 38-Jährige jeden Morgen mit dem Rücken den Fotografen entgegen. Der Auftritt im Saal A101 des Münchener Oberlandesgerichts wirkt selbstbewusst. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess signalisiert Lebenswillen, mag das die Öffentlichkeit auch irritieren und die Angehörigen der Opfer des NSU-Terrors verstören. Zschäpe präsentiert sich, als könnte sie bald das Gericht verlassen.

Einfach nur dreist, ja irrational? Immerhin droht ihr eine lange Haftstrafe. Die Frau aus Thüringen ist angeklagt, bei allen Verbrechen des NSU die Mittäterin gewesen zu sein.

Selbst wenn das nicht nachzuweisen sein sollte – mehrere Jahre Gefängnis sind schon fällig, weil Zschäpe im November 2011 in Zwickau die Wohnung angezündet hat, in der sie sich mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt versteckte. Zschäpes Verhalten im Gericht erscheint makaber, aber vielleicht steckt mehr dahinter. Es gibt einen Hinweis, dass sie endlich ein normaler Mensch sein möchte. Dass sie keine Normalität vortäuschen möchte wie in den fast 14 Jahren im Untergrund, als sie freundlich mit ahnungslosen Nachbarn verkehrte.

Als ihr im Juni 2012 ein Beamter des Bundeskriminalamts erzählte, die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht führe heute ein neues Leben, mit anderem Namen und einem angesehenen Beruf, sagte Zschäpe, das wäre das, was sie auch gerne möchte. So hat es der BKA-Mann am Mittwoch dem sechsten Strafsenat berichtet

Zschäpe wollte nicht beichten

Zschäpe hörte, wie seit Beginn des Prozesses, schweigend zu. Der Beamte hatte ihr die Geschichte Albrecht, die an Mordanschlägen beteiligt war, nicht ohne Kalkül erzählt. Albrecht hatte 1991 in ihrem Prozess ein umfassendes Geständnis abgelegt und kam nach fünf Jahren Haft auf Bewährung frei. Das BKA hoffte, Zschäpe zu einer ähnlichen Lebensbeichte veranlassen zu können.

So verwickelte der Polizist die Frau bei einer Fahrt von der JVA Köln-Ossendorf zur JVA Gera, wo sie Mutter und Großmutter treffen konnte, immer wieder in Gespräche. Das war juristisch heikel, Zschäpe hatte keinen Anwalt an ihrer Seite und die Bundesanwaltschaft hatte den Verzicht auf eine Vernehmung zugesichert. Zschäpe blieb allerdings stur und äußerte sich nicht zum Nationalsozialistischen Untergrund. Und sie tut es erst recht nicht im Beisein ihrer Verteidiger. Aus prozesstaktischen Gründen wollen diese nicht, dass Zschäpe redet.

Dennoch bekommt das Bild dieser Frau nach sieben Prozesswochen etwas mehr Farbe. Sie sieht nicht aus wie eine verbiesterte Fanatikerin, die sich auf ewig dem bewaffneten Kampf verschrieben hat. Aber es bleiben Zweifel. Zschäpe mag auf eine bürgerliche Perspektive hoffen, doch hat sie sich vom Rechtsextremismus gelöst? Oder will sie etwa beides kombinieren? Das wäre für Teile der ostdeutschen Gesellschaft vermutlich nicht untypisch. Rechtsextremisten, die Anfang der 1990er Jahre in Hoyerswerda, Rostock und anderen Orten Flüchtlingsheime attackierten, sind heute oft Durchschnittsbürger. Doch Anzeichen, es könnte sich etwas in den Köpfen geändert haben, sind selten.

Liebesbrief an einen Rechtsextremen

Dass Zschäpe zu den Tatvorwürfen nichts sagt, ist das Recht eines jeden Angeklagten. Aber Schweigen bedeutet auch, dass aus Zschäpes Mund keine Umkehr zu hören ist. Und der Verdacht, die Angeklagte könnte weiterhin zumindest Sympathie für die braune Szene hegen, ist nicht verblasst. Am Rande der Hauptverhandlung wurde ein Liebesbrief bekannt, den Zschäpe im März einem in Bielefeld einsitzenden Häftling geschrieben hatte, der aus der rechten Szene in Dortmund stammt und eine Strafe wegen schwerer räuberischer Erpressung verbüßt. Ist Zschäpe deshalb die Liaison eingegangen?

Sie hat darauf verzichtet, Verteidiger in der rechten Szene zu suchen. Und nach der Festnahme zeigte sie sich bei der Polizei erleichtert, den Untergrund verlassen zu haben. Hatte sie zu Beginn wohl noch Selbstmordgedanken, scheint sie jetzt gefestigter. Nach dieser Zäsur verwundert es nicht, dass Zschäpe, trotz der Aussicht auf viele Jahre Haft, wenn nicht sogar Sicherungsverwahrung, doch auf ein normales Leben hofft. Es könnte ein erster Schritt auf dem Weg sein, den schließlich auch Susanne Albrecht gegangen ist. Zschäpe hat im November 2011 der Polizei gesagt, sie habe sich nicht gestellt, um nichts zu sagen. Mehr kam bislang nicht. Wie lange hält Zschäpe den Widerspruch aus? Der NSU-Prozess könnte zwei Jahre dauern.

Erschienen im Tagesspiegel