Brasilien-Reise : Franziskus ruft Jugend zu politischem Engagement auf

Der Papst will die Katholiken aufrütteln. Von der Jugend forderte er politische Einmischung, von den Bischöfen mehr Dialog. So will er den Mitgliederschwund aufhalten.
Betende Pilger an der Copacabana in Rio de Janeiro © Stefano Rellandini/Reuters

Papst Franziskus hat auf dem Weltjugendtag in Rio de Janeiro die jungen Katholiken zum Kampf für eine bessere Welt aufgerufen. "Mischt euch ein! Ihr seid die Erbauer einer besseren Welt", rief der Papst den Teilnehmern an Rios Copacabana-Strand zu.

Der Papst forderte die Jugendlichen auf, keine Teilzeit-Christen zu sein und sich für eine Welt der Gerechtigkeit einzusetzen. Sie sollten die Apathie überwinden und eine christliche Antwort auf die sozialen und politischen Unruhen geben, die es in verschiedenen Teilen der Welt gebe. "Seid Protagonisten, spielt nach vorne, geht nach vorne, baut eine Welt der Gerechtigkeit, der Liebe, der Brüderlichkeit, der Solidarität", sagte er.

Etwa zwei Millionen Menschen aus 175 Ländern hatten sich am Strand der Metropole versammelt, um den Worten des Papstes zu folgen. Am heutigen Sonntag wird Franziskus an der Copacabana die Abschlussmesse zum Weltjugendtag halten. Zum abschließenden Gottesdienst werden neben Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff auch Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner und Boliviens Staatschef Evo Morales erwartet.

Papst ruft Kirche zum Dialog mit Abtrünnigen auf

Am gestrigen Samstag hatte Franziskus bereits den Vertretern der brasilianischen Kirche ins Gewissen geredet. In seiner Predigt in der Kathedrale von Rio appellierte er an Bischöfe, Priester, Ordensleute und Seminaristen, sich um diejenigen zu kümmern, die sich vom Glauben abgewandt haben. Die katholische Kirche müsse sich damit auseinandersetzen, dass Menschen sie verließen, weil sie glaubten, dass die Kirche ihnen nichts Bedeutendes mehr bieten könne.

Viele Menschen suchten in anderen Religionen nach Antworten oder hätten sich vollständig vom Glauben abgewandt, sagte Franziskus. Die Kirche müsse unerschrocken damit umgehen und mit ihnen in den Dialog treten. Die Priester sollten mutig die Ränder der Gesellschaft aufsuchen und auch dort den Glauben unter den Armen und Ausgestoßenen verbreiten.

Damit bekräftigte der Papst die Botschaft, die er seit Beginn der siebentägigen Veranstaltung verbreitet: Angesichts schwindender Mitgliederzahlen in Europa und der Konkurrenz durch evangelikale Gruppen in Lateinamerika müsse sich die katholische Kirche radikal verändern. Am Donnerstag hatte Franziskus junge Argentinier sogar aufgerufen, in ihren Diözesen für Unruhe zu sorgen – auch auf Kosten einer möglichen Konfrontation mit ihren Bischöfen und Priestern.

Der Besuch des Weltjugendtags in Brasilien war die erste Auslandsreise von Franziskus seit seiner Wahl zum Papst im März. Am Abend fliegt er zurück nach Rom.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Sehe ich ähnlich

Ihre Befürchtungen erscheinen auch mir durchaus realistisch.

Vielen ist gar nicht bewusst, wie allergisch beispielsweise die USA auf das 2. vatikanische Konzil, und besonders die Befreiungstheologie reagiert haben. Noam Chomsky, der ja selbst US-Bürger und Atheist ist, hat darauf schon häufig hingewiesen - und beispielsweise in den geleakten Botschafts-Depeschen kann man schwarz auf weiss nachlesen, dass die US-Regierung die Befreiungstheologie auch heute noch als sehr reale "Bedrohung" betrachtet und Gegenmassnahmen verfolgt.
Dass nun ein Papst kommt, der damit wirklich Ernst machen will und sich vor Allem für die Armen und Unterdrückten einsetzen will - das kann diesen Leuten nicht gefallen.

ich habe da leider andere Erfahrungen als Sie

ich habe schon viele solche Diskusionen geführt. Sehr hofft höre ich von den Gläubigen Sätze wie " man muß doch an etwas glauben ", " es geht doch nicht,daß man an nichts glaubt "
Das ist für mich Intoleranz.

Wahrscheinlich kommt es auch darauf an mit wem man diskutiert.
Allgemeines Religions-Bashing versuche ich jedenfalls nicht zu betreiben.

"Man muss doch an etwas glauben ..."

Ich würde diese Aussage nicht Intoleranz nennen. Sie ist vielmehr ein Zeichen der Hilflosigkeit und der Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren, wenn man sich auf eine Auseinandersetzung mit einem sogenannten "Ungläubigen" einlässt. Aber vielleicht haben Sie ja recht und Intoleranz ist der Abwehrmechanismus, wenn jemand meine Position in Frage stellt, derer ich mir selber nicht so absolut sicher bin.