WeltjugendtagEin Leben im Elend von Vila Mimosa

"Vergesst die Armen nicht", sagt Papst Franziskus: Zwei Ordensschwestern leben in Rio auf einem Straßenstrich und helfen dort den Prostituierten. von 

Vila Mimosa in Rio de Janeiro

Vila Mimosa in Rio de Janeiro  |  © Spencer Platt/Getty Images

Es stinkt nach Urin und Erbrochenem. Auf alten Fernsehschirmen laufen Pornofilme, die sich volltrunkene Männer ansehen, um in Stimmung zu kommen. Die Frauen, die auf dem Straßenstrich von Vila Mimosa und seinen dunklen Baracken in Rio de Janeiro arbeiten, sind ganz unten angekommen. "Wer hier überleben will, braucht ein Stück Brutalität", sagt die Brasilianerin Cicera (53). Sie hat diese Hölle selbst jahrelang in der Vila Mimosa durchlebt, ehe ihr der Absprung gelang.

Möglich gemacht haben dies die Ordensschwestern Maribel Pérez León und Veronique Tirepied von den "Missionarinnen des Lebens". Sie tragen ein einfaches blaues Kleid, ein Holzkreuz baumelt um ihren Hals. Ihre Unterkunft, nur einen Steinwurf vom Straßenstrich entfernt im Herzen von Rio de Janeiro, ist schlicht. Es gibt nur eine Toilette, der Putz bröckelt von den Wänden. Die Armut dieses Viertels hat sich auch bei den Schwestern eingenistet.

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Der am Montag von den Brasilianern begeistert empfangene Franziskus wird während seines Brasilien-Aufenthaltes genau solche Plätzen besuchen. Er wird in ein Armenviertel gehen, eine Drogenentzugsklinik besuchen und mit jugendlichen Strafgefangenen sprechen. Für Schwester Maribel sind solche Besuche an den Krisenherden menschlichen Lebens wichtige Signale für eine kriselnde Kirche. Und sie spürt die Rückendeckung des Papstes: "Wir haben jetzt ganz oben jemanden, der ist einer von uns."

Gespräche ohne Vorbedingungen

Die beiden Schwestern gehen dorthin, wo der Staat schon lange aufgegeben und die Frauen ihrem Schicksal überlassen hat. "Wir bieten den Frauen ein Gespräch an, ohne Vorbedingungen", sagt Maribel. Auch dabei beruft sie sich auf Papst Franziskus und seinen mittlerweile schon legendären Satz: "Vergesst die Armen nicht."

Was das heißt, zeigen Maribel und Veronique jeden Tag, wenn sie die Schritte hinüber laufen auf den gottverlassenen Straßenstrich von Vila Mimosa: "Für uns sind sie prostituierte Schwestern, nicht einfach nur Prostituierte." Mit etwa 15 bis 30 Frauen kommen sie so in der Woche ins Gespräch. Es geht vor allem darum, den Prostituierten zuzuhören. "Kein Tag ist wie der andere", sagt Marie-Belle. Auch weil jede Leidensgeschichte anders ist.

So wie die von Cicera, die mit zwölf Jahren von zu Hause weglief, weil sie vom Freund ihrer drogenabhängigen Mutter vergewaltigt wurde. Als sie sich ihrer Mutter anvertraute, die selbst als Prostituierte arbeitete, bekam sie keine Hilfe, sondern Faustschläge. Ihre Flucht endete auf der Straße. Zunächst auf einem Strich in São Paulo, dann in Rio de Janeiro. "Morgens wenn ich aufgewacht bin, habe ich gleich Drogen genommen, um dieses Leben zu ertragen", erinnert sie sich an den stets wiederkehrenden Kreislauf von Gewalt und Drogenkonsum. Und sie hat sich im wahrsten Sinne des Wortes durch das Leben geschlagen: "In dieser Welt hilft dir niemand, deswegen musste ich mir eine gewisse Brutalität aneignen, um zu überleben." Insgesamt drei Kinder wurden ihr abgenommen, weil sie als Prostituierte nicht für sie sorgen konnte. Wenn Cicera von ihrem früheren Leben erzählt, dann stockt ihre Stimme, die Tränen schießen ihr in die Augen.

Leserkommentare
  1. ...Artikel gefällt mir Wolfram Nagel's Beitrag über die Missionarinnen des Lebens für Deutschlandradio Kultur.

    http://www.dradio.de/dkul...

    Nagel geht viel detaillierter auf die komplexe Lebenswirklichkeit der Frauen ein, bei Käufer sind sie lediglich handlungsunfähige und rettungsbedürftige Opfer. Der Satz 'Insgesamt drei Kinder wurden ihr abgenommen, weil sie als Prostituierte nicht für sie sorgen konnte' ist unerträglich - Käufer sollte in seinem Text zumindest darstellen, daß a) Prostituierte nicht per se 'schlechte' Eltern sind und b) daß sich in der Tatsache des Kindesentzuges möglicherweise auch die Bigotterie und Hurenfeindlichkeit von Staat und Gesellschaft zeigt.

    Im übrigen: Die Geschichte von Cicera liest sich bei Nagel anders als bei Käufer. Wer hat hier schlecht recherchiert?

  2. Vielleicht begreift die Kirche mit diesem Papst endlich an wessen Seite sie stehen sollte.

  3. das bedeutet: wir können von denen noch was holen!

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