Plötzlich sind sie hinter ihm, umzingeln den schmächtigen Jungen. Einer aus der Gruppe legt ihm betont freundschaftlich den Arm um die Schultern. "Wie geht's dir, Bruder?", fragt der eine. Der Junge will weitergehen, sich aus der Umarmung befreien. "Nein, nein, bleib hier." Die Videokamera läuft.

Der Junge, eingeschüchtert und wortkarg, wollte eigentlich einen anderen Jungen treffen. Einen, der wie er auf Männer steht. In Russland ein Tabu. Deshalb hat er sich über eine Internet-Plattform verabredet. Onkel Dima hatte sich der andere da genannt. Zu dem Treffpunkt auf einem Platz zwischen Hochhäusern in Russlands Hauptstadt Moskau erschien aber kein anderer Homosexueller, sondern eine Gruppe gewaltbereiter Jugendlicher. "Ich werde dich fertigmachen", sagt einer von ihnen. "Warum bist du hier?" Sie zerren ihn weg, drücken ihn auf eine Bank. Ob er ein Homo sei? Ob er gerne Sex mit alten Männern hätte? Ob er glaube, das sei normal?

Das verstörende Video zu dem Vorfall kursiert im Internet. Es zeugt von offenem Schwulenhass in Russland. In Netzwerken suchen Schwulengegner gezielt nach Homosexuellen. Sie legen sich falsche Profile an, gründen Gruppen und arrangieren Treffen – getarnt als Kontaktmöglichkeit für homosexuelle Jugendliche. Die Kampagnen heißen Occupy Pedofiljaj und Occupy Gerontiljaj, setzen also Homosexualität und Pädophilie gleich.

Öffentliches Outing per Video

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Spectrum Human Rights Alliance (SHRA) mit Sitz im US-Bundesstaat Virginia gehen die Aktionen auf das Konto des früheren Skinheads und Ultranationalisten Maxim Marzinkewitsch. Das russische Netzwerk VKontakte, vergleichbar mit Facebook, dient ihm und seinen nationalistischen Anhängern als Plattform. Laut der SHRA, die sich bei ihrer Arbeit auf Osteuropa spezialisiert hat, haben sich bereits mehr als 500 Gruppen gegründet, die teils militant gegen Homosexualität vorgehen. 

Die selbsternannten "Kriminalitätsbekämpfer" drangsalieren junge Schwule, nehmen ihre Taten auf Video auf und stellen die ins Internet. So werden Jugendliche zum Outing gezwungen: "Sag hallo zu deiner Mama." Auch der Junge im Video soll sich vor laufender Kamera zu seinem Schwul-Sein bekennen. Er muss seinen Namen nennen und den seiner besten Freunde, die Adresse seiner Schule auch, den Blick in die Kamera gerichtet. 

Der Junge sagt, er sei 15, und er habe sich hier verabredet, um Sex gegen Geld zu haben. Sie lachen ihn aus, einer trägt eine Strumpfmaske auf dem Kopf.