Protest gegen Rassismus und Waffengewalt in Chicago nach dem Freispruch im Fall Trayvon Martin © Jonathan Gibby/Getty Images

In einer berühmten Studie aus den fünfziger Jahren spricht der amerikanische Anthropologe Oscar Lewis von einer "Kultur der Armut": Wer über mehrere Generationen hinweg in Armut lebe, so Lewis, entwickele eine bestimmte Art, zu denken, die die Armut noch verstärkt und es fast unmöglich macht, ihr zu entkommen. Daran musste ich denken, als ich vom Freispruch George Zimmermans im Prozess um die Erschießung von Trayvon Martin gelesen habe. Nicht, weil der Fall irgendetwas mit Armut zu tun hätte, sondern weil er ein Schlaglicht auf eine andere, ähnliche Subkultur wirft: die Kultur des Rassismus.

Das Urteil selbst war nicht rassistisch, wie auch der gesamte juristische Vorgang. Es war nicht möglich, Zimmermans Behauptung zu widerlegen, er habe aus Notwehr gehandelt, als er den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen auf Patrouille für eine Bürgerwehr erschoss. Wir können glauben, was wir glauben wollen. Doch weder wir, noch die Jury waren dort, es gab keine direkten Zeugen des Vorfalls, und im Zweifel ist der Angeklagte unschuldig.

Alle wissen, dass es eine Menge Rassismus in Amerika gibt. Aber niemand weiß, wie viel genau. Für einen hohen Grad an Rassismus spricht, dass Schwarze in den Gefängnissen über- und bei den Bildungserfolgen unterrepräsentiert sind. Liegt das aber am Rassismus der Justiz oder an den ärmlichen Verhältnissen, aus denen viele Schwarze stammen?

Die Südstaaten-Fernsehköchin Paula Deen, die für ihren Bruder eine Hochzeitsfeier im Plantagen-Stil mitsamt schwarzen Hausdienern ausrichten wollte, ließ sich am Ende zu der Behauptung hinreißen, im Süden gehöre "ein bisschen Rassismus" einfach dazu – wofür sie schlagartig etliche Werbeverträge verlor.

Minderheiten unter Verdacht

Und was ist mit der umstrittenen Praxis des Stop and frisk? Ein Polizist darf aufgrund eines subjektiven Verdachts Passanten oder Autofahrer stoppen und nach Waffen oder Drogen durchsuchen. Vor Gericht musste die New Yorker Polizei zugeben, dass vor allem Minderheiten angehalten werden. Doch das sei kein Rassismus, argumentierte sie, denn in bestimmten Vierteln seien die Minderheiten eben die Mehrheit. Außerdem sei das Verfahren recht erfolgreich.

Aber es gibt auch Hinweise darauf, dass der Rassismus gar nicht mehr so verbreitet ist, wie oft vermutet. Vor einigen Wochen fällte das Oberste Gericht ein sehr interessantes Urteil. Es ging um die Frage, wer die Regeln zum Wahlrecht festlegen darf. Zuletzt wurde etwa in manchen Bundesstaaten vorgeschlagen, dass sich Bürger (wie in Deutschland üblich) an der Wahlurne ausweisen müssen. Das soll Wahlbetrug vorbeugen. Andererseits gibt es in Amerika keine Ausweispflicht, und manche (oft arme) Wähler wären so von der Wahl ausgeschlossen – zum Vorteil der Republikaner.

So etwas dürfen die meisten Bundesstaaten eigenständig entscheiden, nicht aber im Süden: Weil dort eine Tradition des Rassismus herrsche, müssen solche Neuregelungen vom Bundesgericht überprüft werden, damit Schwarze dadurch keinen Nachteil erleiden oder diskriminiert werden.