Zimmerman-FreispruchAmerikas Rassismus ist vor allem ein Gefühl

Der Fall Trayvon Martin lässt die USA wieder über Rassismus streiten. Der ist längst auf statistischem Normalmaß. Das Problem ist ein anderes. von 

Protest gegen Rassismus und Waffengewalt in Chicago nach dem Freispruch im Fall Trayvon Martin

Protest gegen Rassismus und Waffengewalt in Chicago nach dem Freispruch im Fall Trayvon Martin  |  © Jonathan Gibby/Getty Images

In einer berühmten Studie aus den fünfziger Jahren spricht der amerikanische Anthropologe Oscar Lewis von einer "Kultur der Armut": Wer über mehrere Generationen hinweg in Armut lebe, so Lewis, entwickele eine bestimmte Art, zu denken, die die Armut noch verstärkt und es fast unmöglich macht, ihr zu entkommen. Daran musste ich denken, als ich vom Freispruch George Zimmermans im Prozess um die Erschießung von Trayvon Martin gelesen habe. Nicht, weil der Fall irgendetwas mit Armut zu tun hätte, sondern weil er ein Schlaglicht auf eine andere, ähnliche Subkultur wirft: die Kultur des Rassismus.

Das Urteil selbst war nicht rassistisch, wie auch der gesamte juristische Vorgang. Es war nicht möglich, Zimmermans Behauptung zu widerlegen, er habe aus Notwehr gehandelt, als er den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen auf Patrouille für eine Bürgerwehr erschoss. Wir können glauben, was wir glauben wollen. Doch weder wir, noch die Jury waren dort, es gab keine direkten Zeugen des Vorfalls, und im Zweifel ist der Angeklagte unschuldig.

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Alle wissen, dass es eine Menge Rassismus in Amerika gibt. Aber niemand weiß, wie viel genau. Für einen hohen Grad an Rassismus spricht, dass Schwarze in den Gefängnissen über- und bei den Bildungserfolgen unterrepräsentiert sind. Liegt das aber am Rassismus der Justiz oder an den ärmlichen Verhältnissen, aus denen viele Schwarze stammen?

Veranstaltung mit Eric T. Hansen

Eric T. Hansen – Amerikaner, Berliner, Buchautor und Satiriker – schreibt regelmäßig eine Kolumne für ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch Die ängstliche Supermacht – Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss ist im Mai erschienen. Bei uns stellt er es vor:

am Donnerstag, 18. Juli 2013, um 19 Uhr im Newsroom von ZEIT ONLINE, Askanischer Platz 1, 10963 Berlin

Moderation: Carsten Luther, Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE

Der Eintritt ist frei, Anmeldung erbeten unter:

http://de.amiando.com/lesung3_zeitonline

Die Südstaaten-Fernsehköchin Paula Deen, die für ihren Bruder eine Hochzeitsfeier im Plantagen-Stil mitsamt schwarzen Hausdienern ausrichten wollte, ließ sich am Ende zu der Behauptung hinreißen, im Süden gehöre "ein bisschen Rassismus" einfach dazu – wofür sie schlagartig etliche Werbeverträge verlor.

Minderheiten unter Verdacht

Und was ist mit der umstrittenen Praxis des Stop and frisk? Ein Polizist darf aufgrund eines subjektiven Verdachts Passanten oder Autofahrer stoppen und nach Waffen oder Drogen durchsuchen. Vor Gericht musste die New Yorker Polizei zugeben, dass vor allem Minderheiten angehalten werden. Doch das sei kein Rassismus, argumentierte sie, denn in bestimmten Vierteln seien die Minderheiten eben die Mehrheit. Außerdem sei das Verfahren recht erfolgreich.

Aber es gibt auch Hinweise darauf, dass der Rassismus gar nicht mehr so verbreitet ist, wie oft vermutet. Vor einigen Wochen fällte das Oberste Gericht ein sehr interessantes Urteil. Es ging um die Frage, wer die Regeln zum Wahlrecht festlegen darf. Zuletzt wurde etwa in manchen Bundesstaaten vorgeschlagen, dass sich Bürger (wie in Deutschland üblich) an der Wahlurne ausweisen müssen. Das soll Wahlbetrug vorbeugen. Andererseits gibt es in Amerika keine Ausweispflicht, und manche (oft arme) Wähler wären so von der Wahl ausgeschlossen – zum Vorteil der Republikaner.

So etwas dürfen die meisten Bundesstaaten eigenständig entscheiden, nicht aber im Süden: Weil dort eine Tradition des Rassismus herrsche, müssen solche Neuregelungen vom Bundesgericht überprüft werden, damit Schwarze dadurch keinen Nachteil erleiden oder diskriminiert werden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachliche, konstruktiven und differenzierten Kommentaren. Danke, die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
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    • Pangea
    • 17. Juli 2013 18:14 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

  2. .... in den USA im Gefängniss, gibt es statistisch angepasst auch die richtigen Todesfälle durch Waffen, Polizei.....
    .
    Gefühlt gibt es auch volle Bürgerrechte für Farbige.
    .
    Ist klar Eric du willst provozieren, aufrütteln, aber diemal bist du ein wenig daneben!
    .
    Leicht Brummig
    Sikasuu

    12 Leserempfehlungen
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    • NBMB
    • 17. Juli 2013 21:22 Uhr

    Wir - ein gemischtes Paar - leben seit 2004 in NY State. Beruflich verschlaegt es mich regelmaessig in alle Regionen des Landes.

    Rassismus in meiner neuen Heimat ist kompleziert und vielschichtig. Er kommt daher in einer weissen Form und in einer schwarzen Form. Er praesentiert sich im regionalen Gewand des Nordostens, des Suedens, des Mittelwestens,... Er spricht die Sprache der amerikanischen Variante des sog. Bildungsbuergers, die des weissen Mittelstandes in den Vorstaedten und auch die der mehrheitlich farbigen Bewohner in den "Projects". Am Ende des Tages reduziert es sich in vielen Faellen auf schiere Mathematik in Verbindung mit den herrschenden wirtschaftlichen Umstaenden. Mit anderen Worten - In einem Umfeld von mehrheitlich gutgestellten farbigen Mitbuergern, Kollegen, etc. ist mein "Weiss-Sein" (oberflaechlich) kein Thema. Dasselbe gilt fuer meine afro-amerikanische Ehefrau - Bewegen wir uns im Kreise von sog. gutsitierten Weissen, ist ihre Hautfarbe (vordergruendig) kein Thema. Das alles aendert sich fuer uns beide, in dem Masse, wie sich die Mehrheitsverhaeltnisse von farbigen und weissen Mitmenschen um uns herum veraendert, und wie hart sich der Kampf ums taegliche Brot in dem jeweiligen Umfeld gestaltet.

    • barttt
    • 17. Juli 2013 18:11 Uhr

    Diesmal kein satirischer Beitrag von Ihnen Herr Hansen; man merkt, dass sie die Debatte um den Martin/Zimmermann Fall beruehrt.

    Ich kann nicht sagen wie stark der Rassismus in den Suedstaaten ist, aber hier in New England, wo ich seit 11 Jahren wohne, funktioniert Multikulti sehr gut. Natuerlich gibt es Probleme mit armen Menschen in Staedten, die ueberwiedgend Minderheiten zugehoeren. Trotzdem wird alles getan, um rassistische Tendenzen vorzubeugen. Zum Beispiel muss jede/r in meinem Institut ein vierstuendiges "Diversity Training" absolvieren. Meine Arbeitsgruppe ist international und alle fuehlen sich hier wohl und gut aufgehoben.

    Martin/Zimmermann wird nun, wie sie gesagt haben, auf der Rassismusebene diskutiert. Das eigentliche Problem aber sind bewaffnete Buergerwehren, deren Existenz fuer mich als Europaer schwer zu verstehen ist.

    8 Leserempfehlungen
    • Pangea
    • 17. Juli 2013 18:14 Uhr
    6. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  3. Freier Autor

    Wer mit dem Autor darüber diskutieren will, der soll morgen, Donnerstag den 18. Juli, um 19:00 in die Redaktionsräumen von Zeit Online am Anhalter Bahnhof in Berlin kommen.

    Dort präsentiere Ich mit Zeit Online zusammen mein neues Buch "Die ängstliche Supermacht - Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss". Lesung, Autorengespräch, Publikumsdiskussion, Gläschen Wein.

    Eintritt frei, es wird um Anmeldung=gebeten: http://de.amiando.com/lesung3_zeitonline"

    Ich freue mich euch zu sehen! Aloha, Eric

    15 Leserempfehlungen
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    nicht so falsch mit 20 - 30% nicht nur in den USA.
    Verschiedene gruppen können sich auch nicht ausstehen.
    Schade. dass ich morgen nicht in Berlin bin.

    • xy1
    • 18. Juli 2013 23:35 Uhr

    Sehr gute Diskussionsgrundlage.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Rassismus | Bevölkerung | USA | Armut | Bundesgericht
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