Zugunglück in FrankreichLokführer verhinderte noch größeres Unglück

Die Ursache für das schwere Bahnunglück nahe Paris war offenbar eine defekte Weiche. Laut Behörden trifft den Lokführer keine Schuld. Er habe Schlimmeres verhindert.

Einsatzkräfte auf dem Bahnhof von Bretigny-sur-Orge, wo der Zug entgleiste

Einsatzkräfte auf dem Bahnhof von Bretigny-sur-Orge, wo der Zug entgleiste  |  © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Ein Defekt an einem Weichenteil war sehr wahrscheinlich die Ursache des schweren Zugunglücks nahe der französischen Hauptstadt Paris. Das teilte die französische Bahngesellschaft SNCF bei einer Pressekonferenz mit. Eine Stahlschiene, die die beiden Gleise in der Weiche verbinde, habe sich aus ihrer Befestigung gelöst, sagte Pierre Izard, der Leiter der Abteilung Infrastruktur der SNCF. Die weiteren technischen und juristischen Ermittlungen würden sich auf dieses Weichenteil, eine Art Spange, konzentrieren, zitiert Le Monde Izard.

Alle vergleichbaren Teile an anderen Orten würden nun kontrolliert, versprach SCNF-Chef Guillaume Pepy. Es gibt im Streckennetz der französischen Eisenbahn 5.000 Weichen desselben Bautyps. Nach Angaben der Regierung sind neben Experten der SNCF auch die Justiz und die staatliche Unfallbehörde BEA mit der Aufklärung des Unglücks betraut.

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Mit einer Schweigeminute an allen Bahnhöfen und in allen Zügen gedachten viele Franzosen um 12 Uhr mittags der Toten und Verletzten des Unglücks von Brétigny-sur-Orge. Sechs Menschen waren am Freitag ums Leben gekommen, als der Zug von Paris nach Limoges am Bahnhof von Brétigny-sur-Orge entgleiste und auseinanderbrach. 30 Reisende mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Insgesamt waren 385 Passagiere an Bord.

Nach ersten Ermittlungen zum Unfallablauf waren um 17.14 Uhr mehrere Waggons des Intercity-Zuges an einer Weiche rund 200 Meter vor dem Bahnhof entgleist. Während ein Teil des Zuges weiterrollte, kollidierte der andere mit dem Bahnsteig.

"Absolut einzigartige Reflexe"

Nach Angaben von Verkehrsminister Frédéric Cuvillier lag die Ursache nicht in einem Fehler des Lokführers. Es habe kein "menschliches Problem" gegeben, sagte er dem Radiosender RTL. "Der Lokführer hat zum Glück absolut einzigartige Reflexe gezeigt, indem er sofort Alarm ausgelöst hat."

Dadurch, so bestätigt es auch die SNCF, habe sich keine noch größere Katastrophe ereignet. Als der Lokführer das erste Holpern des Zuges bemerkt habe, so die Bahn, habe der Mann rasch alle Warnsysteme aktiviert und dadurch den Schienenverkehr in der Gegend gestoppt. SNCF-Chef Pepy zufolge verhinderte er damit einen Frontalzusammenstoß mit einem entgegenkommenden Zug.

Auf der Suche nach der Ursache der Entgleisung gab es zunächst Fragen nach der Geschwindigkeit des Zugs. Ein Polizist hatte gesagt, der Intercity sei "mit großer Geschwindigkeit" in den Bahnhof eingefahren sei. Die Wucht des Aufpralls sei so groß, dass noch Hunderte Meter weiter Trümmerteile in der Ortschaft verstreut lagen. Dem widersprach allerdings Verkehrsminister Cuvillier. Der Zug sei nicht zu schnell gewesen. Er sei 137 Stundenkilometer gefahren und damit 13 Stundenkilometer langsamer als erlaubt.

"Überall Trümmer und Schotter"

Am späten Abend begab sich auch Präsident François Hollande zur Unglücksstelle, an der rund 300 Feuerwehrleute, 20 Ärzteteams und acht Rettungshubschrauber im Einsatz waren. Hollande zufolge dürfte die Identifizierung der Opfer noch "sehr lange" dauern. Innenminister Manuel Valls hatte zuvor gesagt, es sei wahrscheinlich, dass sich die Opferzahl erhöhe. 

Brétignys Bürgermeister Bernard Decaux sprach von einem "apokalyptischen Anblick". Nicht nur im Zug selbst, auch am Bahnhof gab es Verletzte. "Es flogen überall Trümmerteile und Schotter herum", sagte ein Augenzeuge. Eine Frau sei durch die Schockwelle fünf Meter durch die Luft geschleudert worden.

Das Zugunglück von Brétigny-sur-Orge ist das schwerste in Frankreich seit 25 Jahren. 1988 waren am Gare de Lyon in Paris 56 Menschen ums Leben gekommen, als an einem Zug die Bremsen versagten.

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Leserkommentare
  1. Zitat: "Eine Frau sei durch die Schockwelle fünf Meter durch die Luft geschleudert worden."

    Da es sich nicht um eine Explosion gehandelt haben dürfte ist diese Aussage schon recht abenteuerlich...

    3 Leserempfehlungen
  2. Die französische Presse (z.B. Le Monde) schreibt, der Zug sei mit 137 km/h verunglückt, während die zulässige Geschwindigkeit an dieser Stelle 150 km/h betragen habe. Also KEINE überhöhte Gschwindigkeit.
    "Menschliche Probleme" wird es hier genügend geben, fürchte ich, aber der Unfall ist wohl keine Folge eines "problème humain", d.h. eines menschlichen Versagens.
    Viele der Falschmeldungen in Deutschland basieren, wie ich befürchte, schlicht auf der Unkenntnis der französiscchen Sprache.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mugu1
    • 13. Juli 2013 12:20 Uhr

    Wir sind nur auf Pressemeldungen angewiesen und auf die darüber veröfentlichen Aussagen Betroffener und Offizieller.

    Erst einmal darf man davon ausgehen, dass der Zug wohl wirklich 137 km/h gefahren ist...woher sonst diese so exakte Angabe. Wenn 150 km/h erlaubt waren, ist dahingehend also alles im Grünen Bereich.

    Weichen-/Gleisfehler oder Radfehler...darauf scheint es z.Zt. hinauszulaufen. Wie auch immer...also vermutlich ein Materialfehler. Ob dies nun menschliche Ursachen hatte, also z.B. Wartungsfehler, Produktionsfehler etc...wir werden es zu ggb. Zeit erfahren und zur Kenntnis nehmen. Und das Leben geht weiter. So wie es immer weitergeht. Aber warten wir es ab. Zur Zeit sind alle möglichen Unfallursachen lediglich Spekulationen.

    Und wenn der Zugführer wirklich so großartig reagiert hat wie beschrieben und damit eine noch größere Katastrophe verhindern konnte...Frankreich hat einen neuen Helden. Und somit ist es dann letztlich so, dass man in der Tat froh sein sollte, dass die Opferzahl relativ gering geblieben ist.

    Auch wenn diese Erkenntnis den Anghehörigen der Opfer im Augenblick sicher keinen Trost spenden wird.

    • mugu1
    • 13. Juli 2013 12:20 Uhr

    Wir sind nur auf Pressemeldungen angewiesen und auf die darüber veröfentlichen Aussagen Betroffener und Offizieller.

    Erst einmal darf man davon ausgehen, dass der Zug wohl wirklich 137 km/h gefahren ist...woher sonst diese so exakte Angabe. Wenn 150 km/h erlaubt waren, ist dahingehend also alles im Grünen Bereich.

    Weichen-/Gleisfehler oder Radfehler...darauf scheint es z.Zt. hinauszulaufen. Wie auch immer...also vermutlich ein Materialfehler. Ob dies nun menschliche Ursachen hatte, also z.B. Wartungsfehler, Produktionsfehler etc...wir werden es zu ggb. Zeit erfahren und zur Kenntnis nehmen. Und das Leben geht weiter. So wie es immer weitergeht. Aber warten wir es ab. Zur Zeit sind alle möglichen Unfallursachen lediglich Spekulationen.

    Und wenn der Zugführer wirklich so großartig reagiert hat wie beschrieben und damit eine noch größere Katastrophe verhindern konnte...Frankreich hat einen neuen Helden. Und somit ist es dann letztlich so, dass man in der Tat froh sein sollte, dass die Opferzahl relativ gering geblieben ist.

    Auch wenn diese Erkenntnis den Anghehörigen der Opfer im Augenblick sicher keinen Trost spenden wird.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Überstzungsfehler..."
    • eep50
    • 14. Juli 2013 12:08 Uhr
    4. Weiche

    "Eine Stahlschiene, die die beiden Gleise in der Weiche verbinde..." An dieser Stelle würde mich das Bauteil durchaus interessieren. So ist der Unfallhergang nämlich nicht nachvollziehbar.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, ff
  • Schlagworte Frankreich | Bahnhof | Schienenverkehr | Paris
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