Islamistische AnschlägeÄgyptens Christen leben in Angst und Schrecken

Angezündete Kirchen, geplünderte Schulen: Seit sich der Konflikt in Ägypten radikalisiert, sind die Christen im Land einem Rachefeldzug von Islamisten ausgesetzt. von 

Die verbrannte Fassade der koptischen Prinz-Tadros-Kirche in Al-Minya am 14. August

Die verbrannte Fassade der koptischen Prinz-Tadros-Kirche in Al-Minya am 14. August   |  © AFP/Getty Images

Als die Angreifer kamen, saßen die Schulleiterin Manal und ihre Mitschwestern Abeer und Demiana gerade beim Frühstück. Der Mob war sofort überall, brach Türen und Fenster der Franziskanerinnen-Schule in Beni Suef auf, schleppte alles davon – Computer, Projektoren, Schränke, Tische und Stühle.

Wenig später brannte das 115 Jahre alte Gebäude lichterloh. Selbst das Kreuz im Eisengatter zur Straße brachen die Extremisten heraus und ersetzten es mit einer schwarze Flagge, wie sie auch Al-Kaida benutzt. Die gesamte Schulbibliothek wurde ein Raub der Flammen. Das Geld, das für einen Schulneubau angespart worden war, ließen die Täter mitgehen.

Anzeige

Sechs Stunden dauerte der Albtraum für die drei Nonnen und zwei weitere Angestellte, die sich während der Ferien auf dem Schulgelände aufgehalten hatten. Am Ende hätten die johlenden Angreifer sie und ihre beiden Mitschwestern wie Kriegsgefangene durch die Straßen paradiert, beschimpft und bedroht, berichtete Schulleiterin Manal der Nachrichtenagentur AP.

Durch Zufall seien sie von einer muslimischen Frau gerettet worden, einer ehemaligen Lehrerin, deren Mann Polizist sei. Auch die beiden anderen Frauen hätten schließlich den Fängen des Mobs entkommen können, seien überall begrapscht und auf offener Straße sexuell misshandelt worden. "Es war der schiere Horror."

Seit der gewaltsamen Räumung der beiden Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo am letzten Mittwoch mit über 600 Toten und 4.000 Verletzten sehen sich die Christen in ganz Ägypten einem beispiellosen Rachefeldzug islamistischer Radikaler ausgesetzt. 63 Kirchen wurden in den letzten fünf Tagen angezündet und geplündert. Fünf katholische Schulen in Al-Minya, Sues und Assiut brannten ab, einige bis auf die Grundmauern. 

In Sues und Assiut wurden zwei Klöster zerstört, in Al-Minya ein kirchliches Waisenhaus schwer beschädigt. Auch in Kairo wurde nach Informationen von Al Jazeera der Konvent der Franziskanerinnen im Stadtzentrum attackiert. In Alexandria lynchte der Mob auf offener Straße einen koptischen Taxifahrer, der mit seinem Wagen aus Versehen in eine Pro-Mursi-Demonstration geraten war. 

Sieben Christen kamen ums Leben, über 1.000 wurden verletzt und 17 gekidnappt. Nach einer Übersichtsliste der katholischen Kirchenführung in Kairo wurden darüber hinaus 58 Wohnhäuser, 85 Geschäfte und 16 Apotheken geplündert sowie drei Hotels in Luxor angezündet, die Kopten gehören. Wie die Opfer berichten, sangen die Angreifer während ihrer Untaten Pro-Mursi-Lieder, viele trugen grüne Stirnbänder mit der Aufschrift "Muslimbrüder".

Koptische Kirchenführer unterstützen Polizei und Armee

Unter den Christen breiten sich nun Angst und Schrecken aus. Sie fürchten die blinde Rache radikaler Islamisten, die die koptische Minderheit mitverantwortlich machen für den Sturz von Mohammed Mursi. Denn ihr Papst Tawadros II. hatte am 3. Juli bei der Rede von General Abdel Fattah al-Sissi mit auf der Bühne gesessen. 

Auch seine Mitgläubigen applaudierten nahezu einhellig dem Vorgehen der Armee gegen die Muslimbrüder. Am Wochenende bekräftigten die koptischen Kirchenführer ausdrücklich ihre Unterstützung für den Kampf von Polizei und Armee gegen "bewaffnete gewalttätige Gruppen und schwarzen Terrorismus".

Seit Jahrzehnten klagen die ägyptischen Kopten, die zu den ältesten christlichen Gemeinschaften des Orients gehören, über Diskriminierung und religiös motivierte Gewalt. Auch unter Hosni Mubarak und der ersten Militärherrschaft nach seinem Sturz gab es schwere Übergriffe. In der Neujahrsnacht 2011, sechs Wochen vor dem Sturz Mubaraks, tötete ein bisher nicht ermittelter Selbstmord-Attentäter vor der Kirche der Zwei Heiligen in Alexandria 25 Betende.

Im Oktober 2011 fuhren Soldaten nach einer Christen-Demonstration mit gepanzerten Fahrzeugen in die Menge und walzten zwei Dutzend Kopten zu Tode. Während der Amtszeit von Mohammed Mursi wurde selbst die Markus-Kathedrale in Kairo, wo der koptische Papst seinen Sitz hat, über mehrere Stunden von bewaffneten Extremisten beschossen.

Die jüngste Welle der Überfälle konzentriert sich bisher vor allem auf Beni Suef, Fayoum, Al-Minya, Sohag und Assiut, Städte in Mittel-Ägypten, wo die Islamisten stark sind und die Christen bis zu 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. "Die meisten Gläubigen haben schreckliche Angst, niemand wagt sich mehr aus dem Haus", berichtet ein junger Ingenieur aus Sohag. Die Angreifer wüssten genau, wo die Kopten lebten. Denn hier und anderswo beginnen die Islamisten inzwischen, alle Häuser und Geschäfte zu markieren – ein rotes X für Muslim, ein schwarzes X für Christ.    

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich mir konstruktiven Kommentaren und verzichten Sie auf überzogene Polemik und verzichten Sie darauf, andere Ansichten im Voraus pauschal herabzuwürdigen. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, entfernt wurde. Die Redaktion/fk.

  2. 2. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Kommentaren und verzichten Sie darauf, andere Ansichten im Voraus pauschal herabzuwürdigen. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

    • Narses
    • 18. August 2013 18:34 Uhr

    Angesichts der Nachrichten über die vielfachen Übergriffe gegen Christen in der derzeit im frühlingshaften demokratischen Aufbruch begriffenen arabischen Welt, habe ich ernsthafte Zweifel, dass der vielgepriesene arabische Frühling überhaupt noch existiert, - mehr noch -, überhaupt je existiert hat.

    31 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mhofer
    • 19. August 2013 0:46 Uhr

    wird zu einem islamistischen Winter.

    • Vaiko
    • 18. August 2013 18:34 Uhr

    "Denn hier und anderswo beginnen die Islamisten inzwischen, alle Häuser und Geschäfte zu markieren – ein rotes X für Muslim, ein schwarzes X für Christ."

    Einige hier im Forum werden wohl auch weiterhin in keinster Weise Parallelen zu Weimar und dem was danach kam erkennen koennen wollen, stattdessen eher zur Vorgehensweise suedamerikanischer Rauschgiftclans

    Die Idee es Gottesstaates hat mehr mit tausendjaehrigen Ideen zu tun als mit Rauschgiftringen. Warum werden den Dutzende Kirchen angezuendet, wenn die Versammlungen der Muslimbrueder vom Militaer aufgeloest werden?

    Interessanter intellektueller Schlenker ueber Suedamerika. Nicht liegt naeher.

    15 Leserempfehlungen
  3. 5. [...]

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

  4. 6. [...]

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, Fragen oder Kritik zur Moderation richten Sie daher bitte an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
  5. 7. [...]

    Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • welll
    • 18. August 2013 19:03 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

  6. 8. [...]

    Bitte beachten Sie, dass der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, entfernt wurde. Die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Abdel Fattah al-Sissi | Ägypten | Kairo | Alexandria
Service