Streit um Asylbewerberheim - Hellersdorfer fühlen sich in ihrer Ruhe gestört Seit Wochen demonstrieren Befürworter und Gegner des Ayslbewerberheims in Berlin-Hellersdorf. Vielen Bewohnern des bundesweit in die Schlagzeilen geratenen Bezirkes ist das zu viel. Sie wollen vor allem eines: ihre Ruhe.

Die Schulglocke läutet an der Leonardo-da-Vinci-Oberschule schon seit acht Jahren nicht mehr. Zwischen den Pflastersteinen vor der Schule sprießt das Unkraut. Die gläserne Tür ist verschlossen. Die Fenster sind eingeschlagen. Der Donnerstagmittag in Marzahn-Hellersdorf ist still und menschenleer.

Das Gestrüpp vor dem grauen, dreistöckigen Gebäude ist fast höher als André. Er trägt ein rot-kariertes Hemd, eine schwarze Dreiviertelhose und Sonnenbrille; seine dunkelblonden Haare sind kurz geschnitten. Der Erzieher wohnt zehn Minuten von dieser urbanen Ruine entfernt, in der Nähe des alten Hellersdorfer Ortskerns. "Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einem Dschungel", sagt er. Er liebe diese Ruhe.

Leer stehende Gebäude und verwahrloste Grünflächen sind im Verwaltungsbezirk Marzahn-Hellersdorf keine Seltenheit. Er liegt im Osten von Berlin, rund 45 U-Bahn-Minuten vom Alexanderplatz entfernt. Hier steht ein Haus neben dem anderen, Platte an Platte, wie Lego-Steine. Sie sind hell und bunt. Manche sind vier, andere 21 Geschosse hoch. Dazwischen Plätze, die so verfallen und verwachsen sind, dass sie an kleine Wälder erinnern.

Die Töne sind hier rauer, die Stimmung angespannter

André lebt sein ganzes Leben hier. 27 Jahre. Wenn er in einer Kneipe ein Bier trinken will, muss er niemanden vorher anrufen. Dort sitzen genügend Leute, die er kennt. Hier ist er geboren und hier wolle er sterben, sagt er, auch wenn viele wegziehen. Auch, wenn die Siedlung mittlerweile nicht mehr nur als Hartz IV-, sondern auch als "Nazi-Land" verschrien ist.

Seit zwei Wochen wird Andrés geliebte Ruhe gestört. Seit Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien in eine der vielen leer stehenden Schulen eingezogen sind, kommt der Ort nicht aus den Schlagzeilen. André ist, wie viele andere Hellersdorfer, so eigenartig unbeteiligt daran. 

Wird in Deutschland ein neues Asylbewerberheim eröffnet, ist der Einzug meistens mit fremdenfeindlichen Sticheleien verbunden. Hier bleibt es nicht dabei; die Stimmung ist angespannter, der Ton rauer. In Hellersdorf ähneln die Szenen denen von Rostock Lichtenhagen, wo vor fast genau 21 Jahren eine Menschenmenge ein Asylbewerberheim in Brand steckte. Rechtsextreme begrüßen die Neuankömmlinge mit Hitlergruß, Anwohner rufen vor laufender Kamera: "Wir sind das Volk, nicht ihr" in Richtung Notunterkunft. Auch in Rostock hat es so begonnen.

Der Rummel nervt

Rechtsextreme Parteien wie die NPD oder Pro Deutschland nutzen die Aufmerksamkeit für ihren Wahlkampf. Im Haus des Max-Reinhardt-Gymnasiums in der Carola-Neher-Straße sollen künftig 200 Asylbewerber leben. Das sind nicht viele Menschen unter zirka 100.000 Hellersdorfern.

Linke Aktivisten haben mittlerweile einen Infotisch neben dem Heim aufgestellt. Sie sitzen hier, dösen in der Hitze und passen auf. "Damit nichts passiert", erzählen sie. Viele von ihnen sind nicht aus Hellersdorf. Ihnen gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stehen vier Männer mit Glatze. Für Ordnung sorgen zwei Wachmänner am Eingang des Heims und ein Polizeiwagen voller Einsatzkräfte.

Ein Passant mit Hund an der Leine ärgert sich: "Das Asylbewerberheim ist mir egal. Sie können ruhig hier wohnen. Mich nervt nur der Rummel." Seit Tagen könne der 63-Jährige Rentner nicht schlafen. Die Linken spielen laute Musik. "Wir wollen von allen in Ruhe gelassen werden. Da kommen doch die wenigsten aus Hellersdorf." André nickt zustimmend.