Während das Wasser der Flüsse noch stieg, sicherte die Bundeskanzlerin den Hochwassergeschädigten umfassend Hilfe zu: Unbürokratisch sollte sie sein und schnell kommen, versprach Angela Merkel an der Donau in Passau, an der Elbe bei Lauenburg und Hitzacker und in Thüringen. Mancher, dessen Haus unter Wasser stand, ahnte schon Mitte Juni, was von den aus früheren Hochwasserkatastrophen bekannten Floskeln zu halten ist.

Einer davon ist Lars Risse aus Fischbeck in Sachsen-Anhalt. In einer dramatischen Nacht war der Elbe-Deich in der Nähe seines Heimatdorfes gebrochen, er harrte mit einigen Nachbarn im Ort aus, um sein Hab und Gut zu schützen. Doch vergeblich. Das Wasser wütete, durchbrach ungebremst alle Barrieren, überflutete sein Elternhaus und vernichtete seine Einliegerwohnung. Sein Schaden: mindestens 10.000 Euro.   

An einem Sommertag Anfang Juli räumt Risse das zerstörte Mobiliar aus dem Haus. "Die angepriesene Soforthilfe sollte man lieber in Eventuell-irgendwann-Hilfe umtaufen", klagt er. Von den versprochenen 2.000 Euro pro Hausbesitzer sei noch kein Cent bei ihm angekommen. Das Landratsamt vertröstete ihn, der Antrag werde noch bearbeitet. Auch keine andere staatliche Hilfe habe Fischbeck bisher erreicht.

Dabei war Soforthilfe eines der meist gehörten Worte in den Tagen des Hochwassers. Kommunen, Kreise und Länder kündigten umfassende Notversorgung an. In Berlin beschlossen Kabinett, Bundestag und Bundesrat später einen acht Milliarden Euro umfassenden Fluthilfe-Fonds. Welche Hürden dennoch zu nehmen sind, bis Geld fließt, das ahnte damals keiner der Betroffenen.

Auf staatliche Unterstützung baut Peter Eibeck aus dem sächsischen Grimma schon lange nicht mehr. Er sitzt im Gärtchen seines Eiscafés, keine 100 Meter von der Mulde entfernt. Im Juni stand das Wasser im Gastraum 2,40 Meter hoch. 120.000 Euro Schaden hat Eibeck ausgerechnet. Nun ist das Inventar herausgerissen, sind die Fliesen von den Wänden geklopft und die Innentüren entsorgt. Werkzeug liegt auf dem grauen Betonboden. 

Freunde, Bekannte und Angestellte halfen, das Café zu retten. An der Schaufensterscheibe klebt ein Schild. Kinder aus Grimma haben es gemalt. Sie verlangen, dass Eibecks Eisdiele wieder öffnet.

Eibeck ist noch unsicher, ob das gelingt. "Ich bekomme in meinem Alter keinen Kredit mehr", sagt der 58-Jährige. Erst vor drei Jahren habe er die Schulden getilgt, die das Hochwassers 2003 ihm verursachte. Und er hat ganz eigene Erfahrungen mit der Staatshilfe gemacht: Etwa 22.000 Euro Zuschuss habe er zurückzahlen müssen. Denn die rechnerisch angesetzten Kosten für die eigene Arbeitskraft förderte der Staat im Nachhinein doch nicht.

An einem sonnigen Julitag ist die Bundeskanzlerin auch im fast zerstörten Fischbeck. Im sommerlich beigen Blazer besieht sie die Schäden an Häusern, Straßen und Schienen, sichert den Geschädigten erneut Hilfe zu. Noch im August soll Geld fließen, verspricht sie.

Entlang der Flüsse warten die Geschädigten auf das angekündigte Geld. Aus der Anpackstimmung während der Flut ist Wut geworden. Auf dem Spendenkonto des Landkreises Stendal ging eine halbe Million Euro ein, doch wie und an wen sie verteilt wird, ist auch sechs Wochen nach den Pegelspitzen offen. Am Vergabeverfahren werde noch gearbeitet, sagt ein Sprecher des Landkreises. Dann müsse der Vorschlag noch den Kreistag passieren.

Während die Kanzlerin Fischbeck Richtung Berlin verlässt, sitzen fast 200 Hilfe suchende Einwohner von Grimma im Rathaus ihrer Stadt. Der Saal ist gut gefüllt, die Stühle reichen kaum, die Luft ist stickig. In mehr als zwei Stunden ist hier zur erleben, welchen Aufwand Privatleute und Unternehmer treiben müssen, um Unterstützung des Staates zu bekommen. Mitarbeiter der Sächsischen Aufbaubank sind gekommen, um die erforderlichen Antragsformulare zu erläutern. Auf einem Tisch liegen fast 20 Stapel Papier. Allein der Antrag auf Hilfe der Aufbaubank hat 15 Seiten. Zwei Gutachten müssen Gewerbetreibende beifügen, dazu Stellungnahmen der Hausbank, der Versicherung, des Steuerberaters. Nur wer seine Reparaturen vorfinanziert, kann die Kosten erstattet bekommen.

Der gefährlichste Fallstrick ist eine Klausel, dernach Geschäftsleute nicht den Wiederbeschaffungswert ihrer Einrichtung ansetzen können, sondern lediglich den Zeitwert. Falls der Zeitwert der Buchwert sein sollte, wird es bitter. Der kann – nach jahrelangen steuerlichen Abschreibungen –  mitunter null betragen.

Weitere Richtlinien sehen vor, dass ein Zuschuss von maximal 50 Prozent oder 100.000 Euro möglich sind. Erst im zweiten Anlauf erhöhten Bund und Länder diesen Satz auf maximal 80 Prozent. Der Rest müssen Geschädigte aus eigener Tasche zahlen. Wer das nicht kann, geht leer aus. Und wann das erste Geld ausgezahlt wird, steht auch noch nicht fest.