Justiz"Advokat des Teufels" Vergès gestorben

Er verteidigte einige der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts: Klaus Barbie, Carlos und Slobodan Milošević. Mit 88 Jahren ist der Anwalt Jacques Vergès gestorben.

Der Anwalt Jacques Vergès

Der Anwalt Jacques Vergès  |  © Joel Saget/AFP/GettyImages

Der französische Strafverteidiger Jacques Vergès ist im Alter von 88 Jahren in Paris gestorben. Das teilte die französische Anwaltsvereinigung am Freitag mit.

Vergès wurde international bekannt, weil er immer wieder spektakuläre Mandate übernahm. Unter anderem verteidigte er den venezolanischen Terroristen Carlos, der am Überfall auf die Opec-Zentrale 1975 in Wien beteiligt war. In Deutschland wurde besonders der Prozess gegen den Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie beobachtet. Der "Schlächter von Lyon" war Chef der Gestapo in der französischen Stadt gewesen.  

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Auch den serbischen Diktator Slobodan Milošević verteidigte Vergès vor Gericht. In den Medien wurde er wegen seiner Klienten "Advokat des Teufels" genannt, diesen Titel trug auch eine preisgekrönte Fernsehdokumentation über ihn.

Der Präsident der französischen Anwaltsvereinigung, Christian Charrière-Bournazel, sagte der Nachrichtenagentur AFP, Vergès sei ein mutiger und unabhängiger Anwalt gewesen, brillant und auch sehr narzisstisch. Er habe gerne widersprochen, dabei jedoch nie den Respekt für sein Gegenüber verloren.

Vergès wurde 1925 in Thailand als Sohn einer Vietnamesin und eines Franzosen geboren. Er wuchs in der französischen Kolonie La Réunion auf. 1942 schloss er sich dem Widerstand unter General Charles de Gaulle an und kämpfte unter anderem in Nordafrika und Italien. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sein politisches Engagement unter anderem gegen die Kolonialpolitik Frankreichs.

In den 1970er Jahren verschwand er für acht Jahre. Bis heute ist unbekannt, wo und wie er diese Zeit verbracht hat. Möglicherweise war er im kambodschanischen Dschungel bei den Roten Khmer. Einer von deren Anführern wurde später ebenfalls von ihm verteidigt. Seine Karriere als Anwalt begann erst nach der mehrjährigen Auszeit.

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Leserkommentare
    • hirmer
    • 16. August 2013 12:02 Uhr

    umso mehr, je größerer Verbrecher sein Mandant war. Sagte mir mein Vater, der Zivilanwalt war. Ist ja auch klar, je widerwärtiger der Klient, umso schwerer zu verteidigen! In diesem Sinne, Chapeau!

    Es ist geradezu unangenehm, dass ihre Kollegen die RAin, die Zschäpe verteidigt hat, aus ihrem Kollegium gedrängt haben. Gerade die übelsten Verbrecher, die keiner mag, brauchen _gute_ Verteidiger!

    7 Leserempfehlungen
    • Karst
    • 16. August 2013 12:40 Uhr

    Eine interessante, wenn auch verrückte Figur des 21. Jahrhunderts mit einzigartigem Lebenslauf. Es gibt wenige Menschen, denen politische Korrektheit so am Allerwertesten vorbeiging. Seine Standpunkte waren interessant: manchen konnte ich uneingeschränkt zustimmen, wegen anderen wäre ich versucht gewesen, ihn einweisen zu lassen.

    Wie gern würde ich wissen, wo er die fehlenden Jahre war. Aber dass er diese Informationen vermutlich mit ins Grab genommen hat, ist wohl sein letzter großer Mittelfinger an die Welt.

    Zu Milošević noch: Wenn ich mich recht erinnere, hat er Milošević lediglich Hilfe angeboten und ihn letztlich aber nicht verteidigt, weil der die Hilfe abgelehnt hat.

    4 Leserempfehlungen
  1. "Seine Karriere als Anwalt begann erst nach der mehrjährigen Auszeit."
    das ist natürlich komplett falsch! schließlich hat er vor seiner auszeit jamila bouhired verteidigt und somit vor dem tod gerettet!

    3 Leserempfehlungen
  2. dass es ihm eigentlich weniger um seine Klienten als um seine ganz persönliche Sache ging, und er sie im Grunde nur benutzt hat, um mit dem Staat abzurechnen. Motivation und Schuldfrage interessierten ihn gar nicht.
    Das andere Problem, das sich daraus ergibt, ist, dass er im Grunde damit alle Verbrechen relativisiert: Koloniale Verbrechen, Genozide, Kriegsverbrechen, Terrorismus, Attentate..., da machte er keinen Unterschied.

    2 Leserempfehlungen
    • peter.s
    • 17. August 2013 13:25 Uhr

    und

    "Zu Milošević noch: Wenn ich mich recht erinnere, hat er Milošević lediglich Hilfe angeboten und ihn letztlich aber nicht verteidigt, weil der die Hilfe abgelehnt hat."

    Ein recht bekannter Strafverteidiger in D ist auf Mörder, gar Lust- und Kindermörder spezialisiert - alles, was im Grossrum 100 km einen solchen Mord begangen hat, lässt sich von ihm verteidigen, was seine Bekanntheit weiter erhöht, und er verdient nach einigen Angaben einen mittleren (!) sechsstelligen Eurobetrag p.a., mit den Mandaten, die ihm aufgrunddessen sonst so zufliessen.

    Der Witz ist nun, dass all diese Lustmördermandanten ausnahmslos "Lebenslänglich plus besondere Schwere der Schuld" kriegen; tja, liebe Leute, das hättet ihr beim Pflichtverteidiger von nebenan auch nicht schlechter haben können!

    Und wie der von mir so geliebte Dr. Kohl schon sagte, Entscheidend ist, was hinten rauskommt!

    Und Maître Vergès war nun ein (in jeder Hinsicht) ganz besonders helles Exemplar solchen Staranwaltstums-zum-allein-eigenen-Vorteil-des-Anwalts, aber nicht jeder potentielle Mandant ist dumm genug, darauf reinzufallen.

    Gegenbeispiel: Bossi, aber auch nur dort, wo er seinen verschärften persönlichen Einsatz für angebracht hielt - wenn er gerade mal für ein Interview einflog und nach dieser halben Stunde dann seine Angestellten (wieder) übernahmen, hatte sein Mandant auch nichts davon.

    Trau schau wem.

  3. Die Dokumentation über Jacques Vergès heisst nicht "Der Advokat des Teufels", wie Sie schreiben, sondern "L'avocat de la terreur"
    http://www.imdb.com/title...

    "Der Anwalts des Teufels" ("L'avocat du diable") ist eine Dokumentation über den Verteidiger von Marc Dutroux
    http://www.imdb.com/title...

    • Auburn
    • 02. November 2013 18:13 Uhr

    Vergès und Kommunist? Darin dürfte der Widerspruch liegen. Warum? „Ich hätte auch Hitler verteidigt.“ Fazit: „Hätte, wenn und aber – alles nur Gelaber!“ Literatur: "Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“
    Synonym für Advokat: Rechtsbeistand. Hätte Vergés auch Himmler verteidigt trotz Beweislast? Himmler traute dem Frieden eher nicht und schluckte Zyankali. Presse: „Nun stirbt Vergès in Paris.“ Auch das noch! Wird ihm die NS-Verbrecher- Gang ein ehrendes Gedenken bewahren?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, kh
  • Schlagworte Klaus Barbie | Charles de Gaulle | Carlos | Gestapo | Khmer | Nachrichtenagentur
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