NSA-AffäreDie Berliner Snowden-Connection

Der Lebensgefährte des NSA-Enthüllers Greenwald, David Miranda, kam aus Berlin, als er am Londoner Flughafen festgehalten wurde. Was wollte er in Deutschland? von 

Die Sicherheitsbehörden in Großbritannien greifen nur äußerst selten zu diesem Mittel: Weniger als drei von 10.000 Personen werden an britischen Flughäfen auf Grundlage eines Antiterrorgesetzes festgehalten. Am vergangenen Sonntag traf es David Miranda, brasilianischer Staatsbürger und Lebensgefährte des US-Journalisten Glenn Greenwald. Dieser wiederum ist einer der beiden Enthüller der NSA-Geheimdienstaffäre.

Miranda hatte am frühen Sonntagmorgen in Berlin ein Flugzeug der British Airways bestiegen, das ihn über einen Zwischenstopp in London-Heathrow nach Rio de Janeiro bringen sollte. Im Transitbereich wurde seine Reise jäh unterbrochen. Neun Stunden lang verhörten ihn britische Ermittler, beschlagnahmten sein Telefon, Laptop und diverse Datenträger – ohne ihm diese bei seiner Freilassung  zurückzugeben. Die Ermittler hoffen offenbar, mehr zu erfahren über die NSA-Enthüller, denn vor seiner Festsetzung in London hatte David Miranda eine zentrale Figur der Geheimdienst-Affäre in Deutschland getroffen.

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"David hat die letzte Woche in Berlin verbracht, wo er mit Laura Poitras zusammenwohnte", berichtet Greenwald über den Vorfall. Poitras ist die US-Dokumentarfilmerin, die zusammen mit Greenwald die NSA-Affäre aufgedeckt hat. Sie war es, die zuerst mit dem früheren NSA-Mitarbeiter Edward Snowden Kontakt hatte. Er hatte ihr im Januar dieses Jahres eine Nachricht geschrieben, nach ihrem öffentlichen Schlüssel für eine sichere E-Mail-Verbindung gefragt und ihr nach und nach erste Dokumente über die NSA-Überwachung zugespielt.

Deutschland für NSA-Enthüller einigermaßen sicher

Nachdem Poitras und Greenwald sich zu ihrer Interview-Serie mit Snowden in einem Hotel in Hongkong getroffen hatten, flog Greenwald zurück nach Rio de Janeiro, wo er zusammen mit seinem Lebensgefährten wohnt. Die US-Bürgerin Poitras hält sich ebenfalls schon länger nicht mehr in den USA auf, sie hat unter anderem eine Wohnung in Berlin. Poitras sagt, sie fürchte sich in ihrer Heimat davor, dass die US-Bundespolizei FBI eines Tages ihre Tür eintrete. "Ich hatte wirklich nicht das Gefühl, dass ich in den Vereinigten Staaten mein Material schützen konnte, und das war noch bevor ich Kontakt zu Snowden hatte", sagte Poitras kürzlich der New York Times.

Deutschland scheint für den Zirkel um den NSA-Enthüller ein einigermaßen sicherer Ort zu sein. Britische und US-Ermittler haben hier zumindest keinen direkten Zugriff, ohne ein offizielles Verfahren gegen die Journalisten zu eröffnen. Deutschland gilt als Staat mit stabiler Rechtsordnung und hoher Rechtssicherheit. Selbst eine Auslieferung ist nicht ohne Widerstände und öffentliche Diskussion durchzusetzen. Beispielsweise lebt auch der US-Internetaktivist Jacob Applebaum seit längerer Zeit in Berlin. Der Spezialist für Computersicherheit war früher Freiwilliger der Enthüllungsplattform WikiLeaks und steht ebenfalls in Kontakt mit Poitras, die ihn bereits für ihre Filmarbeiten interviewt hat.

Auch Poitras ist es gewohnt, an Flughäfen von Behörden ohne konkreten Vorwurf festgehalten und verhört zu werden, wie es nun dem Lebensgefährten Greenwalds in London widerfahren ist. Vergangenes Jahr berichtete die Filmemacherin, dass ihr Material und ihre elektronischen Geräte bei der Einreise in die USA ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl beschlagnahmt worden seien. Diese Praxis wird von der US-Justiz seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und aufgrund der folgenden Gesetzgebung geduldet. Wie sich nun am aktuellen Fall in London zeigt, ist dies auch in Großbritannien möglich, obwohl sich ein direkter Terrorismusbezug kaum erschließen lässt.

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Leserkommentare
    • Sven88
    • 19. August 2013 14:09 Uhr

    Beschlagnahmt bedeutet, dass das Zeug weg ist?
    Da hab' ich ja Angst zu verreisen :/

    3 Leserempfehlungen
  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und konstruktiven Beiträgen. Die Redaktion/au

  2. Ich könnte weinen.
    Und das nach 1945.
    Das wird vielleicht noch mal alles halbwegs gut mit Deutschland.
    Bravo Ihr Netzaktivisten allüberall

    3 Leserempfehlungen
  3. >> Diese Praxis wird von der US-Justiz seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und aufgrund der folgenden Gesetzgebung geduldet. <<

    ... der immer noch glaubt, es ginge um den Schutz der Bürger vor Terroranschlägen? Laura Poitras ist Dokumentarfilmerin, keine Terroristin.

    Es geht um den Schutz der Eliten vor den Bürgern.

    53 Leserempfehlungen
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    Ich glaube da auch an ein Eigenleben der Geheimdienste.
    Als ob die alle loyal zur Obama-Administration stünden.
    Man sollte es ihnen nicht zu leich machen.

    Ansonsten schützt es Sie auch.
    Oder haben Sie das Geld für bodyguards etc.?
    Eine strukturelle Sicht auf die Dinge kann verhindern, dass wir einseitig focussieren.

  4. einen Brasilianer, der eine derzeit in Deutschland lebende Amerikanerin besucht hat und der Lebensgefährte von Greenwald ist, der als Amerikaner in Brasilien lebt.

    Geschrieben von einem in Deutschland lebenden Griechen.

    Ansonsten steht auch nicht mehr drin, als derzeit in allen anderen Artikeln zum Thema. Danke - trotzdem. Schön, dass offensichtlich für einige Deutschland doch noch ein guter und relativ sicherer Ort ist.

    Freut mich sehr für Laura Poitras. Und:

    Möge es so bleiben !

    4 Leserempfehlungen
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    • cider
    • 19. August 2013 14:51 Uhr

    Wenn ich mich recht entsinne ist der Autor tatsächlich ein in Deutschland lebender Deutscher.

    Ansonsten gebe ich ihnen völlig recht.

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Die Redaktion/au

    • tsnud
    • 19. August 2013 14:25 Uhr

    "Der Lebensgefährte des NSA-Enthüllers Greenwald, David Miranda, kam aus Berlin, als er am Londoner Flughafen festgehalten wurde. Was wollte er in Deutschland?"

    Wen genau geht das auch nur das geringste an?

    37 Leserempfehlungen
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    Dachte ich mir auch gerade. Die Überschrift an sich ist ja schon eine Frechheit. Uns hat nicht zu interessieren, was der Festgehaltene privat alles so treibt, sondern vielmehr, mit welcher Begründung der Britische Geheimdienst Ausnahmegesetze dazu missbraucht, politischen Druck auszuüben. Genau dort sollte man als Journalist nachhaken und herumforschen, Herr Zacharakis! Auch wenn es wehtut, auch wenn man in Zukunft mit mulmigem Gefühl verreist. Sonst haben die Fädenzieher hinter all diesen Machenschaften nämlich das Hauptziel erreicht: Aktivisten und Dissidenten einzuschüchtern.

  5. 7 Leserempfehlungen
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    • biggerB
    • 19. August 2013 19:42 Uhr

    Lässt einem echt die Haare zu Berge stehen!

    Und zu diesen "Menschenjagdlisten" sei gesagt:
    Drauf kommen, ohne Verschulden, kann jeder!
    Wieder runter kommen, auch mit viel Glück, nur wenige!

    MfG
    biggerB

  6. Ich glaube da auch an ein Eigenleben der Geheimdienste.
    Als ob die alle loyal zur Obama-Administration stünden.
    Man sollte es ihnen nicht zu leich machen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Noch jemand da, ..."
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    >> Ich glaube da auch an ein Eigenleben der Geheimdienste. <<

    ... aber Miranda wurde nicht von irgendeinem Geheimdienst, sondern auf Basis der britischen Antiterrorgesetze festgehalten, und diese rechtliche Basis haben nicht die Geheimdienste geschaffen, sondern der Gesetzgeber.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte David Miranda | Edward Snowden | Glenn Greenwald | FBI | Computersicherheit | Datenträger
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