Flüchtlinge in Deutschland : "Wenn die Kinder Polizisten sehen, verstecken sie sich"

Ihre Kinder sind traumatisiert, die meisten ihrer Verwandten tot. Zwei Familien aus Syrien erzählen von ihrer Flucht nach Deutschland.
Eine syrische Mutter geht mit ihren Kindern in einem Flüchtlingscamp spazieren. © Zohra Bensemra

Das Ehepaar Frhan und Kolsin – ehemaliger Kosmetikladenbesitzer und Hausfrau, 38 und 37 Jahre alt

Das Ehepaar Frhan und Kolsin hat drei Kinder zwischen sieben und 14 Jahren. Die kurdische Familie lebte in Quamischli im Nordosten Syriens. Vor zwei Monaten kamen sie in Deutschland an und wohnen seitdem im Asylbewerberheim in Berlin-Spandau. Das ist die Geschichte ihrer Flucht:

Wir haben unser gesamtes Hab und Gut verkauft, um uns die Flucht leisten zu können. Wir zahlten unseren Schleppern 20.000 US-Dollar. Da wir immer wieder hörten, dass Syrer bei der Flucht mit einem Boot ertranken, entschlossen wir uns, mit dem LKW das Land zu verlassen.  

Wir waren vier Tage lang eingepfercht in diesen Wagen. Alle zehn Stunden gab es eine zehnminütige Pause. Die Kinder weinten. Wir aßen Thunfisch aus der Dose, Käse und Früchte. Die Kinder trugen Windeln, wir nutzten eine Tüte als Toilette.    

Wir erzählten davor niemandem, dass wir planten, das Land zu verlassen. Du kannst in Syrien niemandem trauen. Hätte jemand erfahren, dass wir vorhaben, nach Europa zu flüchten, hätten sie womöglich unsere Kinder entführt. Das passiert nämlich oft, dass Kinder gekidnappt werden, um dann das Fluchtgeld als Lösegeld zu verlangen.

Als wir in den LKW stiegen, legten wir unser Schicksal in Gottes Hände. Uns war klar, dass wir in Syrien sterben würden. Wir hatten Angst, nie in Deutschland anzukommen. Wir waren in Syrien eingesperrt. Die Zähne unserer jüngsten Tochter sind verfault, weil es monatelang nichts Vernünftiges zu essen gab.

Wir wissen nicht, wie es unseren Familien geht. Man hört sich manchmal via Telefon, aber selten. Ich glaube, wir werden nie nach Syrien zurückkehren. 

Bevor Frhan angefangen hat, ein Geschäft zu betreiben, hatten wir eine Landwirtschaft. Wir ernteten Getreide, das wir verkauften. Wir lebten gut davon, bis uns das Regime unser eigenes Land wegnahm. Wir sind kurdische Syrer. Wir wurden wie Müll behandelt. Wir durften weder studieren noch bekommen Kurden Papiere. Als die Kinder geboren wurden, mussten wir die Behörden bestechen, damit uns eine Geburtsurkunde ausgehändigt wurde.

Hier in Deutschland ist es noch etwas seltsam für uns. Es ist so ruhig. Unsere Kinder können endlich schlafen, weil sie keine Bomben hören müssen. Sie sind traumatisiert. Wenn sie Polizisten sehen, verstecken sie sich.  

Es ist schmerzhaft, wenn wir hier im Heim Menschen begegnen, die alleine unterwegs sind. Kinder, die nicht wissen, wo ihre Eltern sind. Eltern, die ohne Kinder unterwegs sind. Das ist unvorstellbar schrecklich.

Es ist schön, hier zu sein. In Deutschland werden selbst Tiere gut behandelt. Dort, wo Demokratie herrscht, wollen wir zu Hause sein. Dort ist unsere Heimat.

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