Schizophrenie : Frau Wallert öffnet die Tür nicht mehr

In Erlangen ist eine psychisch kranke Frau in ihrer Wohnung verhungert. Sie war im System gesetzlicher Betreuung verloren gegangen.

Im Frühjahr 2012 beginnt Rita Wallert* in ihrer Wohnung zu toben. Die Nachbarn wundern sich, denn sie ist eine freundliche, zurückhaltende Frau, Anfang 70, großgewachsen und eloquent. In ihrer Wohnung sammelt sie Bücher über ferne Länder. Sie ist weit gereist und besitzt eine wunderschöne Mineraliensammlung.

Nun tobt sie. Erst einmal, dann immer öfter. Die Nachbarn haben Angst – um Frau Wallert und um die Sicherheit. Wallert leidet unter Schizophrenie. Sie hat eine akute Psychose, fühlt sich verfolgt, bedroht und hat furchtbare Angst. Drei Nachbarinnen, Helga Herbst, Perdita Fister und ich suchen Rat und Hilfe bei der Pfarrei, der Hausverwaltung, dem Gesundheitsamt, der Stadt Erlangen, der Polizei. Erst fühlt sich niemand zuständig.

Was dann passiert, ist typisch. Familienangehörige hat Rita Wallert in Erlangen nicht, die die Betreuung übernehmen könnten. Das Gericht veranlasst deshalb, dass ein Berufsbetreuer für sie sorgen muss. Danach wird Wallert in die Psychiatrie gebracht. Etwa 200.000 Menschen werden jährlich gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen – darunter auch viele der rund 800.000 Schizophrenie-Kranken. Dort werden sie auf die richtigen Medikamente eingestellt.

Nach etlichen Wochen in der psychiatrischen Klinik ist Frau Wallert wieder daheim – sie muss die Medikamente regelmäßig nehmen. Eine Mitarbeiterin der Diakonie kommt jeden Tag, um sie ihr zu geben. Aber gesetzlich betreut werden möchte sie nicht mehr. Sie hat kein Vertrauen. Viele Menschen, die plötzlich unter gesetzliche Betreuung gestellt werden, werden durch eine Zwangsunterbringung zusätzlich traumatisiert. Für den Betreuer ist die Einweisung manchmal unumgänglich, manchmal aber auch die einfachste und schnellste Lösung.

Persönliche Betreuung ist nicht vorgesehen

Denn für jeden Betreuten erhalten selbstständige Berufsbetreuer oder Betreuungsvereine eine Pauschale, mit der alle Kosten abgedeckt sind. "Das Betreuungsrecht ist derzeit nicht mehr als eine rein aktenmäßige Verwaltung des Betreuten", kritisiert der Erlanger Anwalt für Sozialrecht, Michael Baczko. "Persönliche Betreuung ist nicht vorgesehen. Die Hilfsbereitschaft der Berufsbetreuer, die das nicht ertragen und unbezahlte Arbeit leisten, wird bewusst vom Staat ausgenutzt. Das sind die, die früher oder später mit Burn-out-Syndrom ausscheiden."

Frau Wallerts Betreuerin ist bei einem Betreuungsverein angestellt, der die Pauschalen in Gehälter umsetzt. Pro Wochenstunde Arbeitszeit werden 1,1 Klienten betreut. Manche Berufsbetreuer haben sogar bis zu 90 Klienten die Woche. Die sehen sie dann auch entsprechend selten. Jeder Klient, der in der Psychiatrie oder im Heim untergebracht ist, macht dem Betreuer deutlich weniger Arbeit.

Der Betreuungsgerichtstag e.V. schreibt: "… es wird nicht der erforderliche individuelle Aufwand, sondern eine Fallpauschale bezahlt. Darauf reagieren Betreuer marktwirtschaftlich. Wenn Fälle bezahlt werden und nicht die einzelne Unterstützungsleistung, wird nicht auf Assistenz geachtet, sondern auf Fallzahlen."

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