Heute ist Montag. Über das Internet versuche ich zu erfahren, ob die oberste Schulbehörde auch meine Lehrerstelle gestrichen hat. Viele meiner Kollegen hat die Vorgabe der europäischen Troika, die Quote der Beamtenschaft drastisch zu senken, schon getroffen. Und es trifft wieder mal nicht die, die durch Korruption einen Posten beim Staat ergattert haben, sondern uns, die wir ein Diplom vorweisen können und ohne Vetternwirtschaft verbeamtete Lehrer wurden. Mit uns werden auch eine Menge Ärzte und medizinisches Personal entlassen. Die Krankenhäuser funktionieren nur noch notürftig. Wo früher fünf Ärzte arbeiteten, ist heute nur noch einer da. Meine Freundin muss ihre 93-jährige Mutter im Hospital selber betreuen. Sie muss Infusionen anlegen, die Patientin waschen, sogar die Medikamente muss sie selbst kaufen. Das ist gar nicht so einfach, denn die Apotheken haben kaum noch Arzneien, teure Pharmazeutika aus dem Ausland sind nicht mehr erschwinglich. Ich habe mit meinem Mann erst letzte Woche zehn Apotheken in Athen abgeklappert, um ein Antibiotikum zu finden, das wir dringend brauchten. Es war nirgends erhältlich.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der "Christ&Welt"

Wir sind verzweifelt. Aber gerade als Pädagogen dürfen wir uns diese Verzweiflung nicht anmerken lassen. Im letzten Winter sind in unseren Klassen Kinder vor Hunger in Ohnmacht gefallen. Die hohe Stromsteuer, über die der griechische Staat bei den Bürgern das Geld für die europäische Schuldentilgung eintreibt, führte dazu, dass ihre Eltern die Kosten für Heizung und Licht nicht mehr bezahlen konnten. Wir haben mit den Bäckereien in Schulnähe eine private Kantine im Pausenhof eingerichtet, in der Schüler Milch und Brötchen umsonst bekommen. Auch Heizöl konnten wir nur unter den größten Schwierigkeiten auftreiben.

Bei so viel Armut und Schwäche müssen wir Griechen aufpassen, dass wir unsere Frustration nicht an noch Ärmeren und Schwächeren auslassen: den vielen Ausländern, die in unserem Land sind und die überhaupt nicht versuchen, unsere Sprache zu verstehen oder unsere Kultur zu akzeptieren. Ich erschrecke über mich selbst, wenn ich mich dabei ertappe, so negativ über die Xenoi, die Fremden, zu denken. Wir Griechen sind für unsere Gastfreundschaft berühmt, ich selbst habe als Ausländerin in einem fremden Land gearbeitet und gelebt, weiß also, was Fremdsein bedeutet.

Wie viele Ausländer im Land sind, weiß niemand. Es gibt keine Statistiken, und wenn es welche gibt, hält der Staat sie unter Verschluss. Man hat den Eindruck, die Fremden sind überall und werden immer mehr. Wegen meiner Platzangst vermeide ich größere Menschenansammlungen. Auf dem Weg in den Supermarkt von Koropi, einer Kleinstadt in der Nähe von Athen, musste ich mit dem Auto durch eine Gruppe Hunderter Pakistani im traditionellen Kaftan und Pluderhosen fahren, die Waffen trugen. Mir wurde immer unheimlicher zumute. Meine westlich legere Kleidung brachte sie gegen mich auf. Sie traten gegen meine Autotür und schlugen lärmend mit den Händen auf die Kühlerhaube und das Autodach.

Dass eine Frau Auto fährt, schien sie zu stören. Mich wiederum stört jede Form von Kultur, die ich als frauenfeindlich empfinde. Als Kind habe ich noch gesehen, wie auf dem Land griechische Bauern auf ihren Eseln ritten und ihre Frauen zu Fuß hinterhergehen mussten. Unsere Kopftücher, ein Relikt aus 400-jähriger türkischer Besatzung, haben wir abgelegt. Wir haben uns emanzipiert, tragen moderne Kleidung und reagieren besonders sensibel, wenn uns Männer wieder muslimische Geschlechterrollen aufzwingen wollen.

Die Straße erschien an diesem Tag wie verwandelt. Ist es noch die Straße, in der man früher Tavli gespielt und Kafedaki getrunken hat, wo die Frauen lachten und sich den neuesten Klatsch erzählten? Ich fühlte mich nach Karatschi versetzt zu Zeiten des Ramadan, wo die Männer zur Moschee gehen, während sich die Frauen in den Häusern verstecken. Ich fragte einen Kollegen aus Koropi, wohin denn all die vielen Muslime gingen. Er antwortete, das sei eine Gemeinschaft der Sunniten, die ein Fest in der Moschee in einer alten Fabrik am Ende der Straße feiern wollten. Er sagte mir auch: Mindestens eine Million Muslime leben inzwischen in Griechenland, davon ungefähr 70 Prozent in Attika, in der Nähe Athens. Allein 40 pakistanische Moscheen gibt es in der Hauptstadt, die Flüchtlinge aus Bangladesch, zahlenmäßig weniger, besitzen mittlerweile auch 30 Moscheen.

Die meisten Immigranten, die in den letzten Jahren nach Griechenland eingewandert sind, sind keine politischen Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Sie kommen ohne Familie, wie vor 20 Jahren die Albaner zu Tausenden vom Norden über die Berge gekommen sind. Jetzt kommen die Immigranten als Schwarzarbeiter aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan über den Fluss Evros, mithilfe von Schleppern in Thrakien. Die Grenzbeamten sind völlig überfordert.

Als noch die politischen Flüchtlinge kamen, wurden sie von uns Griechen viel freundlicher empfangen, weil unsere Nation über die Jahrhunderte aus politischen Flüchtlingen bestand. In der Nähe gab es ein großes Lager, in dem Kurden, Afghanen, Iraner und Iraker untergebracht wurden. Es kamen laufend Leute aus der Umgebung und brachten Kleidung und Essen vorbei. Es gab nur dieses eine Lager in Attika, das auch mit europäischen Geldern finanziert wurde. Die politischen Flüchtlinge konnten sich frei bewegen, wurden vom Staat mit einem Taschengeld ausgestattet und hatten ihr Zimmer im Lager, das in der Mitte der Stadt Lavrion lag. Eine meiner Freundinnen war dort für die Kleiderausgabe zuständig. Die Kinder und Jugendlichen dieses Lagers besuchten die ganz normale Schule. In dem Gymnasium, in dem ich als Deutschlehrerin tätig war, wurden sie in Griechisch unterrichtet. Wir gingen mit ihnen zum Markt, damit sie unsere Sprache schneller erlernten. Wir halfen ihnen außerhalb unserer Dienstzeit in allen Fächern, berieten sie auch psychologisch. Wir taten das ohne jegliche programmatische Vorgaben, in Griechenland läuft das meiste ohne Programm ab, aber dafür mit Herz.

Ich erinnere mich noch gut an einen afghanischen politischen Flüchtling an meiner Schule in Lavrion. Mein Schüler war älter als alle anderen und sehr melancholisch, sprach fließend Englisch, stammte aus einer gebildeten Familie. Er erzählte uns seine dramatische Flucht, wie er mit Schleppern über die griechischen Inseln bis nach Lavrion geriet. 5000 Dollar kostete dieses Abenteuer. Es wurde ihm ein Platz im Flüchtlingsheim zugewiesen. Mein Schüler wollte weiter in die USA, musste aber bei uns ausharren, bis er ordentliche Papiere bekam. Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass diese Flüchtlinge gar nicht hierbleiben wollten wie früher die Libanesen oder die Ägypter, die sich in unser Leben ganz integriert hatten. Wir waren lediglich Durchlaufstation. Ein Paradies zweiter Wahl.