Ein Bild von Süleyman Tasköprü in Hamburg (Archivbild) © dpa

Es ist eine sonderbare Stille im Saal, als Ali Tasköprü mit seiner Aussage beginnt. Es ist eine Ruhe, in der sich der Respekt für den Vater ausdrückt, der seinen Sohn verloren hat. Süleyman Tasköprü wurde am 27. Juni 2001 mit 31 Jahren in seinem Hamburger Lebensmittelgeschäft erschossen. Er war das dritte Opfer der NSU-Mordserie.

Richter Manfred Götzl fragt den 67-Jährigen, ob er mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert sei. "Auf keinen Fall!", ruft Tasköprü. Es ist sein einziger Gefühlsausbruch an diesem Tag. Danach schildert er leise und gefasst auf Türkisch das Schicksal, mit dem er seit mehr als zwölf Jahren leben muss. Eingerahmt zwischen dem Dolmetscher und seinem Anwalt Andreas Thiel wirkt er klein und verloren in dem großen Gerichtssaal. Doch er will die Chance nutzen, der nur drei Meter entfernt sitzenden Hauptangeklagten Beate Zschäpe das Leid seiner Familie deutlich zu machen. Hinten, auf der Nebenklägerbank, sitzt sein anderer Sohn Osman.

Am 37. Prozesstag führt das Gericht einen weiteren Mordfall in die Verhandlung ein – und eine weitere Familiengeschichte. Die der Tasköprüs ist ein besonders gelungenes Beispiel für Integration. 1970 kam Ali Tasköprü mit der Familie aus der Türkei nach Deutschland, Sohn Süleyman blieb in der Türkei bei Verwandten, bis er die fünfte Klasse geschafft hatte. Dann zog auch er nach Hamburg. 1998 übernahm die Familie mit zwei Söhnen und zwei Töchtern den kleinen Lebensmittelladen im Stadtteil Bahrenfeld, er sollte ihr Auskommen sichern. Süleyman bekam mit seiner Lebensgefährtin eine Tochter, sie war zweieinhalb Jahre alt, als er starb.

Der Tag ist Ali Tasköprü für immer im Gedächtnis geblieben. Er war mit seinem Sohn auf dem Großmarkt gewesen. Zurück am Laden bat ihn Süleyman, noch drei Packungen Oliven in einem anderen Geschäft zu holen. Als er nach einer halben Stunde wiederkam, sah er zwei Männer aus dem Laden kommen, er hielt sie für Kunden. Innen entdeckte er eine schwarze Lache. Es war geronnenes Blut. Darin lag sein Sohn, röchelnd. Tasköprü berührte sein Gesicht, zog den Kopf auf seinen Schoß, streichelte ihn. Süleyman konnte nichts mehr sagen. Er starb in den Armen seines Vaters.

Seine Schreie waren in der ganzen Straße zu hören

Gegen elf Uhr müssen seine Mörder den Verkäufer überrascht haben, hat die Bundesanwaltschaft rekonstruiert – laut Anklage kamen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in das Geschäft. Aus der Ceska-Pistole schoss einer von ihnen in Tasköprüs linke Wange. Das Opfer schlug mit dem Kopf auf einen Regalboden, dann schoss einer der Täter zweimal mit einer Pistole vom Typ Bruni in seinen Hinterkopf. Der letzte Schuss kam aus nächster Nähe. Bevor die Täter flüchteten, besorgten sie sich eine grausame Trophäe: Sie fotografierten ihr Opfer auf dem Boden des Ladens liegend – das Bild taucht auch im Bekennervideo des NSU auf.

Der Vater brüllte nach Gott, als er den Sohn fand, seine Schreie waren in der ganzen Straße zu hören. "Er hatte keinen Blutstropfen mehr in seinem Körper", sagt Ali Tasköprü vor Gericht. Manchmal scheint es, als spreche er direkt zu Beate Zschäpe. Die erträgt die Aussage ohne eine Regung. Wie es der Familie heute gehe, will Richter Götzl wissen. "Sie haben mir mein Herz abgerissen", sagt der Vater über die Täter. Noch immer schmerzt ihn die Sinnlosigkeit der Tat: "Wir lebten von unserem eigenen Geld. Was wollten diese Leute von uns?" Sinn im Leben gebe ihm nur noch die Enkelin, die nun bei ihm und seiner Frau aufwächst. Zu Tasköprüs damaliger Lebensgefährtin gibt es keinen Kontakt mehr.