NSU-Prozess : Gute Zeugen, träge Ermittler

Kaum ein Mord der NSU-Serie ist so durch Zeugen dokumentiert wie der an Ismail Yasar. Doch im Prozess wird klar: Die Ermittler befragten nicht alle mit gleicher Sorgfalt.

Salime Yasar zupft ihr fliederfarbenes Kopftuch mit den weißen Rosenstickereien zurecht. Für einige Sekunden ist die 82-Jährige groß auf der Leinwand im Gerichtssaal zu sehen. Unter dem Mund hat sie kleine Symbole eintätowiert, darüber ziehen sich tiefe Falten durch die gegerbte Haut. Es ist ein unendlich ernstes Gesicht. Salime Yasar trauert um ihren Sohn Ismail, ermordet am 9. Juni 2005 in seinem Nürnberger Dönerimbiss.

Der 34. Verhandlungstag im NSU-Prozess ist der dritte, an dem sich der Strafsenat dem Fall Yasar widmet. Das Mordopfer wurde 50 Jahre alt, hatte mehr als die Hälfte davon in Deutschland verbracht. Den kleinen Imbisscontainer an der Scharrerstraße in Nürnberg führte der gebürtige Türke seit Anfang des Jahrtausends. Dort suchten ihn seine Mörder auf, nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Yasar, der von seiner Frau geschieden lebte, hinterließ den 15-jährigen Sohn Kerem.

Salime Yasar ist zum ersten Mal beim Prozess dabei, an dem sie als Nebenklägerin teilnimmt. Sie hat in der ersten Reihe der Nebenklagebänke Platz genommen, daneben ihr jüngerer Sohn Ibrahim, ihr Anwalt Aziz Sariyar, ein Dolmetscher für die kurdische Sprache. Sie ist aus der Türkei angereist, um die Menschen zu sehen, die mutmaßlich für den Tod ihres Sohnes verantwortlich sind – aber auch die Zeugen, mit deren Hilfe das Gericht die Ereignisse an Ismail Yasars Todestag aufklären will.

Der Yasar-Fall hebt sich von den anderen Morden ab, weil er bemerkenswert gut durch Zeugenaussagen dokumentiert ist. Nachdem bereits am Vortag eine Zeugin ausgesagt hatte, hört das Gericht heute drei weitere Passanten, die fast genau zur Tatzeit am Imbiss vorbeigekommen waren. Alle machen erstaunlich klare und logische Aussagen. Die Musiklehrerin Waltraud N., die tags zuvor ihre Erinnerung schilderte, will aus ihrem Auto zwei schwarzgekleidete Männer bei der Bude stehen gesehen haben, einer habe ihr ins Gesicht geblickt. Auf dem Weg zum Fitnessstudio habe sie fünf Schüsse gehört.

Die Aussagen der vier Zeugen decken sich zu großen Teilen. Drei von ihnen sahen zwei Fahrräder neben dem weißen Container stehen. Die Räder sind bislang das wichtigste Indiz der Anklage: Etliche Nachbarn, die in Zwickau neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewohnt hatten, gaben an, die beiden Männer mit Mountainbikes gesehen zu haben. Auch an anderen Tatorten machten Zeugen entsprechende Aussagen.

Zu den umfangreichsten gehört die von Beate K. Die Bäckereiverkäuferin kam zweimal am Tatort vorbei, als sie auf dem Fahrrad zu einer Sprechstunde in der Schule ihres Sohnes fuhr – das Gebäude lag schräg gegenüber von Yasars Imbiss. K. erzählt, wie sie auf dem Hinweg zwei Männer mit einem Stadtplan in der Hand gesehen habe, neben dem Container hätten die Fahrräder gestanden. Vielleicht eine halbe Stunde später sei sie zurückgefahren, da habe einer der beiden dem anderen "einen in Plastik gewickelten Gegenstand" in den Rucksack gesteckt. Sie habe an einen kleinen Regenschirm gedacht.

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