Mit einem Satz beendet Richter Manfred Götzl die Debatte, die einen ganzen Prozesstag beansprucht hatte: "Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Entscheidungen über die Ablehnungsgesuche vorliegen", sagt er an die Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer und Anja Sturm gerichtet. Die zwei Befangenheitsanträge vom Dienstag sind abgelehnt, die Richter hätten bei ihrer Entscheidung über das Honorar von Wolfgang Stahl korrekt gehandelt, befand das Gericht.

So beginnt mit einem Tag Verspätung die Aufklärung des Mordes an Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt starb. Auch Kubasiks Tochter Gamze und seine Witwe Elif sitzen im Saal. Laut Plan sollten sie bereits am Mittwoch als Zeugen aussagen, ein neuer Termin dafür steht noch aus. Das Gericht rekonstruiert die Tat mithilfe von fünf Polizisten und einem Schussgutachter des Bundeskriminalamts.

Die ersten Zeugen sind zwei Polizisten, die direkt nach der Tat erste Beweise sicherten. Nach ihrer Vernehmung ergreift Doris Dierbach das Wort, die Nebenklage-Anwältin der Hinterbliebenen von Halit Yozgat, der zwei Tage nach Kubasik in Kassel ermordet wurde. Sie stellt einen Beweisantrag, in dem die spannendste Erkenntnis des Tages liegt: nämlich die, dass Beate Zschäpe während des Mordes in Dortmund gewesen sein könnte.

Zeugin sah Zschäpe auf Nachbargrundstück

Dierbach beantragt, eine Dortmunder Zeugin zu laden, die Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der ersten Aprilwoche 2006 auf dem Nachbargrundstück beobachtet haben will. Es war die Woche, in der Kubasik starb. Sie habe zwei Männer und eine Frau gesehen, die sich von einem "bulligen und stämmigen Skinhead" das Grundstück zeigen ließen. Mit der Frau habe sie sogar kurz Blickkontakt gehabt. Als der NSU im November 2011 aufflog, habe sie die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt auf den Fotos in den Medien wiedererkannt. Die Zeugin wohnt östlich des Stadtzentrums, sieben Kilometer vom Tatort entfernt.

Sollte die Aussage tatsächlich in die Hauptverhandlung eingeführt werden, würde sie den Vorwurf der Mittäterschaft gegen die Hauptangeklagte stärken. Denn zu den Merkmalen der Tatbeteiligung gehört auch das, was im Juristendeutsch "räumliche und zeitliche Nähe zum Tatort" heißt. Zudem könnte damit eine "Anbindung an die Logistik in Dortmund" nachgewiesen werden, argumentiert Dierbach. Die mutmaßlichen Terroristen hätten somit auf Unterstützer vor Ort zurückgegriffen. Diese Vermutung war im Laufe des Verfahrens immer wieder laut geworden; die Bundesanwaltschaft hatte sie jedoch stets zurückgewiesen und die Gruppe als autonom handelnde Zelle dargestellt. Unklar ist jedoch noch, wieso sich die Frau nicht bei der Polizei, sondern offenbar bei der Nebenklage meldete – und das erst im laufenden Verfahren. Die Zeugin selbst müsse die Gründe erklären, sagte Dierbach.

Mit den weiteren Zeugen kommt das Gericht zu den gesicherten Erkenntnissen vom 4. April 2006 zurück: Gegen ein Uhr stand Mehmet Kubasik hinter der Theke seines Kiosks, als seine Mörder hineinkamen – laut Anklage Mundlos und Böhnhardt. Viermal schossen sie auf den 39-Jährigen, zwei Kugeln trafen. Kubasik hatte keine Chance: Die Schüsse durchdrangen sein Gehirn, er starb noch am Tatort. Der gebürtige Türke, der 1991 als kurdischer Asylbewerber nach Deutschland gekommen war, hinterließ seine Frau und drei Kinder. Neun Familienmitglieder nehmen als Nebenkläger am Prozess teil.

Der Polizeibeamte Michael S. hatte kurz nach den tödlichen Schüssen Spuren am Tatort gesichert. "Es stellte sich schnell dar, dass hier keine Raubtat stattgefunden hatte", sagt S. Kubasiks Portemonnaie steckte noch in seiner Hosentasche, die Registrierkasse auf dem Tresen war gefüllt.