Papst Franziskus hat in einem Interview die katholische Kirche eindringlich davor gewarnt, sich nur mit den Fragen der Abtreibung, der homosexuellen Ehen und der Verhütung zu befassen. "Das geht nicht", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche im Gespräch mit der jesuitischen Zeitschrift La Civilta Cattolica, das am Donnerstag von Medien in 16 Ländern veröffentlicht wurde. "Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden." 

Die katholische Kirche müsse für eine Balance zwischen umstrittenen Ansichten zu Themen wie Abtreibungsrechten oder Homosexualität und der Notwendigkeit sorgen, die Kirche gnädiger und einladender für die Menschheit zu gestalten. Anderenfalls könnte ihr moralisches Gefüge "wie ein Kartenhaus" zusammenfallen.    

Die Haltung der Kirche zu Fragen der Homosexualität und der Abtreibung sei bekannt, sagte er weiter. "Und ich bin ein Sohn der Kirche." Ihm sei bereits vorgeworfen worden, nicht viel "über diese Sachen" zu reden. Wenn man aber darüber spreche, "muss man den Kontext beachten", forderte er. Seine Äußerungen zu Homosexuellen hatten im Sommer für großes Aufsehen gesorgt. Auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien hatte Franziskus im Juli gesagt: "Wenn eine Person homosexuell ist und Gott sucht – wer bin ich, um über sie zu richten?" In dem Interview sagte Franziskus, er habe mit seinen Äußerungen lediglich die Lehre der Kirche bekräftigt. Allerdings habe er mit Interviews oft Probleme, schränkte er ein: "Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt, als ich auf dem Rückflug von Rio de Janeiro den Journalisten, die mir die Fragen stellten, antwortete."

Papst fürchtet "Männlichkeit im Rock"

Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die "soziale Wunden" enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. "Aber das will die Kirche nicht." Die katholische Kirche müsse zu einer neuen Ausgeglichenheit finden, "sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen, droht, seine Frische und den Geschmack des Evangeliums zu verlieren".

Zur Rolle der Frau in der Kirche sagte Franziskus, dass man Funktion und Würde nicht verwechseln dürfe. Der weibliche Genius sei nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden. "Die Räume einer einschneidenden weiblichen Präsenz in der Kirche müssen weiter werden." Allerdings fürchte er sich vor einer "Männlichkeit im Rock", denn die Frau habe "eine andere Struktur als der Mann". Reden zur Rolle der Frau in der Kirche seien oft von einer Männlichkeits-Ideologie geprägt.

Franziskus forderte zudem, Reformen nicht zu überstürzen. "Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen", sagte er, ohne dabei direkt auf die von ihm auf den Weg gebrachte Kurienreform einzugehen.