Ist dieser Papst überhaupt katholisch? Oder ist er eher Buddhist? Franziskus, der Jesuit, hat der Zeitschrift des Jesuitenordens ein Interview gegeben. Frage-Antwort. Doch der da gefragt wird, hat gar nicht auf alles eine Antwort. Wie umgehen mit Homosexuellen? Mit Menschen, die zum zweiten, dritten, vierten Mal verheiratet sind? Mit Frauen, die verzweifeln, weil sie ein Kind erwarten? Er denkt nach, setzt neu an, erst nach vielen Sätze benutzt er zum ersten Mal das Wort "müssen": "Man muss immer die Person anschauen", sagt er. 

Hinsehen, hinhören, mitfühlen, begleiten, den Menschen vertrauen will Franziskus. Das klingt eher nach dem Dalai Lama als nach dem Oberhaupt der katholischen Kirche. Bisher war die Kirche ein fein ziseliertes Herrschaftssystem aus Schuld und Strafe, aus Denunziation der Lauen und Belohnung der Strammen, aus Ämterhuberei und Demutsbekundungen. Ginge es nach diesem Papst, dann wäre es damit bald vorbei.

Noch ist unklar, wie viel Franziskus inmitten der alten Seilschaften des Vatikans tatsächlich zu sagen hat, auch deshalb spricht er mit Journalisten. Er umgeht die traditionellen Netzwerke. Er will raus, er will unter Leute, er will leben und nicht von purpurnen Eminenzen gelebt werden. 

Niemand weiß, ob seine Kirche das überleben wird und ob Franziskus lange im Vatikan überlebt. Denn viel zu viele haben sich komfortabel in den Schützengräben permanenter Selbstbeschäftigung eingerichtet: die Linken und die Rechten, die Laien und die Geweihten, die Prälaten und die Kirchenhasser, die Rebellen und die Duckmäuser.    

Was die Kirche heute brauche, sei die Fähigkeit, "die Wunden zu heilen und Herzen der Menschen zu wärmen", sagt Franziskus. Er sehe sie wie "ein Feldlazarett nach einer Schlacht". Franziskus nimmt allen ihre Lieblingswaffen weg, den einen die edelsteinbesetzten Kreuze, den anderen die Reformpapiere. Und er hofft, dass unter güldenen Gewändern und Bergen von Beschlussvorlagen ein anderer Katholizismus zum Vorschein kommt: einer, der die Welt gerechter, friedlicher und freier macht. Einer, der fragt:  Wie kann ich dir helfen? Und nicht: Selbst schuld, dass du am Boden liegst!

Franziskus taugt nicht zum Feindbild

Ein frommer Wunsch. Mit der Bergpredigt könne man nicht regieren, sagte dereinst Helmut Schmidt. Das mag für den Staat stimmen, für die Kirche aber nicht. Wo, wenn nicht dort, sollte Jesus etwas zu melden haben?

Dieser Jesus sagte auch: "Seid klug wie die Schlangen." Franziskus hält sich auch daran. Er erweist sich als gewitzter und gewiefter Interviewpartner. Er umarmt verbal den emeritierten Papst, damit er die Benedikt-Verehrer nicht gegen sich aufbringt. Er verspricht den Frauen mehr Einfluss, damit auch sie mit ihm zufrieden sind. Er erwählt Kardinäle zu seinen Beratern, damit sich der hohe Klerus nicht völlig verprellt fühlt. Er lässt durchblicken, dass er belesen ist, aber am liebsten liest er das Testament seiner mutigen Großmutter Rosa. Um ein Christ zu sein, darf man Theologie studiert haben, aber man muss es nicht, heißt das. Ein Glaube, der das Leben fürchtet, ist keiner, heißt das auch.    

Natürlich lässt sich dieses Interview mit den üblichen kirchenkritischen Instrumenten auseinandernehmen: Nein, er hat den Frauen nicht die Weihe versprochen. Nein, er hat nicht angekündigt, alle Kunstschätze des Vatikan für die Armen zu verkaufen. Das Vermögen der Vatikanbank hat er auch noch nicht nach Burkina Faso überwiesen. 

Aber zum Feindbild taugt dieser Papst nicht. Gemeinhin werden jedem Pontifex alle Verbrechen des Christentums angelastet. Franziskus schützt sich entwaffnend davor, für Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung verantwortlich gemacht zu werden: "Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat", sagt er. Wer will so einem böse sein?

Mit jedem Telefonat, mit jeder Predigt, mit jedem Interview macht Franziskus seinen Kardinälen klar: Ihr habt einen schrägen Vogel zum Papst gewählt, eine wilde Mischung aus Taube, Adler und Spatz. Man könnte auch schlicht sagen: Vielleicht hat den Mann der Himmel geschickt.