Katholische KircheTaube, Adler, Spatz – Franziskus

Papst Franziskus reißt die katholische Kirche aus der permanenten Selbstbeschäftigung. Niemand weiß, ob seine Kirche das überlebt – oder er selbst. Ein Kommentar von Christiane Florin

Ein Papst, der selber leben will: Franziskus

Ein Papst, der selber leben will: Franziskus  |  © Tony Gentile/Reuters

Ist dieser Papst überhaupt katholisch? Oder ist er eher Buddhist? Franziskus, der Jesuit, hat der Zeitschrift des Jesuitenordens ein Interview gegeben. Frage-Antwort. Doch der da gefragt wird, hat gar nicht auf alles eine Antwort. Wie umgehen mit Homosexuellen? Mit Menschen, die zum zweiten, dritten, vierten Mal verheiratet sind? Mit Frauen, die verzweifeln, weil sie ein Kind erwarten? Er denkt nach, setzt neu an, erst nach vielen Sätze benutzt er zum ersten Mal das Wort "müssen": "Man muss immer die Person anschauen", sagt er. 

Hinsehen, hinhören, mitfühlen, begleiten, den Menschen vertrauen will Franziskus. Das klingt eher nach dem Dalai Lama als nach dem Oberhaupt der katholischen Kirche. Bisher war die Kirche ein fein ziseliertes Herrschaftssystem aus Schuld und Strafe, aus Denunziation der Lauen und Belohnung der Strammen, aus Ämterhuberei und Demutsbekundungen. Ginge es nach diesem Papst, dann wäre es damit bald vorbei.

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Noch ist unklar, wie viel Franziskus inmitten der alten Seilschaften des Vatikans tatsächlich zu sagen hat, auch deshalb spricht er mit Journalisten. Er umgeht die traditionellen Netzwerke. Er will raus, er will unter Leute, er will leben und nicht von purpurnen Eminenzen gelebt werden. 

Niemand weiß, ob seine Kirche das überleben wird und ob Franziskus lange im Vatikan überlebt. Denn viel zu viele haben sich komfortabel in den Schützengräben permanenter Selbstbeschäftigung eingerichtet: die Linken und die Rechten, die Laien und die Geweihten, die Prälaten und die Kirchenhasser, die Rebellen und die Duckmäuser.    

Was die Kirche heute brauche, sei die Fähigkeit, "die Wunden zu heilen und Herzen der Menschen zu wärmen", sagt Franziskus. Er sehe sie wie "ein Feldlazarett nach einer Schlacht". Franziskus nimmt allen ihre Lieblingswaffen weg, den einen die edelsteinbesetzten Kreuze, den anderen die Reformpapiere. Und er hofft, dass unter güldenen Gewändern und Bergen von Beschlussvorlagen ein anderer Katholizismus zum Vorschein kommt: einer, der die Welt gerechter, friedlicher und freier macht. Einer, der fragt:  Wie kann ich dir helfen? Und nicht: Selbst schuld, dass du am Boden liegst!

Franziskus taugt nicht zum Feindbild

Ein frommer Wunsch. Mit der Bergpredigt könne man nicht regieren, sagte dereinst Helmut Schmidt. Das mag für den Staat stimmen, für die Kirche aber nicht. Wo, wenn nicht dort, sollte Jesus etwas zu melden haben?

Dieser Jesus sagte auch: "Seid klug wie die Schlangen." Franziskus hält sich auch daran. Er erweist sich als gewitzter und gewiefter Interviewpartner. Er umarmt verbal den emeritierten Papst, damit er die Benedikt-Verehrer nicht gegen sich aufbringt. Er verspricht den Frauen mehr Einfluss, damit auch sie mit ihm zufrieden sind. Er erwählt Kardinäle zu seinen Beratern, damit sich der hohe Klerus nicht völlig verprellt fühlt. Er lässt durchblicken, dass er belesen ist, aber am liebsten liest er das Testament seiner mutigen Großmutter Rosa. Um ein Christ zu sein, darf man Theologie studiert haben, aber man muss es nicht, heißt das. Ein Glaube, der das Leben fürchtet, ist keiner, heißt das auch.    

Natürlich lässt sich dieses Interview mit den üblichen kirchenkritischen Instrumenten auseinandernehmen: Nein, er hat den Frauen nicht die Weihe versprochen. Nein, er hat nicht angekündigt, alle Kunstschätze des Vatikan für die Armen zu verkaufen. Das Vermögen der Vatikanbank hat er auch noch nicht nach Burkina Faso überwiesen. 

Aber zum Feindbild taugt dieser Papst nicht. Gemeinhin werden jedem Pontifex alle Verbrechen des Christentums angelastet. Franziskus schützt sich entwaffnend davor, für Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung verantwortlich gemacht zu werden: "Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat", sagt er. Wer will so einem böse sein?

Mit jedem Telefonat, mit jeder Predigt, mit jedem Interview macht Franziskus seinen Kardinälen klar: Ihr habt einen schrägen Vogel zum Papst gewählt, eine wilde Mischung aus Taube, Adler und Spatz. Man könnte auch schlicht sagen: Vielleicht hat den Mann der Himmel geschickt.   

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Leserkommentare
    • APGKFT
    • 20. September 2013 15:55 Uhr

    wie Franziskus hat die Welt bitter nötig.

    9 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 20. September 2013 17:01 Uhr

    "Moralische Instanz"

    Aber nur eine im Sinne von Jesus Christus, denn der ist für Katholiken maßgebend. Und sie ist nur nötig für die in der Welt, die es schwer haben, sich selbst eine Moral zu geben. Da muss er Sorger sein nicht Vorschreiber. Ich traue ihm bis jetzt nicht und zwar hinsichtlich Aspekten der Taktierei und Machtpolitik.

    und für die Tiere eintreten, die die Kirche zu ungehemmtem Gebrauch und zu entsetzlicher Versklavung frei gegeben hat.
    http://www.zeit.de/1997/35/Das_schwaerzeste_aller_Verbrechen

    • outis
    • 20. September 2013 16:05 Uhr

    Es sind wohl eher andere als die Kirche, die sich permanent mit den für Außenstehenden "kritischen" Punkten beschäftigen. Da liegt lediglich eine Wahrnehmungsverzerrung vor. Beispiel: die angeblich sensationellen Äußerungen von Franz zur Homosexualität. Ein Blick in den Katechismus hätte genügt, um festzustellen, dass der heilige Vater nichts tat, als die katholische Lehre wiederzugeben, aber auf einmal überschlagen sich alle vor Freude. Es hat sich nichts verändert; der Papst ist eine Projektionsfläche. Warum die Unfehlbaren des Zeitgeistes auf ihn, der nichts anderes sagt als sein Vorgänger, ihre Wunschvorstellungen projezieren, während sie ihre Abgründe auf seinen Vorgänger projezierten, mag verstehen wer will. Es ist und bleibt ihre eigene Befindlichkeit. Daran wird Franziskus in ihren Augen scheitern, und an nichts anderem.
    Der Papst selbst ist und bleibt, was seine Vorgänger waren und seine Nachfolger sein werden. Es war vielleicht ein Fehler, sich den Namen eines der größten Heiligen auferlegt zu haben. Das zeugt von mangelnder Demut, daran könnte Franz in seinen eigenen Augen scheitern, aber das muss er mit seinem Gewissen ausmachen.

  1. " Er verspricht den Frauen mehr Einfluss, damit auch sie mit ihm zufrieden sind." Das stimmt so nicht. Franziskus sagte, dass man Funktion und Würde (der Frau) nicht verwechseln dürfe. Der weibliche Genius sei nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden, nicht das Weib

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    Er fürchtet sich vor einer Männlichkeit im Rock [nicht aber vor Männern in Kleidern], denn die Frau habe eine andere Struktur als der Mann, Reden zur Rolle der Frau in der Kirche seien oft von einer Männlichkeitsideologie geprägt. (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-09/papst-franziskus-h...). Das heißt nichts anderes, als dass die Frau hübsch bei ihrem Leisten zu bleiben hat. Frauen können nicht ordiniert werden, weil Gott selbst Mann und Frau bestimmte Rechte und Pflichten zugewiesen hat, die ihrer jeweiligen Natur gerecht werden. Und der Mann ist und bleibt das Haupt der Frau, wie Jesus das Haupt der Kirche ist. Der Priester nimmt bei der heiligen Messe Christi Platz als dessen Stellvertreter ein. Wo kämen wir denn hin, wenn eine nicht gebenedeite Frau, also alle Frauen außer Maria, am Altar stünde? Noch nicht mal Maria wurde ordiniert, wie viel weniger können dann gemeine Frauen zur Priesterin geweiht werden.

    Franziskus hat den Frauen nicht mehr Einfluss versprochen, er hat nur versucht, weibliche Würde von Funktion zu entkoppeln, um behaupten zu können, Frauen das Priesteramt zu verweigern, sei kein Indiz für mangelnden Respekt.

  2. Er fürchtet sich vor einer Männlichkeit im Rock [nicht aber vor Männern in Kleidern], denn die Frau habe eine andere Struktur als der Mann, Reden zur Rolle der Frau in der Kirche seien oft von einer Männlichkeitsideologie geprägt. (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-09/papst-franziskus-h...). Das heißt nichts anderes, als dass die Frau hübsch bei ihrem Leisten zu bleiben hat. Frauen können nicht ordiniert werden, weil Gott selbst Mann und Frau bestimmte Rechte und Pflichten zugewiesen hat, die ihrer jeweiligen Natur gerecht werden. Und der Mann ist und bleibt das Haupt der Frau, wie Jesus das Haupt der Kirche ist. Der Priester nimmt bei der heiligen Messe Christi Platz als dessen Stellvertreter ein. Wo kämen wir denn hin, wenn eine nicht gebenedeite Frau, also alle Frauen außer Maria, am Altar stünde? Noch nicht mal Maria wurde ordiniert, wie viel weniger können dann gemeine Frauen zur Priesterin geweiht werden.

    Franziskus hat den Frauen nicht mehr Einfluss versprochen, er hat nur versucht, weibliche Würde von Funktion zu entkoppeln, um behaupten zu können, Frauen das Priesteramt zu verweigern, sei kein Indiz für mangelnden Respekt.

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    ...das würde der Bibel wiedersprechen: Epheser 5:22-24:
    "22 Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem HERRN. 23 Denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland. 24 Aber wie nun die Gemeinde ist Christo untertan, also auch die Weiber ihren Männern in allen Dingen."

    "Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen" (1. Tim 2,12-14)
    Und wenn einer sagt, das sei altmodisch, widerspreche dem Zeitgeit, kann ich nur erwiedern:" Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." (Apg 5,29).

  3. ich lese so viel.Kritisiere viele Journalisten.
    Mag selten was Journalisten schreiben.
    Dieser Artikel ist sowas von gut und richtig.
    Ich kam nochmal um den Namen zu lesen.
    Wer schrieb den Artikel?Den will ich mir merken.
    Denn so stell ich mir einen eigenen Beitrag vor.
    Offen,gut beobachtet,neutral.

    7 Leserempfehlungen
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    Die Autorin heißt Christiane Florin, zu finden ist der Name unter der Überschrift.

    Und ich stimme Ihnen zu, ein ausgezeichneter Artikel.

  4. so wie jesus es ja wohl auch gewesen sein will.

    jedenfalls bleibt festzuhalten, dass er all den pomp und gloria der katholischen kirche den rücken zuwendet und so HERRLICH menschlich bleibt.

    DAS macht ihn sympatisch - auch wenn er m.E. noch zu vorsichtig reagiert. er sollte einfach alles auf eine karte setzen und die traditionen dieser katholischen kirche ordentlich aufmischen.

    dann könnte er gar als zweiter reformator in die geschichte eingehen - und das wäre gut so!

    ich wünsche ihm jedenfalls ein gutes gelingen!!!

    4 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 20. September 2013 17:01 Uhr

    "Moralische Instanz"

    Aber nur eine im Sinne von Jesus Christus, denn der ist für Katholiken maßgebend. Und sie ist nur nötig für die in der Welt, die es schwer haben, sich selbst eine Moral zu geben. Da muss er Sorger sein nicht Vorschreiber. Ich traue ihm bis jetzt nicht und zwar hinsichtlich Aspekten der Taktierei und Machtpolitik.

    • TDU
    • 20. September 2013 17:07 Uhr

    Zit: "Wie kann ich dir helfen? Und nicht: Selbst schuld, dass du am Boden liegst!"

    Es gibt eine dritte Möglcihkeit: Was muss ich tun, damit du es schaffst, selbst wieder aufzustehen. Denn das hatte Jesus im Sinn. Selbständigkeit. Das Selbst Schuld ist menschengemacht und wahrlich nicht der Kirche vorbehalten.

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    • doof
    • 20. September 2013 17:29 Uhr

    dass der Fragende sich der Hilfe zur Selbsthilfe bewusst ist.

    Einer, der das übergeht und sagt: "So werde ich Dir helfen" hat die Selbständigkeit nicht im Blick.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Katholische Kirche | Papst | Vatikan
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