Strandreporter / Kolumne Strandreporter : Die Cariocas haben schlechte Laune

Eine Kolumne von
Brasiliens Boom ist vorbei, die Stimmung ist gekippt, Alltagsängste sind zurück. Die erste Folge unserer Kolumne Strandreporter aus einem missverstandenen Land

In Rio, da machen sie keine Revolution. Wer wird schon auf die Barrikaden gehen, wenn er auch am Strand sitzen kann? Worüber soll man sich aufregen in dieser sanften, großmütigen Stadt? Ist nicht der Strand – Flaniermeile, Stadtplatz und Wohnzimmer für alle – der beste Beweis, dass in Rio de Janeiro die sozialen Schichten friedlich miteinander auskommen können?

"Rio reduziert jeden, woher er auch kommen mag, wie berühmt oder reich er auch sein mag, auf ein Hemd, das nach draußen getragen wird, ein paar Bermudas und ein paar Flipflops", schrieb der brasilianische Essayist Ruy Castro 2004 in einer Hommage an seine Stadt. Auf den blechernen Klappstühlen der Copacabana, mit anderen Worten, beginne die Überwindung der Klassen.

Die Erzählung über den Strand als große soziale Utopie ist ein Klassiker. Der Glaube daran ist weit verbreitet, unter Einwohnern von Rio Janeiro im Allgemeinen und in den gut bürgerlichen Kreisen im Speziellen, und das, obwohl er ganz offenkundig grandioser Blödsinn ist. Schon bei oberflächlichem Hinsehen stellt man fest, dass Arm und Reich hier die gleichen Strände besuchen, dass die Armen aber viel zu tun haben: Sie tragen den ganzen Tag bei gleißender Sonne Teedosen, Bier, Kekse und Sonnenmilch herum.

In Rio de Janeiro war die größte Demo des Landes

Thomas Fischermann

leitet das Südamerikabüro der ZEIT in Rio de Janeiro. In seiner Kolumne "Strandreporter" auf ZEIT ONLINE berichtet er von unterwegs und aus dem Alltag in Rio.

Wenn man hier schon Rückschlüsse auf die soziale Lage in der Stadt ziehen will, dann sollte man lieber erklären, warum Rios Strände im Augenblick so erstaunlich leer sind. Na gut, das hat ein wenig mit den Temperaturen zu tun: 27 Grad Durchschnittstemperatur gelten manchem Carioca, wie sich die Einwohner von Rio de Janeiro nennen, als Pulloverwetter.

Doch der ernstere Hintergrund ist, dass die Cariocas schon länger nicht mehr viel am Strand gesessen haben. Sie sind beschäftigt: Manche demonstrieren – und die große Mehrheit strengt sich kräftig an, um die Früchte des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre in eine nicht mehr ganz so rosige Zukunft zu retten.

Es war jedenfalls eindrucksvoll, wie binnen weniger Monate – seit das neue ZEIT-Büro eingerichtet wurde – die Stimmung kippte. Das fröhliche Carioca-Völkchen, das noch im Februar einen ausgelassenen Karneval gefeiert hatte, wurde zunehmend angespannter, besorgter und ernster. Man sieht es in den Gesichtern, man hört es in den Gesprächen, die sich nicht mehr so viel um Fußball, Stars und Sexskandälchen drehen, sondern um Jobsorgen, Inflationsängste und fehlgeleitete Staatsausgaben. Es war keine große Überraschung, dass die Cariocas im Juni vorne mit dabei waren, als überall im Lande Großdemonstrationen ausbrachen: In Rio de Janeiro veranstalteten sie die größte Demo des Landes. 300.000 Menschen zogen kilometerlang die Getúlio-Vargas-Prachtstraße entlang.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

alles nicht schwarz/weiß oder cafe com leite

Ich gebe Capitolium recht, dass 3 % im vergleich zu Deutschland und Europa bestimmt keine Flaute sind.
Wenn das Land aber weiterhin (ohne großes Wachstum) unter 6 % Inflation zu leiden hat, dann kann man 3 % schon als zu klein empfinden.
Aber ich gehe davon aus, dass dies an Ihrem Super-Anti-Kapitalismus-Bild sowieso abblitzen wird.

Eine Kolumne aus Brasilien finde ich natürlich super. Ich kann mich aber den anderen Kommentaren anschließen und wünsche mir auch gerne etwas mehr insight.

Zum Beispiel könnte man darüber schreiben, dass die brasilianische Regierung Menschen zur Mittelschicht zählt, welche gerade einmal den "salario minimo" Bekommen (Familien Einkommen ca. 1200 Reais). (Quelle: Folha do Sao Paulo) Kein Wunder, dass die Brasis auf die Straße gehen.

Ich revidiere die Aussage teilweise...

Auch kommunistische Systeme können so agieren, wenn sie der gleichen Logik unterliegen.
Das Problem ist die Fixierung auf Wachstum. Und ja, die Inflation ist ein Problem - aber dann ist nicht mehr Wachstum die Lösung, sondern die Schaffung eines Systems ohne Inflation, denn die ist keineswegs naturgegeben, sondern etwas Menschengemachtes. Die Ökonomen erzählen uns zwar gerne, dass wir es hier mit "Gesetzen" zu tun haben, aber das ist natürlich vollkommener Humbug.

Es stimmt nicht so

Ich bin selber Carioca und es stimmt nicht dass die Menschen nicht mehr zum Strand gehen. Es stimmt auch nicht dass die Armen arbeiten am Strand, während die Reichen die Sonne genießen. Das ist eine Lüge! Ich bin nicht reich und gehe öfters hin. Es stimmt nicht dass es den Leuten schlecht geht. Seit Jahren können wir uns jetzt mehr leisten. Wir haben die niedrigsten Arbeitslosenzahl der Geschichte! Die Kriminalität in Rio hat sehr abgenommen. Heute traut man sich in Gegenden, wo man vorher nur aus dem Fernsehern kannte. Natürlich sind viele Banditen ausgewandert. Das war zu erwarten. Das Programm der Pazifizierung hat schon sehr viel gebracht. Ich habe vor der Complexo do Alemão gelebt und kann selber vergleichen. Demonstration und Streik waren immer in Rio bekannt! Sogar Beamte wie Feuerwehrmänner, Polizisten und Lehrer streiken! Das ist nicht neu! Viele der Demonstranten sind Weiß und gehören der Mittelklasse. Sie sind Studenten und zahlen keine Studiengebühren. Leider ist der Bericht einseitig und negativ, wie die meisten Bericht über Brasilien. Leider!