In Rio, da machen sie keine Revolution. Wer wird schon auf die Barrikaden gehen, wenn er auch am Strand sitzen kann? Worüber soll man sich aufregen in dieser sanften, großmütigen Stadt? Ist nicht der Strand – Flaniermeile, Stadtplatz und Wohnzimmer für alle – der beste Beweis, dass in Rio de Janeiro die sozialen Schichten friedlich miteinander auskommen können?

"Rio reduziert jeden, woher er auch kommen mag, wie berühmt oder reich er auch sein mag, auf ein Hemd, das nach draußen getragen wird, ein paar Bermudas und ein paar Flipflops", schrieb der brasilianische Essayist Ruy Castro 2004 in einer Hommage an seine Stadt. Auf den blechernen Klappstühlen der Copacabana, mit anderen Worten, beginne die Überwindung der Klassen.

Die Erzählung über den Strand als große soziale Utopie ist ein Klassiker. Der Glaube daran ist weit verbreitet, unter Einwohnern von Rio Janeiro im Allgemeinen und in den gut bürgerlichen Kreisen im Speziellen, und das, obwohl er ganz offenkundig grandioser Blödsinn ist. Schon bei oberflächlichem Hinsehen stellt man fest, dass Arm und Reich hier die gleichen Strände besuchen, dass die Armen aber viel zu tun haben: Sie tragen den ganzen Tag bei gleißender Sonne Teedosen, Bier, Kekse und Sonnenmilch herum.

In Rio de Janeiro war die größte Demo des Landes

Wenn man hier schon Rückschlüsse auf die soziale Lage in der Stadt ziehen will, dann sollte man lieber erklären, warum Rios Strände im Augenblick so erstaunlich leer sind. Na gut, das hat ein wenig mit den Temperaturen zu tun: 27 Grad Durchschnittstemperatur gelten manchem Carioca, wie sich die Einwohner von Rio de Janeiro nennen, als Pulloverwetter.

Doch der ernstere Hintergrund ist, dass die Cariocas schon länger nicht mehr viel am Strand gesessen haben. Sie sind beschäftigt: Manche demonstrieren – und die große Mehrheit strengt sich kräftig an, um die Früchte des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre in eine nicht mehr ganz so rosige Zukunft zu retten.

Es war jedenfalls eindrucksvoll, wie binnen weniger Monate – seit das neue ZEIT-Büro eingerichtet wurde – die Stimmung kippte. Das fröhliche Carioca-Völkchen, das noch im Februar einen ausgelassenen Karneval gefeiert hatte, wurde zunehmend angespannter, besorgter und ernster. Man sieht es in den Gesichtern, man hört es in den Gesprächen, die sich nicht mehr so viel um Fußball, Stars und Sexskandälchen drehen, sondern um Jobsorgen, Inflationsängste und fehlgeleitete Staatsausgaben. Es war keine große Überraschung, dass die Cariocas im Juni vorne mit dabei waren, als überall im Lande Großdemonstrationen ausbrachen: In Rio de Janeiro veranstalteten sie die größte Demo des Landes. 300.000 Menschen zogen kilometerlang die Getúlio-Vargas-Prachtstraße entlang.