Vier Minuten vor dem vorgesehenen Spielende kommt nochmal so richtig Stimmung auf. Ein Spieler des Teams von Madureira – das sind die in den kanariengelben Trikots und Hosen – hat den Ball weit in die Höhe gebolzt, und jetzt fliegt er mitten in die Tribüne der Fans. Einer fängt ihn, nimmt den Ball in die Hand, zielt und schleudert ihn ärgerlich zurück. "Puta!" ruft sein Sitznachbar, Nutte, und vermutlich sollte das in der Langform "Filho da Puta!" heißen, Hurensohn, ein Begriff, mit dem heute großzügig umgegangen wird. Unten auf dem Rasen, gleich neben der Sambaschule Império Serrano im Schatten des Serrinha-Slums gelegen, laufen nach Auskunft unterschiedlicher Mitglieder des Publikums gerade 22 Hurensöhne herum.

Es wird Zeit, Martin Curi zu fragen, was wir hier eigentlich machen. Martin Curi ist seit einigen Wochen der offizielle und unerschütterliche Fußballberater des Strandreporters. Der gebürtige Deutsche ist Fußballforscher am Nationalmuseum in Rio de Janeiro, er hat schon Bücher und wissenschaftliche Aufsätze über das Thema geschrieben und neuerdings einen mehrmonatigen Lehrplan für den frisch angekommenen ZEIT-Korrespondenten entworfen. Bis zur WM im kommenden Juni ist der Strandreporter, früher mal Fußballskeptiker, ein unheilbarer Fan. Soweit der Plan. Und hier in Madureira?

"Ich liebe es in der dritten Liga", sagt Curi, "weil manchmal die unglaublichsten Sachen passieren." Was denn so? "Eklatante Verstöße gegen die Regeln eben. Ich erinnere mich noch ein Spiel im Vorort Bangu, da kam ein Spieler hinter dem Tor hervorgeschossen, wie aus dem Nichts, und verteidigte mit dem Kopf. Oder es gab den Fall, in dem eine Mannschaft vier rote Karten erhalten hatte und trotzdem noch ein Tor machte. So etwas passiert in der ersten Liga doch gar nicht mehr!"

Im Zug gibt es Chips, Bier und Sekundenkleber

Nach Madureira fährt man vom Central do Brasil aus mit einem Vorortzug eine halbe Stunde lang gen Nordwesten. An jeder Station steigen Verkäufer zu, die ein Gebinde aus Handelswaren mit großen Fleischerhaken an den Haltegriffen aufhängen und dann sehr laut um Kundschaft werben: Chips! Bier! Sekundenkleber! Nähzeug! Kaugummi! Fernbedienungen für Röhrenfernsehgeräte der Marke Sharp!

Der Eintritt ins Stadion kostet sieben Euro. Oben am Tribünenrand steht, dass der Verein 2006 Vizechampion im Bundesstaat von Rio de Janeiro geworden ist und dass die Jugendmannschaft auch mal ein paar Pokale geholt hat. Am Spielfeldrand wartet ein Mann vor einer großen Tafel, er hat einen Stock in der Hand und kann damit bei Bedarf die gelben Tafeln mit den Ziffern umklappen, die den Spielstand anzeigen.

Um 16.43 Uhr, zwei Minuten vor Spielende, muss er das wieder mal tun: Madureira erzielt mit 2:2 den ersehnten Ausgleichstreffer gegen die Auswärtsgäste aus dem Ölindustriestädtchen Macaé. Das war gar nicht mehr zu erwarten. In den Minuten davor hatten sich Männer spontan auf den Boden fallen lassen, rollten Bälle zwischen den Beinen überrumpelter Verteidiger hindurch, sprangen Spieler zu einem Kopfballduell in die Höhe und schauten ganz verdutzt, als der Ball einen guten Meter neben ihnen ins Gras plumpste. Vielleicht ist die Qualität des Spiels an dieser Stelle einfach zu schwer für Laien einzuschätzen.

Der Fanklub von Madureira, der sich die Ultras nennt, steht inzwischen wieder hinter dem eigenen Tor und singt und hüpft ermunternd auf und ab (in der 35. Spielminute der ersten Halbzeit hatte man sich wegen der starken Sonne vorübergehend woanders hingesetzt). Ein Fan, etwa 60 Jahre alt, läuft vor uns am Spielfeldrand entlang, hält ein selbstgemaltes Schild über dem Kopf: "Gewinne, Madureira!" Irgendwann sagt ihm einer, dass er das Schild schon die ganze Zeit falschherum hält und da setzt er sich wieder.