Arabischer FrühlingTunesiens kleine Krisengewinner

Im Gegensatz zu Libyen und Ägypten ist Tunesien weitgehend friedlich. Gleichzeitig ist das Land politisch instabil und die Wirtschaft darbt – doch es gibt auch Gewinner. von 

 Schal- und Flaggenhändler in Tunis

Revolutionsprofiteur: Schal- und Flaggenhändler in Tunis  |  © Katharina Pfannkuch

Hat ein Land nur etwas mehr als zehn Millionen Einwohner, sind 650.000 Arbeitslose viel: Zwei Jahre nach dem Sturz von Präsident Zine el Abidine Ben Ali fällt die wirtschaftliche Bilanz in Tunesien ernüchternd aus. Eine Inflationsrate von 6,2 Prozent drückt auf die Einkommen, der Staat ist mit 18 Milliarden Euro verschuldet. Dabei hatten die Tunesier 2011 ihren Präsidenten noch mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus dem Amt gejagt. Doch die Übergangsregierung unter der islamistischen Ennahda-Partei konnte weder die Erwartungen der Bevölkerung erfüllen noch das Vertrauen ausländischer Investoren gewinnen: Seit der Revolution verließen über 100 ausländische Unternehmen den Standort Tunesien, alleine zwischen Januar und August dieses Jahres kehrten 15 Firmen dem Land den Rücken. 5.000 Arbeitsplätze gingen so verloren.

Verunsichert durch die anhaltende politische Instabilität weichen viele Unternehmen auf andere Standorte aus. Marokko gilt als einer der Gewinner der tunesischen Revolution, auch nach Portugal und Tschechien wandern Firmen ab. Dietrich Jenter vom deutschen Speditionsunternehmen Dachser in Tunesien kennt dieses Phänomen: "Wir spüren eine große Unsicherheit bei unseren Kunden." Noch immer wurde die neue Verfassung nicht verabschiedet, die eigentlich im Oktober 2012 fertig sein sollte. Auch die aktuelle Krise verunsichert potenzielle Anleger: Seit Wochen fordern Regierungsgegner die Auflösung der Übergangsregierung, der Ende Juli angekündigte Termin für Neuwahlen am 17. Dezember gilt vielen als kaum realisierbar. In der politischen Debatte hat die Wirtschaft nur einen Platz am Rande, die Proteste gehen weiter.

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Der 40-jährige Mahmoud ist bei jeder Demonstration dabei. Politisches Engagement treibt ihn dabei weniger als sein Geschäftssinn: Mahmoud verkauft am Rande der Proteste tunesische Nationalflaggen, Schals und Wimpel. Ihm, seinen Kollegen und den Kunden ist es zu verdanken, dass sich die Straßen Tunesiens bei jeder Demonstration in ein rot-weißes Farbenmeer verwandeln. "Die Geschäfte laufen gut", sagt Mahmoud. Bis zu 50 Flaggen verkauft er am Tag. Für fünf Dinar, knapp zwei Euro, sind sie zu haben, Wimpel und Schals gibt es für zwei Dinar.

Am Rand der Demonstrationen werden Popcorn und Snacks verkauft

Die anhaltenden Proteste sichern Mahmoud ein Einkommen, vor der Revolution war er arbeitslos. "Von mir aus kann das noch lange so weitergehen", sagt er, während sein Blick über die vorbeziehenden Demonstranten wandert. Und wie steht er, der bei jedem Protest dabei ist, zu den politischen Forderungen der Regierungsgegner? "Der Streit der Opposition mit der Regierung interessiert mich kaum", sagt Mahmoud, "mir ist wichtig, dass ich meine Familie ernähren kann. Von Demokratie und Meinungsfreiheit werden meine Kinder nicht satt". Nicht nur Flaggen sind Verkaufsschlager: Am Rande einer jeden Demonstration werden Popcorn und Snacks verkauft, fliegende Händler bieten Getränke an. Auch umliegende Restaurants und Cafés profitieren von den Demonstrationen.

Der 29-jährige Kellner Bilal Dhari arbeitet im Follow Me, das direkt am Place Bardo liegt, wo in den vergangenen Wochen täglich Sit-ins und Demonstrationen stattfanden. "Auch politische Aktivisten werden hungrig und brauchen mal eine Pause", sagt Dhari lächelnd. Das Restaurant war im letzen Monat täglich brechend voll – das bedeutet viel Arbeit, aber auch viel Umsatz für den Chef und vor allem viel Trinkgeld für den Kellner Dhari. An den Protesten nahm er selbst kaum teil, erzählt der 29-Jährige: "Nach elf Stunden Arbeit will ich schlafen, und nicht demonstrieren."

Auch die Designerin Manou Ben Chedly nutzt die Proteste – nicht als Einnahmequelle, sondern als modische Inspiration: "Als ich auf einer Demonstration all die Tunesierinnen mit unserer Nationalflagge in der Hand sah, dachte ich: Man müsste sich freier bewegen können, ohne dabei auf dieses Symbol verzichten zu müssen", erinnert sich Ben Chedly. Sie begann, Kleider aus der tunesischen Nationalflagge zu schneidern: "Mit einem solchen Kleid können die Frauen ihre Liebe zu Tunesien zeigen. Es ist auch eine Möglichkeit, den Platz der Frauen in unserer Gesellschaft zu betonen." Unter der islamistischen Ennahda-Partei werden gerade die Frauenrechte, auf die das Land so stolz ist, zum politischen Spielball.

Leserkommentare
    • True88
    • 10. September 2013 16:13 Uhr

    18 Milliarden Schulden? Das ist doch nichts im Gegensatz zur EU. 6.2 % Inflation sind peanuts, selbst die Türkei hat trotz stabiler Lage Rate fast 7%. Israel zwischen 7-8%. Für Tunesien sind diese Zahlen nicht so schlecht, wie versucht wird darzustellen. Die angeblichen Islamisten überall, die nichts können.... Lässt man die ideologische Sicht weg, ist die Lage nicht so schlimm, wie man versucht darzustellen...

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  • Schlagworte Frühling | Tunesien | Demonstration | Flagge | Protest | Revolution
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