Einmal im Jahr, wenn der Bischof von Limburg genug hat von Limburg, fährt er nach Hause, nach "Irrland", in die "Bauernhof-Erlebnisoase" von Schwester Josi und Schwager Johannes. Hier gibt es Rutschen, einen Streichelzoo und den "Irrland International Airport" für ausrangierte Flieger. Das Irrland ist der größte Arbeitgeber in Twisteden, dem Dorf nahe Kevelaer, in dem Franz-Peter Tebartz-van Elst vor nun fast 54 Jahren als zweites von fünf Kindern geboren wurde. Irrland, das ist Heimat für ihn. Wo Vergnügungssüchtige, wie es auf der Homepage heißt, sich "verirren" können "in Labyrinthen" oder eine Weile "über den Wolken fliegen", da standen früher die Schweineställe des Woltershofs – seit Jahrhunderten Stammsitz der Familie Tebartz-van Elst.

Einst war Irrland Großbauernland. Doch seit einiger Zeit ist die Landwirtschaft nicht mehr rentabel, weichen die Äcker dem industrialisierten Gartenbau, tritt an die Stelle des Geldadels der Städter, der sich abseits von allem ein schickes Bauernhäuschen im Grünen gönnt.

Irrland, das ist der Vergnügungspark gewordene Beweis dafür, dass selbst am Niederrhein, wo alles flach ist und stets Wind weht, nichts mehr ist, wie es war. Dabei heißt es, dass hier an der Grenze zu den Niederlanden die Welt des deutschen Katholizismus noch in Ordnung sei. Angeblich leben die Menschen hier die Volkskirche noch, gehen gerne in den Gottesdienst und sind stolz, mit Kevelaer einen Marien-Wallfahrtsort vor der Haustür zu haben. Und bringt es einer aus ihrer Mitte zum Priester, freuen sich alle, denn nun ist er ein Mann Gottes und steht so weit über den Sündern und Normalsterblichen, dass er mit weltlichen Maßstäben nicht mehr zu fassen ist.

Ja, so ist sie, die Volkskirche. Oder so war sie. Denn auch vor dem Niederrhein macht die Säkularisierung nicht halt. Mit jedem Weihnachtschristen, Atheisten und Protestanten, mit jedem Städter, der sich hier ansiedelt und sich nicht in einem der zahlreichen kirchlichen Vereine engagieren will, der sich erdreistet, SPD statt CDU zu wählen, und nur hier lebt, aber nicht hier arbeitet, versinkt die Volkskirche ein wenig mehr in Vergangenheit. Dennoch muss man sie verstehen, wenn man Franz-Peter Tebartz-van Elst verstehen will. Erst die Volkskirche hat ihn zu dem gemacht, der er heute ist. Ihr verdankt er den Glauben an die Selbstverständlichkeit, die Selbstverständlichkeit Gottes, der Kirche, auch den an die eigene Selbstverständlichkeit.

Konfessionelle Monokultur

"Als Franz-Peter und ich klein waren", sagt Franz Wustmans und wirkt erstaunt über sich selbst, "da konnte ich nicht glauben, dass es Menschen gibt, die nicht katholisch sind." Der ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende ist ein Jahr älter als Franz-Peter Tebartz-van Elst. Er ist in die gleiche Schule gegangen und hat den Katholizismus der Volkskirche noch in seiner Blüte erlebt: als Macht, der man sich in einer konfessionellen Monokultur so schwer entziehen kann wie dem Wetter. Die religiöse Erziehung, so Wustmans, sei für jeden Jungen damals streng gewesen. Selbstverständlich wurde der Katechismus auswendig gelernt, war man Messdiener und feierte den Gottesdienst nach dem alten Ritus, also auf Latein, mit viel Weihrauch und herrlich barock. Franz-Peter Tebartz-van Elsts Liebe zur Liturgie, zum Symbol, zum prächtigen Ritual, sie wurzelt wohl hier, in der schönen Strenge seiner Jugend.

Erst spät, so Wustmans, sei mit Priestern von außerhalb das Zweite Vatikanum nach Twisteden gekommen. Denn das Vatikanum, das sei damals vor allem eine Stadtgeburt gewesen. In den Universitäten lehrten die kritischen Theologen, die etwas frischen Wind in die Kirche bringen wollten. Sehr viel später sollte auch Tebartz-van Elst in einer solchen Stadt Theologie studieren, in Münster, wo Johann Baptist Metz Jahre zuvor die "neue politische Theologie" begründet hatte. Dieter Emeis, ehemaliger Doktorvater von Tebartz-van Elst, erinnert sich, dass der zwar nicht schlecht über die "politische Theologie" und andere Reformbewegungen gesprochen habe, aber eben auch nicht gut. "Ich glaube, er hat von unserer kritischen Solidarität in Wahrheit nie viel gehalten." Andere Dinge seien ihm wichtiger gewesen, die Liturgie etwa. Möglichst prächtig sollte sie sein. Außerdem wollte Tebartz-van Elst, so sein Doktorvater, vom Episkopat schon damals gemocht werden – und die Bischöfen mögen, seit die "kritische Solidarität" unter Johannes Paul II. zur Karrierebremse wurde, vor allem die Treuen, Frommen und Braven. Aus ihnen, nicht aus den Reformern, müsse und könne die neue Kirche bestehen, das machte 1993 der nicht mehr ganz so junge Student Franz-Peter Tebartz-van Elst die katholische Welt nach einem Amerikaaufenthalt in seiner Doktorarbeit glauben.