Tebartz-van ElstAbsturz eines Überfliegers
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Kirche geht auch ohne Volk

Die Arbeit wurde zur Initialzündung seines Aufstiegs und trägt den etwas sperrigen Titel: "Der Erwachsenenkatechumenat in den Vereinigten Staaten von Amerika – eine Anregung für die Sakramentenpastoral in Deutschland". Umso einfacher war dafür die Botschaft: Deutschland, das ist heute Missionsland! Und das ausgerechnet von Franz-Peter, dem Jungen aus dem Grenzlanddorf, der ohne seine Volkskirche nicht leben kann und heute noch einmal im Jahr nach Hause fährt, um als ganz normaler Priester in Twisteden oder im Nachbardorf Kleinkevelaer die Messe zu lesen und auf dem Woltershof zu übernachten, der auch schon lange nicht mehr das ist, was er einmal war. Irrland, das ist heute überall; irgendwo zwischen Twisteden und den unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas muss Franz-Peter Tebartz-van Elst diese Botschaft verstanden haben.

Doch er hat seine eigene Lehre daraus gezogen: Kirche geht auch ohne Volk. Sie muss sich selbst genug sein. Sie muss strahlen. Sie muss glänzen, dann kommen auch die verlorenen Schafe wieder angetrottet, ein paar zumindest. Natürlich muss auch der Bischof strahlen. Er ist ja nicht irgendein Gottesmann. Er ist der Gottesmann. Und das muss man ihm ansehen. All der Reichtum, all die Pracht – das ist doch alles nur für Gott.

Tatsächlich gibt es heute noch Menschen, und Franz Wustmans gehört dazu, die loben die Bescheidenheit des Franz-Peter Tebartz-van Elst, die sehen in ihm immer noch den begeisterten Messdiener von einst, der auf den Hof und so viel mehr verzichtet hat. Alles für Gott. Für die Kirche. Sie ist alles für Franz-Peter Tebartz-van Elst. Sie ist der Kern. Diesen Kern muss man pflegen und schmücken. Man muss begeistert sein von ihm. So wie die Eltern Tebartz-van Elsts begeistert waren. "Ich komme aus einer Bauernfamilie", sagte der Sohn einmal, "in der der Glaube gelebt wurde. Der Sonntag war anders als der Werktag, das Kirchenjahr wurde mitgefeiert." Das habe ihm Orientierung gegeben. Und Orientierung brauche die Kirche heute, nicht kritische Solidarität.

Fußball oder Kirche

Die Volkskirche, so wie Tebartz-van Elst sie als Kind erlebte, konnte eine Stütze sein fürs Leben. Vorausgesetzt, man war begeistert von ihr. Wenn man es nicht war, hatte man jedoch ein Problem. Für einen Jungen am Niederrhein gab es, erinnert sich Franz Wustmans, früher nur zwei Formen der Freizeitgestaltung: Fußball und Kirche. Wer der Provinz entkommen wollte und wie Franz-Peter keine Lust verspürte, den väterlichen Hof zu übernehmen, hatte also nur zwei Möglichkeiten: Profikicker werden oder Priester. "Und Fußball spielen konnte Franz-Peter mit seiner dicken Hornbrille wirklich nicht." Beide Professionen machen in der Provinz prominent. Plötzlich sehen einen alle an. Doch nur beim Priester schauen sie auch nach oben, sie schauen auf zu ihm. Er steht für die Kirche, für Gott, für den Kitt, der alles zusammenhält. Franz-Peter Tebartz-van Elst sagte einmal von sich, er sei als Junge ein Einzelgänger gewesen, eher der unkommunikative, höfliche Typ. Statt auf dem Hof zu helfen, habe er lieber gelesen. Wie wird so jemand damit fertig, dass ihn alle, Eltern, Freunde, Nachbarn, plötzlich für einen heiligen Mann halten? Wie kann man da schwach sein? Kann man? In Limburg erzählen die einen, die ihn kennen, dass der Bischof sehr einsam sei, er esse kaum mehr, seit ihm Verschwendung und Lüge vorgeworfen werden.

Die anderen dagegen behaupten, er sei ein Kämpfer und werde nie aufgeben. Vielleicht stimmt beides. "Macht", sagte Franz-Peter Tebartz-van Elst, bevor er als Bischof nach Limburg ging, "ist zunächst nichts Negatives. Ich bin bereit und geneigt, bischöfliche Verantwortung wahrzunehmen." Aber ist er dazu damals in der Lage? Wie kann er das wissen? Er muss schlicht darauf vertrauen, dass Gott ihn an diese Stelle gesetzt hat, und der weiß ja, was er macht. Ein Bischof darf und kann nicht scheitern. Er ist von Gottes Gnaden. Daran glaubt er, er muss es qua Amt. Denn sollte er wirklich nicht der Richtige sein, hätte Gott sich geirrt. Dann würde alles einstürzen. Alles.

So werden Kämpfer geboren!

Als Franz-Peter am 18. Januar 2004 im Dom zu Münster zum Weihbischof geweiht wird, sind sie alle da, seine Brüder, seine Neffen, sein Schwager, seine Mutter Maria Anna. Ganz Twisteden. Sie alle sehen, wie er als Zeichen der Demut vor Gott den Kopf senkt. Anlässlich der Ernennung hat Twisteden für Franz-Peter gesammelt und das Pektorale, das Kreuz auf der Brust, anfertigen lassen. Außerdem ist da noch der Bischofsring. Er ist gemacht aus den Eheringen der Großeltern und dem Trauring des Vaters. Der ist kurz vor der Ernennung seines Sohns an Krebs gestorben. Auch deshalb ist es für Tebartz-van Elst der große Moment seines Lebens. "Wenn ich auf mein Leben blicke", sagt er, als er sich erhebt und seine Mutter im Mittelschiff ansieht, "bin ich tief erfüllt von dem, was mir zu Hause geschenkt worden ist." Auch das ist Volkskirche: das Gefühl, getragen zu werden. Die Bischöfe von morgen werden dieses Gefühl nicht mehr kennen.

Wer heute Priester wird, der muss seinen Glauben gegen eine mindestens skeptische Umwelt verteidigen. Der wird für merkwürdig oder noch weit Schlimmeres gehalten. Vielen fällt es da schwer, nicht nur in den Trotzdem-Christen, in den Frommen und Begeisterten, sondern in allen Menschen Gestalten Gottes zu sehen. Franz-Peter Tebartz-van Elst mag ein Problembischof sein, doch die Bischöfe von morgen sind ein noch viel größeres Problem.

Als beinahe schon alles vorbei ist, erinnert im Dom zu Münster Bischof Reinhard Lettmann seinen frisch geweihten Mitbruder an die Wasserträger bei der Hochzeit zu Kana – so viel Pracht und Überfluss, und sie dürfen doch nur schleppen. "Wir Bischöfe", sagt Lettmann, "gleichen in unserem Dienst den Wasserträgern. Wir können das Wasser nicht in Wein verwandeln. Das kann allein der Herr." Dann ermahnt er Franz-Peter Tebartz-van Elst zur Bescheidenheit. Er ermahnt ihn vor allen. Vor Gott. Vor den 4.000 Gläubigen im Dom. Vor ganz Twisteden. Aber vor allem ermahnt er ihn vor dem verstorbenen Vater, "der vom Himmel aus zugegen ist".

Was nun, wenn Gott sich doch geirrt hat? Wenn dieser Bischof nicht nur als Bauherr, als Manager, als Chef, sondern auch als Mensch, Sohn, Bruder, Schwager und Mann Gottes gescheitert ist – und das ausgerechnet an der Bescheidenheit? Was, wenn er wirklich nur Wasserträger sein darf? Kann er diesen Gedanken zulassen? Und was wird dann aus denen, die aufgeblickt haben zu ihm?

Die Familie von Franz-Peter Tebartz-van Elst möchte nicht darüber reden. Sie möchte überhaupt nicht reden mit der Presse. Dann aber gibt sie doch eine schriftliche Erklärung ab: "Wir möchten Ihnen mitteilen, dass unser Bruder und Schwager insbesondere in diesen für ihn schweren Zeiten auf persönlicher Ebene große Unterstützung und Stärkung seiner Geschwister und seiner Großfamilie erhält. Die öffentlichen Diskussionen der letzten Monate und Wochen empfinden wir für ihn als medialen Pranger, den man nur mit größter Hilflosigkeit und fassungslos erdulden kann."

So sieht es seine Familie. So sehen es viele Menschen in Twisteden. Noch. Anders als Franz Wustmans wollen sie nicht auf Franz-Peter angesprochen werden. Klingelt bei ihnen das Telefon und ist mal wieder jemand von der Presse dran, der wissen will, was für ein Mensch der Bischof ist, raunzen sie in den Hörer: "Wir kaufen nichts!", schimpfen "Ihr seid doch alle nur gegen ihn", oder legen einfach auf. Volkskirche, das ist dieser Tage die Solidarität der Schweigenden.

Zu ihnen wird Franz-Peter Tebartz-van Elst irgendwann kommen, wenn alles vorbei ist. Er wird Schutz suchen bei ihnen. Und sicher werden Irrland und der Woltershof ihn aufnehmen, den verlorenen Sohn. Denn in Irrland gibt es nichts, was es nicht gibt. Dort kann man sich in Labyrinthen verlieren und über den Wolken fliegen, ohne je ernsthaft Schaden zu nehmen. Es gibt Rutschen, auf denen es nach unten geht, und Leitern für den Weg nach oben. Jeder ausrangierte Flieger hat einen Stellplatz. Er wird gepflegt und geliebt, damit die Kinder sich noch lange Zeit an ihm erfreuen.

Erschienen in Christ & Welt

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Leserkommentare
    • enios
    • 16. Oktober 2013 15:46 Uhr
    1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf absurde Verschwörungstheorien. Danke, die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
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    "Nach meiner Meinung muß ein Bischof nicht Holzklasse fliegen"

    Im Langstreckenflieger gibt es drei Klassen: Economy, Business & 1st.

    Erste Klasse ist in dem meisten Grossunternehmen dem Vorstand, vielleicht noch den Bereichsleitern direkt unter dem Vorstand, vorbehalten. Middle-Managment, und das entspreche ja einem Bischof von Limburg, fliegt Business und zunehmend auch Economy.

    Das hat niemand von Van Elst verlangt. Wie sagte er so schön falsch: "Business Class bin ich geflogen". Wäre er mal Business Class geflogen, ist er aber nicht.

    Sie liegen mit Ihrem Hinweis richtig. Wir haben den kritisierten Kommentar entfernt, da er krude Theorien enthält. Danke, die Redaktion/fk.

    Sie liegen mit Ihrem Hinweis richtig. Wir haben den kritisierten Kommentar entfernt, da er krude Theorien enthält. Danke, die Redaktion/fk.

    • tsx23
    • 16. Oktober 2013 18:18 Uhr

    Sie liegen mit Ihrem Hinweis richtig. Wir haben den kritisierten Kommentar entfernt, da er krude Theorien enthält. Danke, die Redaktion/fk.

    • Waida
    • 16. Oktober 2013 15:53 Uhr

    Nicht schon wieder.

    • Dakapo
    • 16. Oktober 2013 16:03 Uhr

    Genau betrachtet ist das nur der übliche Shit-Storm der Linksmedien in ihrem Hass auf die Katholische Kirche. Seit den Jakobiner werden der katholischen Kirche die Unterstützung der Feudalisten im Mittelalter und beginnender Neuzeit von dieser Gruppe nicht verziehen. Dabei haben die fortschrittlichen Reformer, die Evangelen, ihre Ausbreitung nur den Feudalisten zu verdanken! Luther war ein ganz schlimmer Bauernverächter.

    2 Leserempfehlungen
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    Hallo Dakapo,

    wieso sollte da so sein? Irgendeinen Zusammenhang herstellen, kann jeder. Es wird schwer Möglich sein, die Entstehung der "Zeit" geschichtlich aus dem Wirken der Jakobiner herleiten zu wollen.

    Wo ist hier der Zusammenhang? Was heißt hier verzeihen? Was wäre, wenn sie verzeihen würden?

    Gäb es dann weniger kritische Artikel? Gönnt dem Mann doch seine Badewann'

    JAKObinische Grüße

    • Henry44
    • 24. Oktober 2013 20:03 Uhr

    wenn ein Bischof öffentlich lügt und sich einen Amtssitz zu Kosten herrichten lässt, mit denen man 150 Wohnungen finanzieren könnte, dann hat er jede Glaubwürdigkeit verloren.

    Der Bischof hat das Recht, seine Sicht der Dinge gleichfalls öffentlich zu machen, aber die Öffentlichkeit hat auch das Recht, über derartige Vorgänge informiert zu werden.

    Wer in der Öffentlichkeit steht und wer dann auch noch hohe moralische Maßstäbe vorgibt, der darf auch nicht zimperlich sein. Das gilt für Politiker wie für Bischöfe.

  1. ich hatte mich schon gewundert, dass sich die Apologeten der reinen katholischen Lehre noch nicht zu Wort gemeldet haben. Aber, nun ist es soweit. Ein bisschen vatikan-gesteuerte PR - und schon wird uns selbst der Luxus-Bischof - eigentlich ein einfaches Männeken vom Niederrhein - ganz sympathisch. So funktionierts.
    Was für eine Farce!

    9 Leserempfehlungen
  2. Jeder normale "konzern" hätte wegen Untreue bereits Strafantrag gestellt. die Kirche hält sich immer noch für etwas besseres mit ihrem Parallelrecht. DAS stößt auf Unverständnis. Alles andere wie Islamkritik oder links oder unwissend hat damit nichts zu tun. Die Kirche hat selbst Schuld, wenn sich in ihrem Schoß immer wieder Straftäter verstecken. Ihnen passiert ja nichts.

    12 Leserempfehlungen
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    • evawe
    • 16. Oktober 2013 17:52 Uhr

    anklagt, damit hat er wirklich nicht gerechnet.
    Ich wünsche mir viele solche Staatsanwälte, die sich nicht abhalten lassen, ihren Beruf ordentlich auszuüben.

  3. Es ist ein sehr trauriges Zeichen für unser Land, dass nun selbst Geistliche vor den Wölfen der Presse nicht mehr sicher sind. Nicht nur, dass wir vielversprechende, junge Politikerkarrieren "zerschlagen", auch vor Gottes Bodenpersonal wird kein Halt gemacht.

    Hier werden Verfehlung so hoch gekocht, dass eine sachliche und emotionslose Auseinandersetzung mit dem Thema kaum noch möglich ist.

    2 Leserempfehlungen
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    Warum sollten ausgerechnet Geistliche sicher sein vor der Presse? Gerade sie stehen doch in der Öffentlichkeit. Es ist ja nun nicht so, als ob an den Vorwürfen nichts dran wäre und ihm diese Dinge nur unterstellt würden.
    Ich bin ganz froh, dass sich die Zeit der Sonderrechte langsam dem Ende zuneigt.

  4. Aus einem kleinen Dorf von linken Niederrhein stammend, kann ich als Altersgenosse des Noch-Bischofs die frühere bedingungslose Verbundenheit der Einheimischen mit der katholischen Kirche nur bestätigen. Als ich Anfang der 70'er Jahre meine Mitarbeit als Messdiener einstellte, sprach mich der Pastor an, erinnerte an meinen Vater als Kaufmann im Dorfe und meinte, dass Gott bei meinem Vater nichts mehr kaufe, wenn ich Gott meinen Dienst verweigere.

    Gott hat bei uns weiter gekauft, obwohl ich für ihn nicht mehr um halb 6 Uhr morgens für die Frühandacht aufgestanden bin.

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    Ja, so ähnlich war es bei mir auch. Es sollte die Verdammnis über mich kommen, hat der Kaplan gesagt. (Der Pfarrer selbst redete nich mit mehr, weil meine Eltern geschieden waren.)

  5. Dieser sogenannte Bischof, kriegt genau das, was er verdient.
    Jetzt den ach so "armen Bischof" so zu bedauern und mit einem Mantel von Mitleid zu umhüllen, ist völlig deplatziert.
    Wer hat den die ganze Kohle für Protz aus dem Fenster geschmissen?

    6 Leserempfehlungen
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    • Acaloth
    • 16. Oktober 2013 17:39 Uhr

    "Wer hat den die ganze Kohle für Protz aus dem Fenster geschmissen?"

    Und wer würde heute in Köln den Dom besichtigen hätte man damals nicht "Kohle für Protz" rausgeschmissen ?
    Um wieviele Kunstwerke und Bauwerke wäre Europa heute ärmer ?

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  • Schlagworte Johannes Paul II. | Bischof | Niederlande | USA | Limburg
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