"Wir sind Papst", titelte die Bild-Zeitung, als Josef Ratzinger im April 2005 Oberhaupt der Katholiken wurde. Das war anmaßend. Denn viele Deutsche, die mit der Kirche nichts am Hut haben, fühlten sich von diesem glaubensstrengen bayerischen Petrus-Nachfolger sicher nicht vertreten. Dennoch wird es viele Landsleute Ratzingers interessiert haben, wie er die kirchliche Lehre auslegte und ob er sie als Benedikt XVI. vorlebte – als Bestätigung ihrer ablehnenden Haltung oder aber mit respektvoller Neugier, mit der sie vielleicht auch Auftritte des Dalai Lama verfolgen.

Nun ist ein weit weniger prominenter Vertreter der katholischen Religionsgemeinschaft unfreiwillig ins Licht der Öffentlichkeit getreten. Vorgehalten werden ihm die hohen Baukosten seines pompösen Bischofpalastes in Limburg, sein autoritärer Führungsstil und seine mangelnde Liebe zur Wahrheit. Warum bewegt dieser Franz-Peter Tebartz-van Elst die Medien und Bürger seit Tagen so sehr?

Klar, Limburg ist nicht Stuttgart 21, wie der Kollege Christopher Pramstaller schrieb. Es geht nicht um eine Staatsaffäre, nur um das bizarre Gebaren eines Diözesan-Vorstehers aus der hessischen Provinz mit seltsamem Namen. Aber die Frage, ob der Bahnhof in der baden-württembergischen Landeshauptstadt unter die Erde gelegt wird oder nicht und was das kostet, betraf zunächst auch nur deren Einwohner. Und doch wurde daraus eine heftige bundesweite Debatte, weil anhand dieses Falls eine weit größere Frage verhandelt wurde: die Beteiligung der Bürger an der Entscheidung über staatlichen Großprojekte.

Auch in der Aufregung um den offenkundig unmoralischen Limburger Vertreter christlicher Moral schwing, neben allfälliger voyeuristischer Schadenfreude über einen entzauberten Anführer einer gesellschaftlichen Großinstitution, mehr mit. Bei den einen anti-elitäre Genugtuung nach dem Motto: "Da sieht man mal wieder, die da oben sind auch nicht besser."


Bei den anderen aber, nicht nur Gläubigen, lösen die Anmaßung und die Lügen des Bischofs vermutlich tatsächlich Empörung aus. Empörung darüber, dass hier ein Mann Gottes ganz offenkundig nicht begreift, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, als sich ein Kirchenfürst alles erlauben konnte. Und Empörung darüber, dass er so eindeutig gegen christliche Gebote verstoßen hat, die er selber lehren und verbreiten sollte.

Denn auch wenn die meisten Menschen in Deutschland der Kirche fern stehen, stoßen sich viele zurecht an solch krassen Fällen von Doppelmoral, erst recht, wenn der Betreffende sich besonders christlich-konservativ gebärdet. Zumal der neue Papst sich gerade bemüht zu demonstrieren, dass Bescheidenheit eine der christlichsten Tugenden ist.

Deshalb kann selbst die Frage, ob der Noch-Bischof mit einer Billig-Airline zum Rapport im Vatikan geflogen ist (oder First Class wie bei seinem Besuch in indischen Slums), von Interesse sein. Denn sie könnte Aufschluss darüber geben, ob der Mann am Ende vielleicht doch noch etwas verstanden oder ob er vollends abgehoben und kritikresistent ist. Davon wiederum dürfte auch sein Schicksal als Bischof abhängen. Danach darf man Limburg getrost wieder vergessen.