Vor Lampedusa kentert ein Flüchtlingsboot nach dem anderen. In Hamburg kontrolliert die Polizei Menschen, die wie Afrikaner aussehen, um die herauszufiltern, die illegal von ebendieser Insel nach Deutschland kamen. Vor dem Brandenburger Tor protestieren 29 Asylbewerber im trockenen Hungerstreik. Die Auswüchse der prekären europäischen Einwanderungspolitik manifestieren sich an vielen Orten. Im nordfranzösischen Calais ungewöhnlicherweise durch einen Rückgang der Flüchtlingszahlen.

Dabei ist Calais, an der engsten Stelle des Ärmelkanals gelegen, seit jeher der Dreh- und Angelpunkt des Personenverkehrs zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. Die Stadt zieht deshalb neben Touristen, Truckern und Geschäftsreisenden auch diejenigen an, die keine Einreisegenehmigung bekommen. Tausende "illegaler" Migranten, Geflüchtete aus aller Welt, haben in den vergangenen Jahren versucht, von Calais weiter nach Großbritannien zu gelangen.

Viele von ihnen sind wegen der kolonialen Vergangenheit, familiärer Bande oder schlicht wegen ihrer Sprachkenntnisse mit England verbunden. Deshalb versuchen sie, auf oftmals waghalsigen Wegen über den Kanal zu kommen. Aber diese letzten 34 Kilometer der oft jahrelangen Odyssee werden oft zur unüberbrückbaren Hürde. Denn die Seegrenze Calais-Dover ist wohl der bestbewachte Grenzübergang innerhalb der Europäischen Union. Mit Hunden, Herzschlagdetektoren, LKW-Röntgengeräten und Atemluftscannern machen Grenzschützer auf beiden Seiten des Ärmelkanals Jagd auf die blinden Passagiere. Im ersten Halbjahr 2009 wurden beispielsweise allein bei LKW-Kontrollen mehr als 14.000 Menschen festgenommen, die den Kanal ohne Papiere überqueren wollten.

Mehr Menschen aus Zentralafrika und Syrien

Zum Brennpunkt der undokumentierten Migration in Europa wurde Calais erstmals in den 1990er Jahren, als Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien in die Hafenstadt strömten. Seitdem ist die Community der sogenannten Transit-Migranten in ständiger Bewegung, sowohl was ihre Größe als auch ihre Zusammensetzung betrifft: Nach den Kosovaren kamen die Afghanen, dann die Sudanesen, Eritreer, Lybier und Iraner. Mittlerweile wird der Anteil der Menschen aus Zentralafrika und Syrien immer größer.

Im Jahr 2002 wurde das Auffanglager des Roten Kreuzes in Sangatte geschlossen. Das Camp, das für 200 Menschen ausgelegt war, musste zeitweise für mehr als 1.800 herhalten. Die Schließung war vor allem eine Folge der "Tolérance zéro"-Agenda des damaligen französischen Innenministers Nikolas Sarkozy. Außerdem machte Großbritannien Druck. London und Paris einigten sich schließlich: Frankreich schließt die Notunterkunft und im Gegenzug, "wird Britannien aufhören, so attraktiv zu sein", wie sich der damalige Innenminister David Blunkett ausdrückte. Das britische Asylgesetz wurde verschärft.