Die Tagung war schon fast zu Ende, da ließ der Bischof Gebhard Fürst, Oberhaupt der Diözese Rottenburg-Stuttgart, im alten Kloster St. Martin in der Stadt Weingarten eine kleine Bombe platzen. Am Ende eines mehrtägigen Kirchenkongresses schlug der katholische Geistliche ganz im franziskanischen Geist des neuen Papstes vor, die verlassenen Mönchstrakte des Klosters künftig für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Es sei womöglich an diesem Tag, sagt ein Teilnehmer bewundernd, der "Genius loci" des Wallfahrtsortes über den Bischof gekommen.

Nachdem Fürst zunächst vornehmen Applaus bekommen hatte, fragen sich mittlerweile viele, weshalb in dem südlichen Landstrich, in dem es Hunderte Kirchenbesitztümer gibt, ausgerechnet das ehemalige Benediktinerkloster Weingarten Wohnstätte für Flüchtlinge aus Syrien werden soll. Einerseits haben die letzten Mönche aus Nachwuchsmangel das Kloster vor drei Jahren verlassen. Seither stehen 50 Zimmer auf der etwa 600 Quadratmeter großen Geschossfläche leer.     

Andererseits ist Weingarten nicht irgendeine Kirchenanlage, sondern, mit seiner prachtvollen Basilika, größtes barockes Kirchenbauwerk nördlich der Alpen und Anziehungspunkt für jährlich Zehntausende Wallfahrer. "Klein Rom" nennen Gläubige die Basilika in Anlehnung an den Petersdom in der italienischen Hauptstadt. Europaweit einmalig ist der alljährliche Blutritt am Tag nach Christi Himmelfahrt, zu dem 3.000 Reiter in Frack und Zylinder aufbrechen.

Muslime in Kreuzgängen

In verschiedenen Internet- und Leserbriefforen örtlicher Zeitungen gibt es mittlerweile Hunderte ablehnende Kommentare zur Idee einer Flüchtlingsunterkunft. Das alte Kloster sei "im Nullkommanix runtergewohnt, versaut und ausgeplündert", steht da zu lesen. Nun würden also bald Muslime durch die Kreuzgänge wandeln und die Kruzifixe müssten verhängt werden, heißt es anderswo. Fatalistisch klingt dieser Rat: "Solange es also kein Steuergeld kostet… nur zu!"

Tatsächlich wird jedoch Steuergeld nötig sein, um die Idee des Bischofs Wirklichkeit werden zu lassen. Die katholische Kirche ist in Weingarten nämlich lediglich Mieterin der Klosteranlage, in deren Südflügel sich noch ein Tagungshaus der Diözese befindet. Besitzer des Großdenkmalgebäudes ist das Land Baden-Württemberg. Wie die alten Mönchszellen in Flüchtlingsunterkünfte umgebaut werden, sei Sache des Besitzers, sagt ein Sprecher der Diözese in Rottenburg. Mit Zahlen und Summen habe man sich darum im eigenen Haus bisher nicht beschäftigt. 40 Betten für Flüchtlinge, das wäre am Ende ein schöner Erfolg, heißt es.