Es gibt ein Paradox in der deutschen Einwanderungsgesellschaft: Auf der einen Seite wächst Umfragen zufolge die Akzeptanz für die kulturelle und ethnische Vielfalt, die in diesem Land in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. Gleichzeitig nimmt aber auch die Angst davor zu.

Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man sich die Fragestellungen genauer anschaut. Man nehme zum Beispiel eine Gruppe, die erklärt, dass sie mit dem Mit- und Nebeneinander verschiedener Kulturen ganz gut zurechtkomme, und der Ansicht ist, dass es um die Integration in Deutschland gut bis sehr gut bestellt sei.

Konfrontiert man sie jedoch mit der Gretchenfrage "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?", kommen schnell Ängste hoch. Manche, die eben noch von einem problemlosen Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen sprachen, sagen jetzt, der Islam sei natürlich ein Problem, Muslime blieben einem doch irgendwie fremd.

Die Berliner Kultursoziologin Naika Foroutan hat diese widersprüchliche Haltung vieler Mitglieder der deutschen Mehrheitsgesellschaft so zusammengefasst: Integration in Deutschland funktioniere, aber "minus Muslime".

Fremdgefühl im eigenen Land

Die Abwehr des Islam und der Muslime ist, von der Ablehnung des politischen Islamismus abgesehen, häufig Ausdruck projizierter Kulturängste. In einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft fühlen sich heute viele Alteingesessene als "Fremde im eigenen Land" – alleingelassen und immer stärker an den Rand gedrängt.

Ein Teil dieser kulturell Irritierten tendiert zu einer negativen Integration: Um sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft zu vergewissern, grenzen sie sich von den aus ihrer Sicht tatsächlichen "Fremden" ab. Dazu dient die – mentale Ersatzgemeinschaften stiftende – Ablehnung einer starken, als anhaltend fremd empfundenen Minderheit, in diesem Fall der muslimischen. Nach dem Motto: Wenn uns als Deutsche schon angeblich nichts mehr verbindet als die Mitgliedschaft in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, dann wollen wir wenigstens dadurch wieder Geschlossenheit finden, dass wir uns gemeinsam klar darüber werden, was wir jedenfalls nicht sind und nicht werden wollen. Nämlich Mitglieder einer "Scharia-Gemeinschaft".

An die Stelle der eigentlich notwendigen Diskussion über die neue Identität als Einwanderungsgesellschaft tritt damit die rückwärtsgewandte Flucht in eine identitätsstiftende Ersatzdebatte. Die vermeintliche "Bedrohung durch den Islam" füllt die diffuse Leere im Selbstverständnis der angestammten Mehrheit.

Verschärft worden ist dies noch durch die sogenannte Islamkritik, die sich im Schatten und infolge der Sarrazin-Debatte forciert entfaltet hat. Sie hat zu einer explizierten Islamfeindschaft und Skepsis gegenüber "den" Muslimen geführt.

Diese zum Teil kulturrassistische Abwehrhaltung machen sich rechtspopulistische, antiislamische und antieuropäische Parteien und Strömungen zunutze. Sie streben auf Initiative des niederländischen islamkritischen Agitators Geert Wilders nach einer Sammlung aller einschlägigen europäischen Kräfte. Hierzulande versuchen sie gerade, die europakritische Alternative für Deutschland zu unterwandern, die bei der Bundestagswahl nur knapp die Fünfprozenthürde riss, aber demnächst ins Europäische Parlament einziehen dürfte.