Der Vater kann nicht anders, als seinen Schmerz hinauszubrüllen. Das Leid übernimmt Kontrolle über Ismail Yozgat, als er an den Moment zurückdenkt, in dem er seinen Sohn Halit in einer großen Blutlache fand. Er habe seinen Kopf in die Hand genommen: "Cevap vermedi", schreit Yozgat auf Türkisch durch den Münchner Gerichtssaal. Halit habe "nicht geantwortet". Der Vater steht auf, hält seine Arme, als wiege er Halits Kopf darin. "Vermedi!", schreit er wieder, zweimal, dreimal, viermal, und dreht sich herum, damit alle im Saal ihn sehen können.

Immer wieder muss Richter Manfred Götzl den 58-Jährigen während seiner Aussage auffordern, sich zu beruhigen. Es ist eine der schwierigen Situationen im NSU-Prozess, wenn die sachlichen Juristen auf einen Hinterbliebenen treffen, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle bringen kann. Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat mit 21 Jahren in seinem Internetcafé in Kassel erschossen, laut Anklage von den NSU-Mitgliedern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.  

Über Jahre hat Vater Yozgat den Ermittlern in Verhören Rede und Antwort gestanden, nun will er vor Gericht lieber seine Botschaft verbreiten. Er spricht sein "herzliches Beileid an die Angehörigen der zehn Märtyrer" aus, die während der Mordserie ums Leben gekommen sind. Er fordert erneut, die Holländische Straße in Halit-Straße umzubenennen, nach seinem Sohn also. Er erzählt von dem Herzinfarkt, den all der Kummer ausgelöst habe, schließlich schreit er in Richtung der Angeklagten: "Mit welchem Recht haben Sie mein Lämmchen getötet?" Yozgat will nun Antworten.    

Die Zeugen wollen nichts gesehen haben

Er will auch wissen, wieso mehr als fünf Jahre lang niemand in der Lage war, den Mord aufzuklären. Er hört die Berichte der Zeugen, Gäste, die zur Tatzeit in dem Café in der Holländischen Straße 82 waren. In unmittelbarer Nähe der Mörder seines Sohnes. Warum nur haben sie nichts mitbekommen?

Da ist Andreas T., der ehemalige hessische Verfassungsschützer, der damals kurz nach den Schüssen das Geschäft verließ, aber nichts von dem Mord bemerkt haben will. Er ist einer der meistbeachteten Zeugen im Prozess und hat sich selbst verdächtig gemacht. Yozgat weiß das. Zum ersten Mal treffen sich in einem Raum die zwei Männer, deren Leben sich nach dem Donnerstag im April 2006 radikal verändert hat.

Am Nachmittag tritt schließlich Andreas T. in den Zeugenstand. Der 46-Jährige, der heute als Beamter in Hessen arbeitet, ist eine bekannte Person: Er hat Fernsehinterviews gegeben, immer wieder wurde seine Geschichte erzählt, auch im Untersuchungsausschuss des Bundestags sagte er aus. Heute berichtet T. erneut von seiner Version des 6. Aprils: Nach dem Dienst sei er in das Café gekommen, in das er schon seit Jahren zum Surfen gegangen sei, und habe sich um 16.51 Uhr an einem der Internet-PCs angemeldet. Dort habe er  Nachrichten auf einer Dating-Site ausgetauscht. Zehn Minuten später habe er sich abgemeldet. Als er bezahlen wollte, habe er Halit Yozgat nicht an seinem Platz hinter dem Schreibtisch im Vorraum gesehen. Er habe draußen nachgeschaut, dann noch einmal hinten bei den PCs. Schließlich habe er ein 50-Cent-Stück auf den Tisch gelegt und sei gegangen.