Am Ende meiner Türkischen Tage werde ich fast fünf Monate in Istanbul gewesen sein. Wie war das noch, in Deutschland einzuschlafen und aufzuwachen? Diese Ruhe und Stille. Wie fühlte sich das noch mal an? Ich weiß es gar nicht mehr.

Ich lebe in einer Stadt, in der morgens um zehn nach fünf der Muezzin das erste Mal zum Gebet einlädt. Manchmal höre ich ihn gar nicht mehr, weil seine Stimme mir so vertraut geworden ist. Dieser Ruf, dessen Uhrzeit sich immer nach dem Stand der Sonne richtet, ist immer der gleiche. Nur morgens enthält der "ezan", so heißt der Gebetsruf auf Türkisch, die motivierende Zeile: "Das Gebet ist heiliger als der Schlaf". Ich bleibe freilich liegen. Doch während ich mich noch einmal umdrehe, weiß ich, dass dieser Morgenruf zeitgleich 3.115 Mal in der ganzen Stadt erklingt. Wenn der Poyraz weht, der Wind, der aus dem Norden kommt, dann hallen die Stimmen der Muezzine von der asiatischen Seite über den Bosporus.

Diese Stadt, in der fünfmal am Tag "Gott ist der Größte", "Ich bezeuge, es gibt nur einen Gott", und "Kommt zum Gebet" insgesamt also 15.565 Mal aus den Minaretten erschallt, ist ohne dieses akustische Erlebnis nicht denkbar. Genauso gehören aber auch die Kirchenglocken dazu. Wenn sich das Geläut mit dem Ruf des Muezzins verbindet, dann begreift man, was es heißt, in einer Gesellschaft zu leben, in der Gott gegenwärtig ist. Wir sind es in Deutschland nicht mehr gewöhnt, Menschen zu sehen, die ihre Religionszugehörigkeit in ihrer Kleidung oder ihrem Lebensstil zeigen. Und wenn einmal in der Woche am Sonntag die Kirchenglocken ein paar Minuten lang - bim bam bom - zum Gebet rufen, dann vergisst man es bald wieder, weil es so selten geschieht.

Ich habe es nicht so mit Religion, aber ich habe mich daran gewöhnt, dass es Frauen gibt, denen das Tragen ihres Kopftuches so wichtig ist, dass sie es in Kauf nehmen, nicht auf die Universität zu gehen, und damit ihren Lebenstraum opfern und keine erfolgreiche Medizinerin oder Chemikerin oder Lehrerin werden. Ich will und kann das nicht beurteilen, aber ich lebe zur Zeit in einem Land, in dem es Frauen nicht möglich war, mit einer solchen Banalität, nämlich einem Tuch auf dem Kopf, studieren zu können. Ich empfinde das als Ungerechtigkeit. Ich möchte diesen Frauen gegenüber keinen Vorteil haben. Ich möchte nicht, dass in einer Welt, in der Frauen ohnehin diskriminiert werden, diese zusätzliche Hürde existiert. Punkt.

Es ist richtig, dass der Ministerpräsident Tayyip Erdoğan dieses Kopftuchverbot im Staatsdienst und in öffentlichen Einrichtungen aufhebt. Das wird in der Türkei natürlich mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Niemand möchte die Frauen diskriminieren. Gleichzeitig haben Nichtkopftuchträgerinnen Sorge, dass es vielleicht bald sie sein werden, die diskriminiert werden. Alles ist möglich in diesem Land. Es ist gespalten und es ist immer radikal.

Als der türkische Staat gegründet wurde, war das Verlesen des Gebetsrufs auf Arabisch verboten. Weil, so kann man das wirklich sagen, der Orient abgeschafft werden sollte, Europa sollte einziehen. 18 Jahre lang wurde das Verbot aufrecht erhalten. Vor einigen Monaten, auf dem Höhepunkt der Gezi-Proteste, erinnerte der Premierminister mit weinerlicher Stimme daran. Er erzählte es, als wäre es die größte anzunehmende Menschenrechtsverletzung, die man gläubigen Sunniten antun könne, den Muezzin auf Türkisch zu hören, wo er doch seit dem Jahr 622 im gesamten Orient auf Arabisch rief. Gleichzeitig prangerte Erdoğan das Unrecht gegenüber "unseren" Frauen und Schwestern an, die an der Tür zum Unicampus abgewiesen würden, weil sie ein Kopftuch trugen.

Leider funktioniert der Perspektivwechsel in der Türkei immer nur für die eigenen Interessensgruppen. Mit der gleichen weinerlichen Stimme hätte der Premier vortragen können, wie vor einigen Jahren "seine" Kommilitonen Nichtsunniten in der Uni regelmäßig verprügelten, weil diese am Ramadan nicht fasteten. Oder, dass es Städte und Dörfer in der Türkei gibt, in denen man sich wirklich nicht traut, während des Ramadan einen Schluck Wasser auf der Straße zu trinken, weil man sonst gelyncht wird. Zum Beispiel in der alten Heimat meiner Eltern in Bingöl.

Die Türkei ist nicht so oder so. Ich kenne armenische Christen, die mit Sunniten verheiratet sind. Türkische Christen mit türkischen Juden, Aleviten verlieben sich in Sunniten und nehmen aufeinander Rücksicht. Und dann gibt es Stadtteile in Istanbul, in denen reiche Fromme in Parallelgesellschaften leben. Sie haben eigene Supermärkte, Banken und Wohnkomplexe, islamic gated communities. Sie schicken ihre Kinder ins Ausland auf Weltklasse-Unis. Sie wollen religiös sein und trotzdem nicht den Anschluss an die Moderne verpassen. Nette Leute, wirklich.

Und dann gibt es diese intoleranten Idioten, von denen leider auch einige in der Regierung sitzen, die niemals begreifen werden, dass Respekt nur so funktioniert, dass man es den Frauen überlässt, ob sie ein Kopftuch tragen oder eben nicht. Diese Menschen sind wahlweise AKP’ler oder Hardcore Kemalisten, keiner ist besser als der andere.

Die Türken lesen zuhauf Shades of Grey. Sie hören sich im Radio Sendungen über Koranauslegungen an. Sie schauen sich Fernsehserien an, die Liebesgeschichten aus dem osmanischen Reich nachspielen. Sie sollen alle zu ihrem Recht kommen.

Während ich das schreibe, diskutiert die Türkei darüber, wie viel Demokratie im Demokratiepaket steckt, während der Muezzin auf Arabisch zum Abendgebet ruft. Während Millionen Kurden sich von der Regierung mit diesem "Demokratiepaket" über den Tisch gezogen fühlen, weil sie zum Beispiel wieder keinen Schulunterricht auf Kurdisch halten dürfen, weil es Anti-Terror-Gesetze gibt, aufgrund derer Tausende Menschen in den Gefängnissen sitzen, nur weil sie an Demonstrationen teilgenommen haben.

Einen Fehler sollte man nicht begehen: Das eine gegen das andere aufzurechnen. Meine türkischen, armenischen, kurdischen Künstlerkollegen sind alle einer Meinung: Wir gratulieren den sunnitischen Frauen, dass sie ihren Kampf gegen jahrzehntelange Diskriminierung gewonnen haben und wünschen uns, dass sie uns im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung gegen die anderen Minderheiten in diesem Land unterstützen. Damit jeder so leben kann, wie es ihn glücklich macht.