133 Tote, dazu 200 Vermisste, die kaum lebendig geborgen werden dürften – dies ist die Bilanz einer der schlimmsten Flüchtlingstragödien, die sich in den letzten Jahren auf dem Mittelmeer ereigneten. Schauplatz wieder einmal: die kleine Insel Lampedusa. 20 Quadratkilometer Felsen zwischen Europa und Afrika, ein Synonym für die latente Flüchtlingskrise der EU.

"Einen Horror" nennt das Giusi Nicolini, seit 2012 die Bürgermeisterin von Lampedusa, wo allein seit ihrem Amtsantritt annähernd 20.000 Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge an Land gingen. Von einer "Schande" sprach der Papst, der im Juli mit seinem viel beachteten Antrittsbesuch auf der Insel das Thema zurück auf die Agenda der internationalen Medien brachte.

Beide Begriffe haben ihre Berechtigung. Das Wort "Unglück" hingegen wird den Ereignissen vor der Insel nicht gerecht. Der Begriff legt nahe, es handele sich bei der Massenpanik um ein zwar grausames, aber gleichsam zufälliges Szenario. Doch genau das ist es nicht – unabhängig davon, ob der Brand auf dem Flüchtlingsboot durch einen Kurzschluss verursacht wurde oder durch Decken, die Migranten anzündeten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Grausamer Umgang der Schlepper mit Flüchtlingen

Erst zwei Tage zuvor ertranken 13 Bootsflüchtlinge, deren Schiff vor Sizilien auf Grund gelaufen war, beim Versuch, ans Ufer zu schwimmen. Den gleichen Tod starben im August sechs junge Syrer. Ein italienischer Behördenvertreter schätzte im September, die Zahl der Toten im Mittelmeer läge dieses Jahr bei "vielleicht 1.000".

Wer sich auf Lampedusa mit Bootsflüchtlingen unterhält, hört immer wieder vom grauenhaften Umgang der Schlepper mit ihnen. Im August etwa landete ein Schlauchboot in Lampedusa. So voll bepackt war es mit Menschen, dass diejenigen, die am Rand saßen, ein Bein ins Wasser hängen lassen mussten. Längst nicht alle Passagiere konnten schwimmen. Westen gab es keine, auch nicht für die Kinder.

Asylpolitik - Wohin mit den Flüchtlingen? ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm über die EU-Flüchtlingspolitik Laut dem UN-Flüchtlingskomissariat waren im Jahr 2012 weltweit 45 Millionen Menschen auf der Flucht. ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm über bewusste und unbewusste Missverständnisse und Fehleinschätzungen in der Asylpolitik auf deutscher und europäischer Ebene.

Andere Überlebende erzählen von Schleusern, die nach dem Ablegen in Libyen einem Passagier kurz die Navigation des Bootes erklären, das Satellitentelefon mit der Nummer der italienischen Küstenwache überreichen und dann ins Wasser springen, um zurück an den Strand zu schwimmen.

Helfer brauchen oft Stunden

Dabei ist ein Notruf keinesfalls die Rettung, selbst wenn es die überfüllten Boote in die Nähe der Küste schaffen. Oft vergehen Stunden, bis Helfer vor Ort sind. Wenn zudem der Motor kaputt ist, funktioniert auch die Pumpe nicht mehr. Eindringendes Wasser müssen die Passagiere dann per Hand ausschöpfen.
Und doch stechen die alten Kähne weiter in See, besonders häufig in diesen Spätsommerwochen mit stabiler Wetterlage. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Libyen, wo die weitaus meisten Migranten an Bord gehen. 

Nach dem berüchtigten Deal zur Flüchtlingsabwehr zwischen der EU und Oberst Gaddafi setzte dieser die Boote im Bürgerkrieg als Druckmittel gegen den früheren Verbündeten ein. Mehrere Migranten erzählten damals, sie seien von Sicherheitsleuten mit vorgehaltener Waffe auf die Boote gezwungen worden. Nach seinem Sturz lässt nun das entstandene Machtvakuum den Schleusern genug Raum für ihre Aktivitäten.

Syrer suchen Hilfe in Europa

Und nicht nur das – es sorgt auch dafür, dass die Lebensbedingungen für afrikanische Migranten in Libyen gänzlich unerträglich werden. Viele versuchen als Arbeitsmigranten im wohlhabenden Ölstaat ihr Glück. Doch jeder Flüchtling, der auf Lampedusa landet, kann inzwischen von Misshandlungen und Bedrohungen durch Polizisten, Militärs oder Zivilisten berichten.

Denen, die nicht in ihr Heimatland zurückkehren können, bleibt als einziger Ausweg die Flucht nach Europa.

Neben den Afrikanern versuchen in den letzten Monaten auch immer mehr Syrer von Libyen aus den Sprung nach Europa. 8.000 Euro verlangen die Schlepper, anders als bei Afrikanern, die meist nur 1.000 Euro für eine Überfahrt zahlen müssen. Meist laufen die Boote die sizilianische Ostküste an, aber auch auf Lampedusa landen viele.

Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin, wollte sich dieser Herausforderung immer stellen. "Lampedusa ist es gewöhnt", kommentierte sie kürzlich noch die neue Welle aus Syrien, und betonte wie immer, die Insel müsse die Bootsflüchtlinge ebenso aufnehmen wie die Touristen. Nun hat sich ausgerechnet vor dem beliebtesten Strand Lampedusas seine größte Katastrophe ereignet.