In das Rostocker Wohnviertel Dierkow verirrt man sich nicht. Der Autobahnverkehr rauscht ganz in der Nähe vorbei, dem Anblick der tristgrauen Plattenbauten kann man nirgends ausweichen. Auf einem staubigen Platz in einer Sackgasse steht ein weißer Container, mit Graffiti übersät. In dem kleinen Döner-Imbiss starb am 25. Februar 2004 ein Mensch – Mehmet Turgut, Mitte 20, niedergestreckt mit drei Schüssen. Das fünfte Opfer der NSU-Serie.

Zum ersten Mal beschäftigt sich das Gericht ausführlich mit dem Mord an dem jungen Mann, der aus der Türkei stammte. Seine Brüder Yunus und Mustafa sind als Nebenkläger in den Gerichtssaal gekommen, sie sitzen neben ihren Anwälten. Am Tag der Tat kamen Turguts Mörder laut Rekonstruktion der Anklage zwischen 10.10 und 10.20 Uhr in den Container – es sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewesen sein. Nur wenige Minuten danach fand ihn der Besitzer des Imbisses, Haydar A.

Bislang waren lediglich zwei Zeugen zu dem Fall vernommen worden – ein früherer Anwohner, der Schüsse gehört haben will, und der Rechtsmediziner Rudolf Wegener. Dieser hatte den Ablauf des Mordes rekonstruiert: Demnach trafen Turgut Schüsse in Kopf, Hals und Nacken, einer verfehlte ihn. Turgut starb noch vor Ort im Rettungswagen.

"Was sucht jemand in diesem Bereich?"

Einer der Ersten am Tatort war der Kommissar Andreas M., der als Zeuge geladen ist. Er zeigt Fotos vom Mr. Kebab Grill, alle in einem trüben Sepia-Ton, im Hintergrund die Betonkulisse. "Wir haben uns überlegt: Was sucht jemand in diesem Bereich?", sagt M. Sie hätten keine Antwort darauf gefunden. Durch die Straße, die an der Sackgasse vorbeiführte, seien nur Anwohner des abgelegenen Viertels gekommen. Wie kamen die Täter ausgerechnet auf dieses Ziel?

Im Innern fand M. einen angebrannten Dönerspieß, der Kaffee war frisch aufgesetzt. Turgut, der in dem Imbiss aushalf, musste den Laden gerade geöffnet haben. Auf dem Boden hinter der Theke ist eine Blutlache zu sehen. Geld fehlte keins, wie sich später herausstellte. M. kam eine schaurige Erkenntnis: "Die Menschen, die hier reingegangen sind, wollten nicht rauben oder zerstören. Die wollten einfach nur töten", sagt er, als er durch die Fotos blättert.

Dabei seien sie mit hoher krimineller Energie vorgegangen: Turguts Blut sei nur auf dem Boden des engen Containers gefunden worden und nicht oberhalb seines Kopfes, stellt M. fest. Anders hätte es ausgesehen, wenn seine Mörder hereingekommen wären und einen Schuss auf den stehenden Verkäufer abgegeben hätten. Das ließe nur den Schluss zu, dass die Schützen "das Opfer fixiert und getötet haben". Einschüsse fanden die Ermittler auf dem Linoleumboden, sie lassen sich passgenau den Wunden im Kopfbereich zuordnen. Zwischen Dönerspieß und Kaffeemaschine muss demnach eine Hinrichtung stattgefunden haben.

Dieser Möglichkeit widerspricht Olaf Klemke, Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Das Opfer könne sich ja – in Anführungsstrichen – auch freiwillig hingelegt haben, hält er dem Polizisten vor. "Das ist meine Sicht der Dinge", entgegnet M. Auch der Nebenklageanwalt der Familie, Detlef Kolloge, hält die Fixierungstheorie für unbewiesen. Das Opfer könne sich unter dem Eindruck der Waffe hingelegt haben, sagte er ZEIT ONLINE.