Es ist Mittwochnachmittag, der 15. Juni 2005. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt drücken sich in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs herum. Hier, in der Trappentreustraße 4, liegt der Schlüsseldienst des Griechen Theodoros Boulgarides. Um 15.22 Uhr klingelt das Handy, das sie bei sich haben. Der Anruf kommt aus einer Telefonzelle in 360 Kilometer Entfernung, nahe der Polenzstraße in Zwickau, wo sie wohnen. Es ist ihre Komplizin Beate Zschäpe. Eine letzte Rücksprache, jeder weiß, was zu tun ist. Weniger als vier Stunden später ist Theodoros Boulgarides tot.

Das Geschehen rund um den Anruf haben die Ermittler bei ihrer Arbeit an der NSU-Mordserie rekonstruiert. Es ist ein Puzzlestück bei der Aufklärung des Mordes, an dem bis heute vieles mysteriös ist. Zwischen 18.30 und 19 Uhr wurde Boulgarides an dem Tag im Juni mit drei Schüssen niedergestreckt, laut Anklage von Mundlos und Böhnhardt. Zu der Zeit hatte das Geschäft bereits geschlossen. Den Laden hatte Boulgarides gemeinsam mit einem Geschäftspartner gerade zwei Wochen zuvor eröffnet. Unklar ist, ob die Täter zuvor womöglich ein anderes Opfer ausgespäht haben, ob es eigentlich einen anderen Migranten treffen sollte.

Der Verwechslungsfrage kommt das Gericht am 46. Verhandlungstag nicht näher. Doch es beschäftigt sich mit mehreren deutlichen Indizien, die gegen das Trio sprechen – und vor allem gegen die Hauptangeklagte Zschäpe. Ein Ermittler des bayerischen Landeskriminalamts erklärt, wie er damals die Reichweite des Mobilfunkmasts ausmaß, bei dem sich alle Handys in der Umgebung einwählen. Die Funkzelle in der Nähe des Bahnhofs umfasste auch die Trappentreustraße, Mundlos und Böhnhardt mussten schon einige Zeit in der Nähe gewesen sein.

Eine Datenbank mit mehr als 10.000 Adressen

Das Handy, das damals klingelte, fanden Polizisten im Brandschutt der letzten Wohnung des Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße. In der Nähe lag ein Notizzettel, auf dem die Nummer des Anschlusses zusammen mit dem Wort "Aktion" geschrieben stand. Es sind Indizien wie diese, auf die sich die Anklage gegen Beate Zschäpe als Mittäterin an den zehn Morden stützt, die dem NSU zugeschrieben werden. Die Bundesanwaltschaft hat Puzzlestück um Puzzlestück zusammengetragen, sie will dem Strafsenat ein stimmiges Gesamtbild darlegen. Ein solches Bild aus etlichen Einzelteilen ist jedoch angreifbar, sobald seine Bestandteile infrage gestellt werden – das haben die Zschäpe-Verteidiger in den vergangenen Monaten immer wieder in ihren Stellungnahmen verdeutlicht. Wahrscheinlich werden sie versuchen, für den Anruf alternative Erklärungen darzulegen.

Das Gericht untersucht auch die Planung des Mordes an Boulgarides. Die Beweisaufnahme zeigt, wie akribisch sich das Trio vor all seinen Taten in die Vorbereitungen gestürzt haben muss, auch im Fall Boulgarides. Die Zwickauer Wohnung muss für Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eine regelrechte Einsatzzentrale gewesen sein: Die Ermittler fanden dort angesengte Stadtpläne, ausgedruckte Karten und eine gigantische Datenbank. Darin waren mehr als 10.000 Adressen vermerkt, vor allem von Parteien, islamischen Einrichtungen und Asylbewerberstellen. Der BKA-Kommissar Roman G. analysierte damals den Datenwust, heute sagt er als Zeuge aus. Für die Städte Dortmund, Nürnberg, München und Kassel, in denen der NSU laut Anklage zuschlug, sind insgesamt 267 Einträge angelegt.

Auch für die Umgebung der Trappentreustraße, in der Boulgarides‘ Schlüsseldienst lag, gibt es eine ausgedruckte Landkarte, ein Punkt in der Nähe des Tatorts ist mit einem Stern markiert. Ausweislich eines mitgedruckten Datums entstand das Dokument am 12. Juni 2005, also drei Tage vor dem Mord.