So einen Rummel hat es in Friedland lange nicht gegeben. Seitdem die Bundesregierung ihr Programm zur Aufnahme von 5.000 syrischen Flüchtlingen aus dem Libanon begonnen hat, berichten die Medien aus dem kleinen niedersächsischen Ort bei Göttingen. Friedland hat 1.318 Einwohner. Und ein weltbekanntes Grenzdurchgangslager, das etwa 1.000 Menschen aufnehmen kann. Jede Gruppe der 5.000 sogenannten Kontingentflüchtlinge kommt erst einmal hierher.

Den ersten Flug hat Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) am 11. September persönlich am Flughafen in Hannover empfangen, mit großem Presseaufgebot. Inzwischen ist die zweite Gruppe angekommen. Erst am Vortag sei ein Fernsehteam von Al-Dschasira im Lager gewesen, sagt der stellvertretende Lagerleiter Lorenz Große. Dann klingelt sein Telefon, es klingelt ständig. Die Papierberge auf seinem Schreibtisch wachsen. Vor lauter Presseführungen sei viel Arbeit liegen geblieben, sagt er.

Auch Thomas Heek hat zurzeit viel zu tun. Er leitet die Caritasstelle des Lagers, in der sich Flüchtlinge und Asylbewerber beraten lassen können. Die Aufnahme von 5.000 Syrern sei begrüßenswert, ein erster Schritt, sagt Heek. Sie werden schon vor ihrer Einreise als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt, bekommen eine zweijährige Aufenthaltsgenehmigung mit Integrationskursen und eine sofortige Arbeitserlaubnis (siehe Infobox).      

Doch was, fragt Heek, ist mit denen, die täglich unangemeldet ankommen? Allein im September haben 1.273 Syrer in Deutschland einen Asylantrag gestellt, dazu kommen noch mal mehr als 10.000 Menschen aus anderen Herkunftsländern. Anders als die Flüchtlinge der Sonderaktion kommen sie, teilweise auf illegalen Wegen, als Asylsuchende. 

In Haus 43 sitzen drei junge Syrer in ihrem Zimmer an einem Tisch und schauen aus dem Fenster. Die Sonne steht schon etwas tiefer, es ist ein friedlicher Herbstnachmittag. Draußen spielen Kinder, aus dem Lager-Jugendclub Kakadu ist arabische Musik zu hören. Gegenüber, in Haus Nummer 42, ist gerade eine Gruppe der Kontingentflüchtlinge von einem Kurs zurückgekommen.

Fadi, Sami und Jwan möchten die drei genannt werden. Sie haben Angst vor dem, was nach Friedland kommt. Fadi und Sami sind illegal eingereist. Sie haben je etwa 10.000 Euro bezahlt, damit Schlepper sie nach Deutschland bringen. Jwan hatte ein Visum für Frankreich und ist von dort nach Deutschland gekommen. Auf die drei hat niemand am Flughafen gewartet.

Jetzt sitzen sie in ihrem kargen Zimmer, trinken Instantkaffee und fragen sich, warum sie nicht auch einen Integrationskurs belegen dürfen. Warum sie nicht auch nach 14 Tagen eine längerfristige Unterkunft bekommen. Warum sie nicht auch arbeiten dürfen, so wie ihre Landsleute aus dem Haus gegenüber. Sie alle sind vor dem gleichen Krieg geflohen. Doch die drei Männer in Haus Nummer 43 müssen zuerst den zähen deutschen Asylprozess durchlaufen.

In Damaskus war Jwan Englischlehrer

Asylbewerber haben ein neunmonatiges Arbeitsverbot in Deutschland, oft bleibt die Erlaubnis auch danach eingeschränkt. Jwan ist 28 Jahre alt, hatte in Damaskus als Englischlehrer gearbeitet und gehofft, in Europa irgendwann zu promovieren. Er ist gepflegt, gut angezogen und zieht sein iPhone aus der Tasche, um Fotos zu zeigen.

Als die syrische Armee ihn einziehen wollte, ist er gegangen. Zuerst nach Kuweit, dann nach Frankreich. Syrisches Militär, sagt Jwan, "das bedeutet entweder du tötest oder du wirst getötet". In einem Krieg, den keiner versteht. "Wir sollen auf unsere Landsleute schießen", sagt er.    

Hinter ihnen im Bett bewegt sich ein Mann. Ein Neuankömmling, sagt Jwan, ebenfalls aus Syrien. Er sei vergangene Nacht angekommen, hatte sich stundenlang unter fahrenden LKWs versteckt, um über die Grenzen zu kommen.  

Sami, der jüngste der drei, blickt wieder nach draußen. Er mag die Herbstbäume, den Moment, wenn sich ein Blatt vom Ast löst und zu Boden fällt. Er sagt: "Ich würde das alles so gern vergessen." Auch er ist eine Strecke mit dem LKW gereist. Hinten, zwischen den Hinterrädern gebe es eine Stelle, wo man sich verstecken kann. 15 Stunden musste er sich unter dem Ladecontainer festklammern. Sein Tonfall wird aggressiv, wenn er davon erzählt. Dann, abrupt, lächelt er wieder und ist ruhiger.

Sami steht auf und holt drei ausgedruckte Fotos aus dem schmalen Holzschrank, in dem er seine Sachen verstaut. Sie zeigen ihn in Soldatenmontur. Mit schusssicherer Weste posiert er vor der Kamera, den Finger am Abzug einer geladenen Waffe. Am Tag, als das Foto aufgenommen wurde, hatte der heute 24-Jährige eine neue Uniform bekommen. Die Bilder hat Sami behalten, auch wenn er seine Erinnerungen an die Zeit beim Militär am liebsten auslöschen möchte.

2010 kam er zum Militär und wurde nach Dar’a geschickt. In die Stadt, in der im März 2011 die Aufstände begannen. Das Militär hatte seinen Pass eingezogen. Als der Krieg ausbrach, ließen sie ihn nicht mehr gehen. Sami musste Blockaden auf den Straßen errichten, auf Menschen schießen. "Aber ich habe in die Luft geschossen", sagt er. Zum Beweis, dass er Gebrauch von seiner Waffe gemacht hatte, sammelte er die Patronenhülsen vom Boden auf. Wäre er erwischt worden, hätten sie ihn getötet.