Am Ende geht alles ganz schnell. Der Gerichtsvollzieher nimmt Rainer P. die Schlüssel ab, ein Schlosser tauscht das Türschloss aus, das war’s. Innerhalb von nur drei Minuten ist der Hartz-IV-Empfänger aus Berlin-Staaken obdachlos. Über elf Jahre hatte er in seiner Wohnung gelebt. 

Unten, vor der Tür des Plattenbaus stehen 50 Demonstranten mit Transparenten, Sambatrommeln und Stoppschildern. "Schämt euch", rufen sie dem Gerichtsvollzieher entgegen, pfeiffen und buhen. Sie kommen von dem Aktionsbündnis "Zwangsräumung verhindern" und begleiten Reiner P. schon seit Wochen.     

Berlin, München, Hamburg – in den Metropolen steigen die Mieten rasant und verdrängen vor allem arme Menschen. Dagegen regt sich zunehmend Protest: In München besetzt ein Künstlerkollektiv Wohnungen, in anderen Städten stören Aktivisten Wohnungsbesichtigung und eine Website listet deutschlandweit Immobilienleerstände auf. Trotzdem wächst die Zahl der Zwangsräumungen.

22 Zwangsräumungen an jedem Werktag in Berlin

Statistisch gesehen ist Rainer P. einer von 22 Mietern, der an diesem Tag in Berlin durch einen Gerichtsvollzieher gezwungen wird, seine Wohnung zu verlassen. Das haben die Aktivisten von "Zwangsräumung verhindern" errechnet. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Der Berliner Senat zählt nur die Fälle, bei denen der zuständige Gerichtsvollzieher glaubt, dass dem Geräumten die Obdachlosigkeit droht. Immerhin waren das 5.021 Fälle im Jahr 2009, 5.603 im Jahr 2010 und 6.777 im Jahr 2011 – ein Anstieg von mehr als einem Drittel in lediglich zwei Jahren.

Deutschlandweit sind die Zahlen ähnlich alarmierend: Im vergangenen Jahr gab es etwa 65.000 neue Wohnungsverluste, schätzt Thomas Specht von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), darunter etwa 25.000 Zwangsräumungen. In 40.000 Fällen sind die Menschen schon vor oder während der Räumungsklage ausgezogen. "Diese Zahlen sind in den vergangenen drei Jahren deutlich gewachsen", sagt Specht. Im Jahr 2010, als die BAGW die Zahlen zum ersten Mal geschätzt hat, habe es noch 20.000 Zwangsräumungen in Deutschland gegeben. 

Die meisten Räumungsklagen gehen auf Zahlungsrückstände bei Miet- oder Betriebskosten zurück. Nicht immer ist es dabei der Mieter selbst, der nicht zahlt. In Berlin starb im April eine Rentnerin, die ihre Wohnung verlassen musste, weil das Jobcenter die Miete nicht zahlte.

Besonders Rentner und Hartz-IV-Empfänger werden vertrieben

Deutschland hat europaweit, nach der Schweiz, den zweithöchsten Mieteranteil. Luxussanierungen und die Aufwertung von Wohnvierteln treiben die Mieten in die Höhe. Gleichzeitig verkaufen die Kommunen immer mehr städtische Wohnungen. Die Zahl von Sozialwohnungen ist in Deutschland zwischen 2002 und 2010 von 2,47 Millionen auf 1,66 Millionen gesunken. Besonders für Rentner und Hartz-IV-Empfänger wird das zu einem Problem.    

Mit den Zwangsräumungen steigt auch die Zahl der Wohnungslosen. 2012 hatten laut BAGW 254.000 Menschen kein eigenes Heim, 24.000 lebten komplett auf der Straße. Das sind zehn Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Thomas Specht schätzt, dass diese Zahl in den kommenden Jahren weiter steigen wird.  

Längst werden die einkommensschwachen Gruppen nicht mehr nur noch aus den Trendvierteln der Großstädte verdrängt. Vor Reiner P. wurden auch schon andere Mieter aus dem Plattenbauviertel in Staaken, am Stadtrand von Berlin, heraus geklagt und die Wohnungen anschließend teurer weitervermietet. P. vermutet, dass sein Vermieter, die Ypsilon-Liegenschafts-Verwaltungs GmbH, das auch mit seiner Wohnung vorhat – Mieterhöhungen sind bei Neuvermietungen leichter durchzusetzen als bei Bestandsmieten.

Die offizielle Begründung der Liegenschaftsverwaltung war aber eine andere: Weil sein volljähriger Sohn, der zwar nicht bei P. wohnt, aber noch gemeldet ist, andere Anwohner angegriffen hat und mehrfach vorbestraft ist, kündigte die Liegenschaftsverwaltung Rainer P. Das Landgericht bestätigte die Kündigung in zweiter Instanz, weil es den Nachbarn nicht zuzumuten sei, wenn der Sohn zu Besuch käme, argumentierte die zuständige Richterin. "Sippenhaft", nennt das Reiner P., nachdem er seine Wohnung verlassen hat.