Eine Aktivistin gegen Genitalverstümmelung berät Frauen in Minia © Tara Todras-Whitehill/Reuters

Der Nil, hatten ihr die Eltern gesagt, werde ihre Wunden heilen. Doch Hebas Unterleib hörte auch nicht auf zu bluten, als sie in den Fluss tappte. Nur wenige Stunden zuvor hatten sie der Vierjährigen mit einer Rasierklinge die Klitoris und die inneren Schamlippen entfernt. Heba Mourin sagt, bis heute habe sie diese Nacht nicht vergessen.

Jetzt sitzt Mourin, Anfang Vierzig, pinke Bluse, goldfarbene Ohrringe, im Gemeinschaftszentrum der bischöflichen Gemeinde in Ain Shams, einem der ältesten Viertel Kairos. Draußen ist die Armut unübersehbar: Plastiktüten säumen die Straßen, Esel wühlen im Abfall, es riecht nach Urin. Drinnen verteilen die Mitarbeiterinnen Broschüren und Stundenpläne, rufen die Wartenden zum Unterricht. Die Organisation bietet nicht nur Seminare zu Themen wie Hygiene und Konfliktlösung. Sie will in ihren Workshops auf die schweren Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung aufmerksam machen. Frauen wie Heba Mourin verstehen oft erst hier: Beschneidung ist eine Menschenrechtsverletzung. "Durch die Gespräche setzt langsam ein Umdenken ein", sagt der leitende Bischof Mouneer Anis. "Aber es ist noch ein langer Weg."

Eine aktuelle Umfrage der Thomson Reuters Foundation unter 336 Experten in 22 Staaten zeigt: In keinem anderen arabischen Land ist die Lage für Frauen so schlimm wie in Ägypten. Demnach sind hier sexuelle Gewalt, Frauenhandel, Belästigungen und gesellschaftliche Ausgrenzung leidiger Alltag. Libyen und Tunesien liegen auf den besseren Plätzen, selbst im Bürgerkriegsland Syrien, wo es sehr viele Vergewaltigungen gibt, leben die Frauen der Studie zufolge besser als in Ägypten.

Einer der Gründe für das Leid der Frauen ist, dass in keinem anderen Land die weibliche Genitalverstümmelung so weit verbreitet ist wie in Ägypten. Nach Unicef-Angaben sind 91 Prozent der Ägypterinnen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, Musliminnen wie Christinnen – das ist eine der höchsten Beschneidungsraten weltweit. "In Ägypten hält sich die Tradition besonders beharrlich. Wir kämpfen hier gegen tief verwurzelte soziale Normen", sagt Nihad Gohar von der Frauenrechtsorganisation UN Women in Kairo.

Klitoris und Schamlippen gelten als schmutzig

Weibliche Genitalverstümmelung wird in allen gesellschaftlichen Schichten praktiziert, auch wenn sie in ärmeren Haushalten häufiger vorkommt. Die Gründe für diesen traumatisierenden Eingriff, den es seit pharaonischer Zeit gibt, sind vielfältig. Hartnäckig hält sich etwa der Glaube, dass die Klitoris so lang werde wie ein Penis – und die Frau unbeschnitten zum "Zwitterwesen" werde und keinen Mann finden könnte. Auch werden Klitoris und Schamlippen häufig als schmutzig angesehen. Die Beschneidung dient dann der "Reinigung". Als gängigste Rechtfertigung wird indes die "enthemmte" weibliche Sexualität angeführt. Vor allem die Großmütter beteuern, unbeschnittene Mädchen folgten unaufhörlich ihren Trieben. Da die Männer nach einer sittsamen Frau suchen, gilt die Beschneidung als Bedingung für eine Heirat – die wiederum für die Familien soziale und finanzielle Absicherung bedeutet.

"Freue dich", hat sie zu ihr gesagt. Mona Mohamed, eine Frau mit leiser Stimme und festem Blick, sitzt auf einem rot gepolsterten Sitz im Flur des Gemeindezentrums und holt Luft. "Meine Mutter sagte: Heute wirst du zur Frau." Die Nachbarn gratulierten, es gab Süßigkeiten, die Kinder spielten Verstecken. Bis sie sie holten. Sie zappelte und schrie, bis ihre Schwester ihre Arme auf die Liege presste und ihr den Mund zuhielt. "Ich hatte Todesangst", sagt Mona Mohamed.

In Ägypten werden Mädchen in der Regel zwischen sieben und zwölf Jahren beschnitten. Meistens wird die Klitoris-Vorhaut oder die ganze Klitoris herausgeschnitten, manchmal außerdem die kleinen Schamlippen. Im Süden des Landes werden viele Mädchen sogar infibuliert. Dabei wird die Vagina zusätzlich bis auf eine kleine Öffnung zugenäht – die der Mann vor dem sexuellen Verkehr aufschneidet. Die Folgen dieses schweren Eingriffs sind bis heute ein Tabuthema. Kaum jemand spricht über die Schmerzen beim Sex, die Zysten, die sich bilden, die Probleme bei der Geburt, die sogar zum Tod des Babys führen können.

Mona Mohamed erzählt, die Wunden einer Freundin seien nie behandelt worden. Sie sei immer dünner und blasser geworden, doch niemand habe das Mädchen zum Arzt geschickt. Eines Morgens habe sie tot im Bett gelegen. "Sie hatte eine Blutvergiftung. Mit neun Jahren."