Es ist der frühe Abend des 28. Juni dieses Jahres. Jonas F., der eigentlich anders heißt, steht gerade im Supermarkt in Berlin-Friedrichshain, als ihn sein Vater auf dem Handy anruft. "Es ist irgendwas mit deinem Bruder", sagt sein Vater gehetzt. "Die Polizei hat mich angerufen. Ich melde mich, wenn ich mehr weiß." Und dann: "Ich weiß nicht, ob er noch lebt." Als Jonas F. auflegt, fällt ihm die Schlagzeile wieder ein, die er am Nachmittag in der S-Bahn gelesen hatte: "Nackter Mann im Neptunbrunnen erschossen", stand auf den Monitoren. "Kann es sein", fragt er sich, "dass dieser Mann mein Bruder ist?"

Jonas F. weiß, dass sein 31-jähriger Bruder Manuel F. schizophren ist. Dass er nicht mehr zur Therapie geht und auch, dass er die Tabletten, die er so dringend bräuchte, nicht mehr nimmt. Er eilt nach Hause, schaltet seinen Computer an, zwei Klicks im Internet, dann sieht er das Video. Ein Passant hat den Polizeieinsatz vom Neptunbrunnen gefilmt und online gestellt. Auf wackligen Bildern erkennt Jonas F. seinen Bruder. Sieht, wie dieser nackt, mit einem Messer in der Hand, in dem Brunnen am Alexanderplatz steht. Wie er mit dem Messer in der Hand auf einen Polizeibeamten zugeht. Auch der Polizist steht im Brunnen, die Dienstwaffe auf seinen Bruder gerichtet. Er hört die Rufe: "Messer weg, Messer weg." Dann einen Knall. Jonas F. sieht, wie sein Bruder schwankt. Zusammenbricht. Später wird er erfahren, dass der Beamte seinen Bruder in die Brust geschossen hat. Manuel F. stirbt noch am Tatort.

Es sind Wochen vergangen, seit der 33-Jährige am Bildschirm sah, wie sein Bruder Manuel F. erschossen wurde. Jonas F. hat seinen Bruder begraben. Er hat seine Wohnung aufgelöst. Seine Klamotten in die Altkleidersammlung gebracht, seine Betriebswirtschaftsbücher aussortiert. Vergangenes Jahr hatte Manuel F. sein BWL-Studium abgeschlossen. Er hat mit der Polizei gesprochen, hat erfahren, dass Manuel unter Drogen stand. Amphetamine, Haschisch. Er hat gegrübelt, hat sich gefragt, ob der tödliche Schuss des Beamten nicht hätte verhindert werden können. Ob der Polizist im Recht war.

Ermittlungen gegen den Polizeibeamten eingestellt

Am 23. August 2013, 56 Tage nachdem Manuel F. durch den Schuss aus der Waffe eines Polizisten starb, stellt die Staatsanwaltschaft Berlin die Ermittlungen gegen den Polizeibeamten F. ein. Der Beamte habe in Notwehr gehandelt.

An einem Tag im Oktober sitzt Jonas F. in einer Rechtsanwaltskanzlei im Berliner Westen. Gemeinsam mit dem Anwalt beugt er sich über die Akte des Falles Manuel F., ein Leitz-Ordner dick. Jonas F. zweifelt das Urteil der Staatsanwaltschaft an, deshalb ist er in der Kanzlei von Hubert Dreyling. Für den Berliner Rechtsanwalt ist Manuel F. nicht der erste Fall, in dem er sich mit dem Tod eines Menschen nach einem Polizeieinsatz beschäftigt.

So vertritt er auch die Mutter von André Conrad, der im Herbst 2012 stark alkoholisiert und verwirrt mit einem Küchenmesser in der Hand durch den Berliner Wedding irrte, bis er von sechs Polizeikugeln getroffen wurde. Conrad starb an den Folgen seiner Verletzungen. Bis heute ist nicht klar, ob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Schützen erheben wird.

In beiden Fällen, davon ist Dreyling überzeugt, haben sich die Polizeibeamten falsch verhalten. "Beide Männer waren verwirrt, aber sie haben niemanden bedroht", sagt Dreyling. Und für den Fall Manuel F. fügt er hinzu: "Das Handeln des Polizisten ist völlig unverhältnismäßig gewesen. Von Notwehr kann überhaupt keine Rede sein. Das sagen die Akten."