Das Ambiente könnte nicht besser sein, die Bedingungen sind ideal: Hunderte Burschenschafter sammeln sich, mit Farbenbändern an der uniformierten Brust, vor der Messe in Innsbruck – im Hintergrund schneebedeckte Alpengipfel in goldener Abendsonne. Polizisten halten die linken Gegendemonstranten auf Distanz. Die moderne Ausstellungshalle im Norden der Stadt bietet bis zu 1.500 Menschen Platz – ein komfortabler Ort für das Verbandstreffen der Deutschen Burschenschaft Ende kommender Woche. Bisher rundete stets ein Fackelzug die Zusammenkünfte des ultrakonservativen Dachverbandes ab. Meist erklingt das Deutschlandlied.

Wo sich die Burschen ankündigen, suchen die Rathäuser nach Gründen, sie auf Distanz zu halten. Im thüringischen Eisenach kündigte Bürgermeisterin Katja Wolf vor einem Jahr an, dem Verband die städtische Aßmann-Halle künftig zu verweigern. Wenig später stellte sich heraus: Der Mietvertrag gilt bis 2018, ein Rauswurf vor Fristablauf: unmöglich. Auch die Stadtregierung Innsbruck wollte das Treffen verhindern – alarmiert durch extremistische Umtriebe unter den Farbenträgern. Doch vergebens versuchten die Mitarbeiter der konservativen Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer, die Veranstaltung zu untersagen. Es sei ein privates Treffen, heißt es aus dem Rathaus, das sich nicht gesetzlich verbieten lasse – nicht mal wegen möglicher Gefahren für die öffentliche Sicherheit.

Zwei Fälle – eine Bruchlandung der Politik, die versprochen hatte, Rechtsextremisten keinen Raum zu lassen. Ein Erfolg aber für die Burschenschafter, den sie nun auskosten: "Die Anarchos konnten uns nicht verhindern", heißt es aus dem Dachverband. Die Wiener Teutonia frohlockte: "Wir lassen uns das Recht auf Versammlungsfreiheit nicht von Metternichs Erben streitig machen!" 

Nach Auskunft ihres Sprechers Walter Tributsch werden sich die Burschenschafter in einem Symposium mit der Jugendarbeitslosigkeit beschäftigen. Als Redner ist unter anderem Reinhard Bösch angekündigt – Mitglied der Wiener Teutonia und Nationalratsabgeordneter der rechtskonservativen FPÖ. Auch ein Vertreter der EU-Kommission soll sprechen. In die Messehalle darf nur, wer auf einer Namensliste steht. Eine Ausnahme wäre für die Bürgermeisterin möglich, höhnt Tributsch. "Sie ist herzlich willkommen, um Nachhilfe in Demokratie und Grundrechten zu bekommen."

In Österreich sind ewiggestrige Gesinnungen noch salonfähig, hier kann der Zusammenschluss der Ultrakonservativen noch auf eine ansehnliche Machtbasis zurückgreifen. In ihrem Kernland bestimmen Burschen seit Jahren die Politik mit. Im Gegensatz zu Deutschland sind sie nicht mehr in Verfassungsschutzberichten erwähnt.

Nach Innsbruck eingeladen hat die örtliche Burschenschaft Brixia, eine ultrakonservative Verbindung, seit mehr als hundert Jahren in der Kritik: 1897 sprach sie Juden die Satisfaktionsfähigkeit ab und wurde deshalb behördlich aufgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sie sich als "Lebensbund deutschstämmiger Akademiker" neu. Neben der Wiener Burschenschaft Olympia kamen viele Täter der zweiten Terrorwelle in Südtirol aus ihren Reihen. 1989 war ein Vortrag von David Irving in ihrem Verbindungshaus geplant – ein Einreiseverbot für den neonazistischen britischen Revisionisten nach Österreich verhinderte die Veranstaltung jedoch.

Die österreichischen Korporationen bildeten in der Deutschen Burschenschaft stets die strammste Fraktion: ideologisch fest am rechten Rand verankert, kompromisslos in ihrem Bekenntnis zum Deutschnationalismus. Und mit besten Verbindungen zur drittgrößten Parlamentspartei FPÖ. Deren einstiger Chef Jörg Haider entmachtete die Korporierten, doch seit Heinz Christian Strache die Partei führt, sitzen sie wieder fest im Sattel. "Den Fehler von damals machen sie nicht noch einmal", sagt Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. "Die geben die Partei nicht mehr so leichtfertig her." Heute ist jeder dritte männliche Nationalratsabgeordnete der FPÖ Burschenschafter und jeder Fünfte Mitglied der Deutschen Burschenschaft, rechnet die Initiative Burschenschafter gegen Neonazis vor.

Gezielt besetzen die konservativen Farbenträger Schlüsselstellen der FPÖ. Wer in der Partei längerfristig etwas werden wolle, der müsse korporiert sein, sagt Peham. Einen Gegenblock gebe es nicht.   

Mit ihrem Jahrestreffen weicht die Deutsche Burschenschaft nach Österreich aus, weil sie in Deutschland unter scharfer Beobachtung steht, durch den Verfassungsschutz, durch linke Politiker und liberale Kritiker. Im öffentlich ausgetragenen Streit um rechtsextremistischen Einfluss schrumpfte der Verband in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 40 Mitgliedsbünde auf etwa 70. Anlass des Machtkampfes war 2011 der Antrag eines Bonner Bundes, die Mitgliedschaft von der deutschen Abstammung abhängig zu machen.

Hinzu kamen Äußerungen eines früheren Funktionärs, der den Theologen und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter bezeichnet hatte und seine Verurteilung zum Tode als "rein juristisch gerechtfertigt". Liberale Burschenschaften erreichten nach langem Kampf 2012 zwar seine Abwahl, konnten den Rechtsruck aber nicht aufhalten.