AntisemitismusJuden fühlen sich in Europa zunehmend bedroht

Erstmals hat die EU Juden nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt. Danach hat dieser in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen, auch in Deutschland. von 

Schmierereien an einem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Kröpelin (Landkreis Rostock).

Schmierereien an einem Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Kröpelin (Landkreis Rostock).   |  © Bernd Wüstneck/dpa/lmv

Eine deutliche Mehrheit der in der EU lebenden Juden ist mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert. In einer nicht repräsentativen Onlineumfrage der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) gaben 76 Prozent der Befragten an, dass Antisemitismus innerhalb der vergangenen fünf Jahre in ihrem Land zugenommen habe. Zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) sehen Antisemitismus als ein Problem innerhalb der acht untersuchten Mitgliedstaaten. Neben Deutschland sind dies Belgien, Frankreich, Italien, Lettland, Schweden, Ungarn und Großbritannien. 

In Deutschland sehen 61 Prozent der Befragten Antisemitismus als sehr großes (17 Prozent) oder als ziemlich großes (44 Prozent) Problem an. Schlechter wird die Situation in Ungarn (90 Prozent), Frankreich (85 Prozent) und Belgien (77 Prozent) eingeschätzt. Eine sehr starke Zunahme von Antisemitismus beobachteten 34 Prozent der jüdischen Deutschen, die an der Erhebung teilnahmen. In Frankreich (74 Prozent), Ungarn (70 Prozent), Belgien (58 Prozent) und Schweden (37 Prozent) waren dies jeweils mehr Befragte.

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Die Onlinebefragung fand laut FRA im September und Oktober 2012 in acht EU-Staaten statt, in denen nach Angaben der FRA etwa 90 Prozent der jüdischen EU-Bevölkerung leben. An der Befragung nahmen rund 5.900 Personen teil, die sich selbst als Juden identifizieren. Im Zuge der Erhebung seien erstmals in einer Reihe von EU-Mitgliedstaaten vergleichbare Daten zu Erfahrungen und Wahrnehmung der jüdischen Bevölkerung bezüglich Antisemitismus, hassmotivierter Kriminalität und Diskriminierung gesammelt worden, teilte die FRA mit. Statistisch nicht repräsentativ ist die Studie, da sie nicht auf einer Zufallsauswahl der Befragten beruht.

In Deutschland gaben 36 Prozent der Befragten an, in den fünf Jahren vor der Erhebung Opfer antisemitisch motivierter Belästigung geworden zu sein, 29 Prozent allein in den zwölf Monaten vor der Befragung. Deutschland liegt damit auf Platz drei. Mehr Belästigungen gab es nur in Ungarn und Belgien. Beleidigende persönliche Bemerkungen waren die am häufigsten genannte Belästigungsform.

Hasskriminalität im Internet

Drei von vier der Befragten nannten das Internet und soziale Foren als häufigste Plattform für antisemitische Kommentare. Deutlich dahinter rangieren Demonstrationen (42 Prozent) und Sportereignisse (14 Prozent). Die FRA fordert die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, die rechtlichen Grundlagen fürErmitlungen und strafrechtliche Verfolgung von Hasskriminalität und antisemitsch motivierten Straftaten im Internet zu verbessern. Dazu zählt die Agentur unter anderem die Einrichtung von Polizei-Fachdienststellen.

Viele Juden in der EU denken der Umfrage zufolge darüber nach auszuwandern, weil sie sich in ihrem Land nicht sicher fühlen. In Ungarn sind dies 48 Prozent der Befragten, gefolgt von Frankreich (46 Prozent), Belgien (40 Prozent) und Deutschland (25 Prozent). 

Angst vor Beleidigungen und körperlicher Gewalt

Angst, innerhalb der kommenden zwölf Monate aufgrund der Zugehörigkeit zum Judentum Opfer von Beleidigungen oder Belästigungen zu werden, haben 46 Prozent der Befragten im Durchschnitt der acht Staaten. Deutschland liegt mit 47 Prozent knapp darüber. Einen körperlichen Angriff befürchten durchschnittlich 33 Prozent der befragten Juden, in Deutschland sind es 34 Prozent.

In der FRA-Studie werden einzelne Äußerungen von Befragten dokumentiert. Ein älterer Mann äußert zur Situation in Deutschland: "Solange man die Kippa nicht öffentlich trägt und Feste uw. privat feiert, scheint es keine Probleme zu geben. Sobald wir aber wie Christen oder Muslime unserer Religion Wichtigkeit bemessen und unseren Glauben offen ausleben möchten, ändert sich die Situation dramatisch."

Frankreich schneidet schlecht ab

Wie bei vielen anderen Fragen in der Studie schneidet Frankreich auch hier am schlechtesten ab: 70 Prozent der Befragten gab an, Angst vor Verbalattacken zu haben, 60 Prozent befürchteten einen körperlichen Angriff. Dazu sagte der Direktor der EU-Agentur für Grundrechte, Morten Kjaerum, in der Jüdischen Allgemeinen, es sei deutlich, dass viele Juden in Ländern mit einer großen muslimischen Minderheit mehr Angst um ihre Sicherheit hätten, sobald sich der Nahostkonflikt verschärft.

Der Umfrage zufolge sagen 73 Prozent der französichen Juden, der Nahost-Konflikt habe große Auswirkungen auf ihr Sicherheitsgefühl. In Belgien sind dies 69 Prozent, in Deutschland 28 Prozent.



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Leserkommentare
  1. Einen solchen Müll sollte eigentlich niemand mehr ernst nehmen.

    Anmerkung. Bitte äußern Sie sich respektvoll, sachlich und differenziert. Weitere Beiträge dieser Art werden entfernt. Die Redaktion/ca

    20 Leserempfehlungen
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    • LP
    • 08. November 2013 16:40 Uhr

    Was ist den nun "dümmliche Propaganda" ?! Die Veröffentlichung der Umfageergebnisse oder das, was atisemitische Gruppen von sich geben?

    Die Frage ist so sensibel, dass Sie hier deutlich klarstellen sollten, wie Sie es meinen.

    Sofern Sie die Veröffentlichung der Umfageergebnisse als dümmlich empfinden wird für mich eins sehr deutlich: In der Öffentlichkeit muss viel häufiger und offener darüber gesprochen werden, wo die Probleme liegen. Denn selbst wenn wir mal unterstellen, dass die Befragten eine subjektiv empfundene Angst plagt, so ist es doch eine real vorhandene Angst. Und diese wird durch Worte wie "dümmliche Propaganda" nicht entschärft, sondern eher verstärkt.

    Daher noch mal: Achten Sie auf Ihre Worte.

    • nero12
    • 08. November 2013 19:53 Uhr

    damit der Mensch endlich lernt, andere Menschen als Menschen zu sehen und sie nicht nur auf ihre Religion, ihre Kultur oder ihr Land etc. zu reduzieren? Was noch?

    ... haben Sie ja selbst bereits gesagt. Traurig, dass nach aktuellem Stand 14 Zeit-online-Leser der gleichen "Meinung" sind wie Sie.

  2. "Drei von vier der Befragten nannten das Internet und soziale Foren als häufigste Plattform für antisemitische Kommentare. "

    und

    Juden fühlen sich in Europa zunehmend bedroht

    Nun versuche man einmal diese beiden Sätze halbwegs, ohne zu verzweifeln, in einen verwertbaren Zusammenhang zu bringen. Vor allem wenn man dies noch auf Länder runterbricht.

    28 Leserempfehlungen
  3. http://www.youtube.com/wa...

    Wer die üblichen Neonazis überspringen will schaue ab 13:05

    und ja, es gibt einen verbreiteten linken antisemitismus, auch in der deutschen mainstream-medienlandschaft.

    31 Leserempfehlungen
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    präambel: bitte immer auf das erste posting (#3) antworten - so bekommt man einen übersichtlichen thread zusammen.

    1) das problem ist nicht kritik(!) an israel. israel ist ein staat, und staaten müssen kritisiert werden.

    kritisiert werden kann ein staat jedoch NUR für sachverhalte, die dieser tatsächlich verschuldet hat.
    wird er für erfundene sachverhalte kritisiert, ist das keine "kritik" sondern schlicht verleumdung.

    und wenn jetzt leute den jüdischen staat verleumden und lügen zu seinen ungunsten erzählen, fehlt mir jetzt die fantasie, um da etwas anderes als antisemitismus als ursache zu vermuten.
    das gleiche gilt auf für tendenziöse berichterstattung und ähnliches (siehe zb süddeutsche - beispiele gerne auf anfrage.)

    diese antisemitismusdefinition habe ich mir übrigens nicht ausgedacht - das ist teil der arbeitsgrundlage der eu.

    2) "da ist man schon Antisemit, wenn man militanten Siedlungsbau und Präventivhaft kritisiert."
    "militanter siedlungsbau" ist eine erfindung. es gibt siedlungsbau - aber siedlungen werden mit baumaschinen gebaut, nicht mit kalashnikovs oder sprengstoffgürteln.
    und der siedlungsbau als solcher ist legal. siehe genfer konventionen IV abs 2 & 49 anschauen.

    3) stimmt. die rechtsparteien sind oft antisemitisch.
    aber stellen sie sich mal vor, jemand würde schreiben, dass strenggläubige muslime aus dem gleichen holz geschnitzt seien wie hamas & hisbollah. würden sie das als islamophob betrachten?

    • shtok3
    • 08. November 2013 21:01 Uhr

    nicht auf youtube gehen, die Kommentare zu diesem Artikel reichen dafür vollkommen aus oder jeder andere Artikel in diesem Online Medium, dass sich auch nur im Entferntesten mit dem Nahen Osten beschäftigt. Selbst der Konflikt China Japan wird dazu verwandt, http://www.zeit.de/politi....

  4. Zitat:
    Drei von vier der Befragten nannten das Internet und soziale Foren als häufigste Plattform für antisemitische Kommentare. Deutlich dahinter rangieren Demonstrationen (42 Prozent) und Sportereignisse (14 Prozent).

    Dann sollten diese Leute doch auch clever genug sein um zu erkennen das dies immer wieder die gleichen Personen sind.

    Und was den Rest angeht möchte ich doch gerne festhalten, das konstrruktive Kritik an Israel auch erlaubt sein muss ohne das man gleich als Antisemit verschriehen wird.

    16 Leserempfehlungen
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    warum es immer Israel ist, daß "konstruktiv" kritisiert werden muß. Von konstruktiver Palästinenserkritik höre ich selten, vor allem NIE von Linken. Abgesehen davon gibt es (leider) so viele Konfliktparteien auf dieser Welt, die man voll konstruktiv kritisieren könnte.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Warum zieht nun allein Israel so viel konstruktive Kritik auf sich? Wegen der Juden, oder weswegen sonst?

  5. Sollen wir jetzt die Zahlen kommentieren?

    Sehr schlechte Meinungsmache! Sehr schade!

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    Warum versuchen die ersten Kommentatoren hier fast durchweg, das Problem zu bagatellisiern und klein zu reden? Hätten sich die selben Personen zu einem analogen Bericht zum Thema Ausländerfeindlichkeit, Islamophobie oder Benachteiligung bildungsferner Schichten genauso echauffiert? Hätte man dann auch von "Meinungsmache" gesprochen? - Hätte man nicht?
    Hätte man sich nicht ganz im Gegenteil über jene empört, die versuchen alles runterzuspielen und zu verharmlosen und hätte man in ihnen nicht die wahren Unterstützer der Diskriminierung gesehen? Hätte man es nicht zu Recht?
    Man hätte!

    • Aradir
    • 08. November 2013 16:23 Uhr

    5900 Personen, "die sich selbst als Juden identifizieren" haben an einer Onlineumfrage teilgenommen. Höchstwahrscheinlich unregelmäßig verteilt auf mindestens acht Länder. Allein zwischen 1990 und 2004 wanderten laut Wikipedia ca. 190.000 (!) Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland ein.
    Das heißt das 5900 Juden nur ein Bruchteil aller Juden sind. Wenn man dann noch beachtet, dass wahrscheinlich eher Juden, die sich verfolgt fühlen an so einer Umfrage teilnehmen, den Rest interessiert es einfach nicht, kann man sich das seine dazu denken.

  6. Vielleicht verwechseln die Befragten die Kritik an der Regierung in Israel mit persönlichem?
    "Beleidigende persönliche Bemerkungen waren die am häufigsten genannte Belästigungsform."
    Mich würde mal der Wortlaut der Beleidigungen interessieren. Gibt es davon auch eine Art Auflistung?
    Es sollte natürlich niemand beleidigt werden! Aber für mich spielt es da keine Rolle woher jemand kommt oder welche Religion derjenige praktiziert.
    Warum muss man immer diese Gruppen bilden? Frauen-Beleidigung, Migranten-Beleidigung, Schwulen-Beleidigung, Juden-Beleidigung.

    Kann man sich nicht endlich einmal darauf einigen von Menschen statt von "Gruppen" zu reden?

    18 Leserempfehlungen
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    Sie sehen ein klassisches Beispiel für einen relativierenden Kommentar in dem die Betroffenen nicht ernst genommen werden:

    1. Den Betroffenen die Fähigkeit zur Beurteilung absprechen:

    "Vielleicht verwechseln die Befragten die Kritik an der Regierung in Israel mit persönlichem?"

    2. Angedeutete Leugnung der Existenz antisemitschen Verhaltens:

    "Mich würde mal der Wortlaut der Beleidigungen interessieren. Gibt es davon auch eine Art Auflistung?"

    3. Postulat, dass Antisemitismus keine gesondert zu betrachtendes Phänomen ist

    "Warum muss man immer diese Gruppen bilden? Frauen-Beleidigung, Migranten-Beleidigung, Schwulen-Beleidigung, Juden-Beleidigung."

    Und speziell zu Drittens:

    Frauen müssen sich Sachen anhören, die sich Schwule meistens nicht anhören müssen. Schwule müssen sich Sachen bieten lassen, die Juden erspart bleiben. Leute, die Juden hassen habe dafür meist auch andere Gründe als Leute, die Schwule hassen. Etc. pp.

    Jedes Phänomen bedarf auch einer anderen Herangehensweise zu seiner Lösung. Ihr Wunsch, alle Beleidigungen zusammenzufassen, um dann zu behaupten, es gäbe nur Beleidigungen und keinen Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie ist ein klassischer Versuch, Probleme zu verstecken, sie in einer grauen Suppe verschwinden zu lassen.

    Und ganz explizit: Nein, ich unterstelle Ihnen weder Antisemitismus noch Rassismus oder sonstwas. Ich unterstelle Ihnen nur ein mangelndes Problembewusstsein.

    Probleme verschwinden nicht, nur weil man sie nicht mehr benennt.

    • Lotte2
    • 08. November 2013 13:51 Uhr

    Kann hier vielleicht ein Zusammenhang bestehen? Möchte ich wenigstens einmal zur Sprache gebracht haben.

    35 Leserempfehlungen
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    • virt77
    • 08. November 2013 13:56 Uhr

    Bei den letzten Vorfällen, die ich in der Presse zur Kenntnis nahm, war es genau diese Tätergruppe.

    http://www.juedische-allg...

    http://www.op-online.de/l...

    • Abwaka
    • 08. November 2013 20:35 Uhr

    Mittlerweile wird ja wohl alles auf die zurückgeführt.
    Es ist ja nicht so, dass es Europa- und Deutschlandweit mehr Rechtsradikale gibt als radikale Muslime...

  7. Ich finde diese Befragung unglaubwürdig:

    "Die Onlinebefragung fand ... in acht EU-Staaten statt.... An der Befragung nahmen rund 5.900 Personen teil, die sich selbst als Juden identifizieren."

    Zu wenige Teilnehmer, und niemand weiß ob die tatsächlich Juden sind ...
    Wie kann Die Zeit das veröffentlichen?

    9 Leserempfehlungen
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    Die Zeit veröffentlicht das, weils auch inner Washington Post steht. Spiegel und Zeit haben immer schon von den Amerikanischen Kollegen abgeschrieben. Sie sind geradezu NY Times und WaPo hörig.

    ...um zu beweisen, dass sie Juden sind.
    Eine Kopie von ihrem gelben Stern einschicken?

    Unfassbar...

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