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ZEIT ONLINE: Herr Heinig, Staat und Kirchen verbindet ein komplexes Geflecht an Verträgen. Was hat es damit auf sich?

Hans Michael Heinig: In der Evangelischen Kirche spricht man von Staatskirchenverträgen. Bei der Katholischen Kirche gibt es neben Staatskirchenverträgen mit den Diözesen auch sogenannte Konkordate. Das sind Verträge, die zwischen dem Heiligen Stuhl, dem Papst als völkerrechtliches Subjekt und dem Staat geschlossen werden.

ZEIT ONLINE: Was regeln diese Verträge?

Heinig: Die Finanzierung der Kirchen – also jenes Thema, das die Medien am meisten beschäftigt – ist darin in Wirklichkeit nur eine kleines Thema. Es geht vor allem um einen effektiven Kirchensteuereinzug, denn die Kirchensteuer macht den größten Teil der kirchlichen Einnahmen aus. Die meisten Fragen in den Staatskirchenverträgen betreffen jedoch andere Dinge: die Militärseelsorge, wann und wie Geistliche in Gefängnisse kommen können, wie Religionsunterricht angeboten wird oder wie kirchliche Feiertage geschützt werden.

ZEIT ONLINE: Wann wurden diese Verträge geschlossen?

Heinig: Staatskirchenverträge sind die Folge der Trennung von Staat und Kirche von 1919. In der Weimarer Zeit gab es einen starken Regelungsbedarf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ebenfalls viele Verträge geschlossen, ebenso nach der Wiedervereinigung. Einige Bundesländer ohne Staatskirchenverträge erkannten wiederum erst in den vergangenen 15 Jahren, dass solche Verträge wirksame Instrumentarien sind, um religionspolitische Ziele zu verwirklichen. Die jüngsten Verträge wurden in Hamburg oder in Baden-Württemberg geschlossen, allerdings nicht nur zwischen Staat und Katholischer oder Evangelischer Kirche, sondern auch mit anderen Religionsgemeinschaften wie den jüdischen und muslimischen Gemeinden.

ZEIT ONLINE: Unterscheiden sich ältere Staatskirchenverträge von jüngeren?

Heinig: Im Wesentlichen sind es immer die gleichen Inhalte, die paktiert werden. Früher regelte man allerdings meist nur einige Grundzüge. Heute sind die Verträge komplexer. Auch weil es heute viele Fragen gibt, die man sich vor 50 oder 60 Jahren nicht stellte. Welche Rolle spielt die Kirche noch in unserer Gesellschaft? Wie ist das mit muslimischen Verbänden und anderen Religionsgemeinschaften? Muss man sie gleich behandeln?

ZEIT ONLINE: Warum werden Kirchenverträge geschlossen?

Heinig: Der Staat kann seine Interessen häufig besser verfolgen, wenn er als Bündnispartner mit Religionsgemeinschaften auftritt, statt Dinge zu befehlen. Außerdem gibt es Themen, bei denen der Staat verfassungsrechtlich neutral bleiben muss und deshalb die Religionsgemeinschaften als Kooperationspartner braucht.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Heinig: Im Kirchenrecht spricht man von Res Mixtae, also gemeinsamen Aufgaben, wobei der Begriff unglücklich gewählt ist. Denn hier arbeiten Staat und Kirche zwar zusammen, erfüllen jedoch getrennt bestimmte Aufgaben. Zum Beispiel bei den theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten. Weil es in Deutschland keine Staatstheologie gibt, kann der Staat hier nicht vorschreiben, was katholische oder evangelische Theologie sein soll. Deshalb bedient er sich der betroffenen Religionsgemeinschaften und überträgt ihnen die Verantwortung für die Authentizität der Inhalte. Dafür garantiert der Staat, dass die Freiheit der Wissenschaft auch in diesen Fächern gewahrt bleibt.

ZEIT ONLINE: Kommt es dadurch nicht zu Überschneidungen zwischen Kirche und Staat?

Heinig: Nur sehr begrenzt. Die Kirchen dürfen zwar mitbestimmen, welche Person katholische oder evangelische Theologie unterrichten darf und welche Themengebiete geprüft werden sollen. Aber sie dürfen nicht mitreden, wenn es um die wissenschaftliche Qualität dieser Leute geht. Welcher von zwei evangelischen Theologen der bessere Wissenschaftler ist und eine Professur bekommen soll, entscheidet also nicht das Landeskirchenamt, sondern die Fakultät. Ähnlich ist es im Prüfungswesen: Zu den Prüfungsordnungen müssen die Kirchen ihre Zustimmung erteilen. Aber sie bestimmen nicht selbst den genauen Inhalt der Ordnungen. Dienstherr der Professoren bleibt die Universität, deshalb zahlt auch das Bundesland den Professor. Schließlich ist es kein kirchliches Amt, an einer staatlichen Uni zu unterrichten.