Als Gamze Kubasik zu schluchzen beginnt, starrt Beate Zschäpe auf die Tastatur ihres Laptops. Es ist der Blick von Regungslosigkeit, den die Hauptangeklagte in bislang 51 Prozesstagen perfektioniert hat. Nicht ein einziges Mal schaut sie auf, es gibt keinen Blickkontakt mit der Frau, die ihren Vater verloren hat. Im Saal treffen zwei Frauen aufeinander, deren Leben unweigerlich miteinander verbunden sind. Es wäre die Gelegenheit für eine Konfrontation – auf die jedoch keine von beiden Wert legt.

Gamze Kubasik hat am Zeugentisch neben ihrem Anwalt Sebastian Scharmer Platz genommen, ihre glänzenden schwarzen Haare fallen über den blauen Pullover. Die 28-Jährige nimmt als Opferangehörige über die Nebenklage am Prozess teil. Nun kann sie dem Gericht schildern, welche Wendung ihr Leben nach dem 4. April 2006 genommen hat. Es war der Tag, an dem ihr Vater kurz vor 13 Uhr mit zwei Kugeln im Kiosk der Dortmunder Familie erschossen wurde – der Anklage zufolge von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Das Geschäft betrieb die Familie seit zwei Jahren. Morgens um sechs schloss Mutter Elif an dem Tag auf. Zur Mittagszeit übernahm dann Mehmet Kubasik. Gamze Kubasiks jüngere Brüder gingen in den Kindergarten und die Realschule, die Tochter besuchte ein Berufskolleg. Nach Schulschluss kam sie oft in den Laden. Hatten die Täter den Moment des Mords absichtlich gewählt, um den Vater zu treffen? Wie die meisten der NSU-Morde wirkt auch dieser sorgfältig geplant.

Verhöre und falsche Verdächtigungen

Als Gamze Kubasik am 4. April zum Kiosk kam, standen Polizeiwagen vor der Tür, umringt von Passanten. "Oh nein, da ist die Tochter", sagte jemand. Sie sollte sich in einen Streifenwagen setzen. Irgendwann kam ein Polizist dazu: "Frau Kubasik, Ihr Vater ist tot." Die Tochter schaltete ab, reagierte nicht mehr, "es kam mir vor wie ein Traum", sagt sie.

Tatsächlich fing der Albtraum erst an. In den kommenden Tagen folgten Verhöre. Die Ermittler fragten, ob der Vater im Kiosk Drogen verkauft habe, ob er zur Mafia oder zur PKK gehört habe, ob er andere Frauen gehabt habe. Alles verneinten Mutter und Tochter. Männer in weißen Anzügen kamen in die Wohnung, mit Drogenspürhunden suchten sie in den Zimmern und im Auto der Familie. Die Kubasiks akzeptierten das, sie vertrauten den Ermittlern.

Doch mit der Zeit sickerten die Verdachtsmomente in der Nachbarschaft durch. "Wenn ich rausging, haben die Leute hinter meinem Rücken getuschelt: 'Der soll Drogen genommen und an Kinder verkauft haben'", sagt Kubasik. Ein Jahr lang traute sie sich kaum aus dem Haus, sie fand keinen Schlaf, wie sie mit bebender Stimme berichtet.