"Ich kann gegen die Frau nichts Schlechtes sagen." Es klingt wie eine Entschuldigung, was die Zeugin Katrin F. gleich zu Beginn ihrer Vernehmung sagt. Ein Dreivierteljahr wohnte sie direkt über der netten Nachbarin Lisa Dienelt, die ihre Vierzimmerwohnung mit zwei Männern teilte. Um das Jahr 2005 lebten die beiden Frauen in nächster Nähe in der Polenzstraße 2 am westlichen Rand der Zwickauer Innenstadt. Nach Jahren treffen sie nun im Münchner Oberlandesgericht wieder aufeinander. Die vorgebliche Frau Dienelt hieß in Wahrheit Beate Zschäpe, heute angeklagt als mutmaßliche Terroristin.

Sieben Jahre lebte die Hauptangeklagte gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Polenzstraße, von 2001 bis 2007. In diese Zeit fallen acht der zehn Morde, die dem NSU zur Last gelegt werden. Im März 2007 zogen die drei schließlich in die Frühlingsstraße 26, ihre letzte Wohnung, die 2011 ausbrannte.

Wie das Trio lebte, wie es mit den Nachbarn redete, das sind wichtige Mosaikteile bei der Frage nach Zschäpes Schuld. Der NSU-Prozess hat eine neue Richtung eingeschlagen: Das Gericht hat sich von der Untersuchung der Mordfälle abgewandt und ergründet nun den Alltag der Terrorzelle. Am 56. Prozesstag sind dazu drei ehemalige Nachbarn geladen. Die Richter wollen zum einen abklopfen, welche Verbindungen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt während ihrer Zeit im Untergrund pflegten.

Zschäpe war beliebt bei Nachbarn

Zum anderen interessieren sie sich für das Bild, das die Nachbarn von den Mietern nebenan gewannen. Die Bundesanwaltschaft wirft Zschäpe vor, ihre Aufgabe in der Gruppe sei die "Abtarnung" vor dem Umfeld gewesen – schließlich sollte niemand etwas von den extremistischen Plänen oder der rechten Ideologie der drei mitbekommen.


Auch Katrin F. sah nur die bürgerliche Fassade des Trios. Die heute 43-Jährige traf zwar nur selten die beiden Männer, mit Frau Dienelt ließ sich aber immer gut ein Schwätzchen halten – man traf sich im Hof beim Wäscheaufhängen oder beim Putzen im Treppenhaus. Frau Dienelt war beliebt in der Nachbarschaft, "nett und freundlich", sagt F. Sie spielte mit den Kindern, brachte Süßigkeiten mit, einer klammen Familie kaufte sie öfters mal Lebensmittel. Daheim hielt sie zwei Katzen, weil sie seit einer Unterleibsoperation keine Kinder mehr bekommen könne, erzählte sie einmal.

Und dennoch: Trotz aller Offenherzigkeit ließ sich Frau Dienelt nicht so recht in die Karten schauen. Von privaten Angelegenheiten habe sie nicht gesprochen, sagen sowohl Katrin F., ihr Mann Martin und der damalige Hausmeister Uwe S.. Die Männer in der Wohnung seien Dienelts Freund und dessen Bruder gewesen – wer von beiden welcher war, das bekam allerdings keiner der Nachbarn raus.

Wussten Nachbarn von den Waffen?

Auch wunderte sich F. über ein Gespräch der beiden Männer, das sie zufällig mitbekam: Sie hätten gesagt, sie müssten jetzt noch die Waffen holen "und dann legen wir richtig los". F. sprach Frau Dienelt darauf an – die gab sich ungewöhnlich offen: Ja, sie besäßen Waffen in der Wohnung, ihre Mitbewohner hätten dafür Waffenscheine und seien im Schießverein. "Ich habe mal zu meinem Mann gesagt: Nicht, dass die mal auf uns schießen", erzählt F.

Heute will F. das Gespräch so allerdings nicht mehr geführt haben. Sie habe an "Computerwaffen" für PC-Spiele gedacht, sagt sie: "Ich wusste ja nicht, dass die richtige Waffen hatten."  Von echten Pistolen sei nicht die Rede gewesen, sagt sie zur Überraschung der Prozessbeteiligten. Wie sie Waffenschein und Schützenverein damit zusammenbringt, kann sie nicht mehr erklären.