Diesmal ist alles anders. Von Beginn an. Eigentlich sind es die Obleute des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses gewohnt, den Zeugen bohrende Fragen zu stellen. Und selbst dann bekommen sie oft nur einsilbige Antworten. Oder sie hören eine Variante des Satzes "Daran kann ich mich nicht erinnern". Nicht so, als Siegfried Mundlos am Montag in Erfurt vor das Landtagsgremium tritt. Es ist das erste Mal, dass er vor einem NSU-Untersuchungsausschuss aussagt.

Man sieht es dem untersetzten Mann mit den graumelierten Haaren und den tiefschwarzen, buschigen Augenbrauen nicht an. Als er umlagert von Fotografen und Kameraleuten in den Sitzungssaal im Neubau des Landtags geht, sagt er kein Wort. Er lässt den Medienrummel geduldig über sich ergehen. Aber kaum hat der inzwischen pensionierte Informatikprofessor Platz genommen, wird klar: Mundlos ist ein Mann mit einer Mission.

Erstens will er einen Beitrag leisten, dass die Hintergründe der rechten Mordserie aufgeklärt werden, für die die NSU verantwortlich gemacht wird und bei der sein Sohn Mitglied war. Zweitens will er seiner Variante dieser Aufklärung Raum geben.

Siegfried Mundlos redet sich immer wieder in Rage – und stellt Fragen, statt sie zu beantworten. Was genau auf einem Polizeibericht zum Auffinden des mutmaßlichen Fluchtautos des Terrortrios vermerkt gewesen sei, möchte er gleich zu Beginn wissen. Oder: Was mit dem Anfang 1998 gefundenen Sprengstoff gewesen sei. Und: was es mit den Inventarlisten auf sich habe, die die Polizei bei Durchsuchungen angefertigt hat.

Die Ausschussvorsitzende, Dorothea Marx, muss ihn schließlich darauf hinweisen, dass in diesem Ausschuss normalerweise die Parlamentarier die Fragen stellen und die Zeugen antworten. Der Einwand ändert nichts. Mundlos fragt sich und die Obleute weiter. Er redet, klagt an, rechtfertigt und spekuliert – so viel, dass es den Abgeordneten schwer fällt, innerhalb ihres jeweiligen Zeitkontingents mehr als eine Frage zu stellen.

Zweifel an der Arbeit des Verfassungsschutzes

Was der 66-Jährige in seiner gut zweistündigen Befragung sagt und fragt, mischt viele der bekannten Theorien zum Versagen der Sicherheitsbehörden bei der Fahndung nach Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe noch einmal neu. 

Die drei waren in den Untergrund gegangen, nachdem drei Garagen in Jena am 26. Januar 1998 durchsucht wurden. Erst 2011 tauchten sie wieder auf. Mundlos' Sohn und Uwe Böhnhardt wurden tot in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach gefunden. Beate Zschäpe, die sich derzeit in München vor Gericht verantworten muss, soll noch das Versteck der drei in Zwickau angezündet haben, ehe sie sich der Polizei stellte. Dem NSU werden unter anderem zehn Morde zur Last gelegt.

"Man hat gewusst, wo die drei sind"

Mundlos äußerte in Erfurt erhebliche Zweifel daran, dass der Verfassungsschutz und die Polizei die drei wirklich finden wollten. "Man hat gewusst, wo die sind, dass sie in Chemnitz sind. Man hätte sie in den ersten vier Wochen fassen können", sagte er. Die Zielfahnder des Landeskriminalamtes hätten von Anfang an eindeutige Hinweise gehabt, er selbst habe zumindest eine Ahnung gehabt.  

Sein Sohn habe schon vor der Durchsuchung der Garagen persönliche Kontakte nach Chemnitz gehabt. Allerdings hätten die Eltern von Uwe Böhnhardt ihm damals gesagt, die beiden Männer seien gemeinsam mit Zschäpe nach Mecklenburg zu Verwandten der Böhnhardts gefahren. Hätte er diese Auskunft nicht bekommen, sagt Mundlos, wäre er selbst nach Sachsen gefahren, um sie zu suchen. Er sei schon "drauf und dran" gewesen.