ZEIT ONLINE: Herr Gerheim, in einem unserer Leserartikel beschreibt ein Freier, dass er neben seiner Beziehung offen zu Prostituierten geht. Er sagt, Freier wie er würden Sexarbeiterinnen nicht ausbeuten, sondern respektvoll behandeln. Wen gibt es häufiger, den respektvollen Freier oder den frauenverachtenden?

Udo Gerheim: Nach meinen Feldbeobachtungen und der Analyse von Freier-Internet-Foren überwiegen wahrscheinlich respektvolle Geschäftsbeziehungen. Die Männer unterscheiden sich nicht von der Normalbevölkerung, alle Schichten und Altersgruppen sind vertreten. Die meisten lehnen Zwang und Gewalt ab. Allerdings kann ich das auf quantitativer Ebene nicht abschließend belegen, die Datenlage in diesem Bereich ist für die Bundesrepublik katastrophal.

ZEIT ONLINE: Was motiviert Männer, zu Prostituierten zu gehen?

Gerheim: Ich habe in meinen Interviews mit Freiern vier Motivmuster festgestellt, die sich überschneiden können: Das erste Motiv ist ganz einfach das Bedürfnis nach Sexualität und Körperlichkeit in jeder Spielart – allzeit verfügbar, ohne Werbephase, soziale Erwartungen und ohne die Angst, zurückgewiesen zu werden von privat zum Teil unerreichbaren Sexualpartnerinnen.

ZEIT ONLINE: Sex mit Respekt, aber ohne Verantwortung.

Gerheim: Ja. Aber zweitens gehen manche Freier auch mit sozialen Wünschen zu Sexarbeiterinnen. Viele von ihnen wollen vor allem kommunizieren und suchen nach Zärtlichkeit. Sie fühlen sich einsam oder sind schüchtern und sehen in der Sexarbeiterin eine besondere Frau, die sie umsorgt und die nicht weiterträgt, was sie ihr anvertrauen. Es gibt allerdings auch den frauenverachtenden Zweig dieses Motivs: Männer, die die Sexarbeiterin beschimpfen, demütigen, sie zu Praktiken zwingen, die sie nicht wollen, bis hin zur Vergewaltigung. Sie erotisieren oft das Elend, gehen bewusst auf den Drogenstrich, wo sie Frauen finden, die unter elenden Bedingungen arbeiten.

Zum Dritten gibt es Freier, die psychische Motive haben, die vielleicht gerade eine Selbstwertkrise oder eine Depression erleben. Der Prostitutionsbesuch ist für sie nur der Rahmen, in dem neurotische Konflikte, Scham- und Schuldgefühle ausagiert werden können.

Zuletzt fühlen sich manche Männer von der Prostitution als "geheimnisvoller", unbekannter Subkultur, vom Normverstoß angezogen. Sie wollen einmal etwas Verrücktes, vielleicht sogar Gefährliches tun, in dem sie in das verruchte Rotlicht-Milieu eintauchen. Furcht und Ungewissheit paart sich mit Lust.

ZEIT ONLINE: Warum gehen Männer zu Zwangsprostituierten?

Gerheim: Im Gegensatz zum Drogenstrich ist das Elend der Zwangsprostituierten nicht unbedingt offensichtlich zu erkennen, etwa durch blaue Flecken, sonstige Gewaltanzeichen oder Panik. Die betroffenen Frauen haben zu viel Angst, um zu zeigen, in welcher Situation sie sind. Viele Freier dürften aber auch nicht genau nachfragen und legitimieren ihr Handeln mit dem Gedanken: "Wofür ich bezahlt habe, das ist in Ordnung." Das Leid und die Geschichte der Sexarbeiterin verschwindet dahinter, wird nicht beachtet oder ist egal.