Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat anlässlich des 75. Jahrestags der Reichspogromnacht für einen "aufgeklärten Patriotismus" geworben. "Junge Menschen dürfen stolz auf unsere Heimat sein. Aber mit einem Unterbau aus Erkenntnis", schreibt Knobloch in einem Kommentar in der Bild-Zeitung.

Vielen erscheine der Holocaust weit entfernt von der eigenen Lebensrealität. Dies sei jedoch "ein Irrtum", schreibt Knobloch. "Schuld und Schande sterben mit den Tätern. Verantwortung bleibt!"

Die Geschichte habe gezeigt, wie zerbrechlich Freiheit und Demokratie seien, schreibt Knobloch weiter. Es gelte daher, nicht wegzusehen, zu verharmlosen oder zu schweigen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik beruhe auf der Lektion, dass Menschenverachtung nicht hinnehmbar ist. "Wer stolz auf unser Land sein will, muss sie lernen – und beherzigen! Das bedeutet: erinnern, erkennen, einstehen", fordert Knobloch.

Bundespräsident Gauck hält Gedenkrede in Frankfurt an der Oder

In der gesamten Bundesrepublik finden am 75. Jahrestages des Pogroms gegen die jüdische Bevölkerung, das unter dem Namen Reichskristallnacht lange Zeit verharmlost wurde, Gedenkveranstaltungen statt. Bundespräsident Joachim Gauck wird am Nachmittag zunächst eine am 9. November 1938 niedergebrannte Synagoge in Eberswalde besuchen. Am Abend hält Gauck dann eine Gedenkrede in Frankfurt an der Oder.

Auf Twitter dokumentieren fünf Historikerinnen und Historiker die Wochen vor und nach dem Pogrom. Für ihr Projekt @9nov38 – Heute vor 75 Jahren nutzten sie Tagebücher, Postkarten oder Zeitungen. "Unsere Tweets sind datumsgenau und – wo es geht – uhrzeitgenau. Was wir am 7. November 2013 schreiben, ist am 7. November 1938 passiert", sagt Moritz Hoffmann, der das Projekt initiierte.

Während der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 waren rund 1.400 Synagogen, tausende jüdische Geschäfte, Arztpraxen, Betriebe und Wohnhäuser in Deutschland und Österreich binnen weniger Stunden zerstört worden. 400 Menschen wurden getötet. In den folgenden Tagen wurden mehr als 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt.